James Benning

Claudia Slanar, Barabra Pichler


Von ersten und letzten Bildern

Ein Sandsturm im Death Valley; Morgenfrost im Sierra National Forest; ein Waldbrand im Martis Valley; die San-Andreas-Verwerfung. In einem seiner schönsten Filme, dem 2002 entstandenen "Sogobi", bringt James Benning in 35 Einstellungen, jede davon exakt zweieinhalb Minuten lang, sein Verständnis von Kino zur Ansicht: Sorgsam komponiert und penibel vermessen, präsentiert er mit dem letzten Teil seiner – aus "El Valley Centro" (1999), "Los" (2000) und "Sogobi" bestehenden – Kalifornien-Trilogie Bilder der amerikanischen Wildnis, die in ihrer Detailbesessenheit an die Gemälde eines Winslow Homer erinnern.
Letzterer war für die Genauigkeit seiner farblichen Nuancierungen bekannt und dafür, dass er seine Ölbilder direkt am Meer malte. Jeder Gischtturm lässt bei Homer das Tosen des Ozeans erahnen – und tatsächlich gibt es auch in "Circling the Image", einer James Benning gewidmeten Dokumentation von Reinhard Wulf, eine Szene, in der dieser das Stativ seiner Kamera in das Wasser eines von dreizehn amerikanischen Seen stellt.
Doch James Benning ist kein Maler. Wenngleich seine Art, die amerikanische Landschaft (aber immer wieder auch ihre Menschen und Industrie) festzuhalten, unweigerlich an andere große Visionäre – etwa Thomas Cole, John Muir oder Henry D. Thoreau – denken lässt, ist Benning, 1942 in der Industrieregion Milwaukee geboren, nicht nur einer der letzten großen Außenseiter des amerikanischen Kinos, sondern auch ein originärer Filmemacher und einer der wenigen, die diese Bezeichnung tatsächlich noch verdienen. Erst in den letzten Jahren vor allem als Landschaftsfilmer bekannt geworden, der in starren Kadrierungen seinen Blick auf Seen ("13 Lakes") oder in den Himmel ("Ten Skies") richtet, erzeugt Benning eine ganz spezifische Erfahrung von Kino: als Dauer ("Duration brings narrative to my films"), als Struktur und als Form einer eigenen Schönheit, die den Bildern innewohnt.
Über die Filme James Bennings zu schreiben bedeutet deshalb immer auch, über erste Bilder zu schreiben, über Wahrnehmungsbilder, die am Beginn einer scheinbar endlosen Folge stehen. Ende der Siebzigerjahre sei er in seiner Heimat an einem Eisenbahnwaggon vorbeigekommen, der auf einer Brücke über dem Menominee River stand. Damals sei ihm zum ersten Mal klargeworden, welch große Rolle die Zeit als Funktion von Landschaft spiele: "Ich begann zu filmen. Nach ein paar Minuten flog ein fallendes Blatt ins Bild und fiel weiter, auf das stille Wasser hinunter. Es erzeugte fast kein oder gar kein Geräusch auf der Wasseroberfläche und trieb dann stromabwärts aus dem Blickfeld. Auf diese Weise denke ich über Landschaft nach."
Um diesen Zusammenhang von Raum und Zeit zu verstehen und vor allem im Kino zu erfahren, genügt der sprichwörtliche erste Blick freilich nicht: Die unzähligen Autos, die in "Los" auf einem sechsspurigen
Highway am Auge des Betrachters vorbeiziehen, geben erst in ihrer
Gesamtheit und ihrer unablässigen Aneinanderreihung eine Vorstellung von industrialisiertem Schrecken und Schönheit; der Lauf des Wassers, das
in "El Valley Centro" riesige Landwirtschaftsbetriebe am Leben erhält, erzählt zugleich von einer neuen Form der Landnahme des amerikanischen Westens; und die Gräber, die sich
in "Four Corners" (1997) bis in den Bildhintergrund erstrecken, berichten am geografischen Schnittpunkt zwischen New Mexico, Arizona, Colorado und Utah zugleich von der Geschichte des Landes.
"Von all diesen Geschichten", bemerkte der Filmkritiker Jonathan Rosenbaum einmal dazu, "ist die interessanteste aber jene, in der jeder einzelne Zuschauer die anderen miteinander verbindet." Das ist zusammengefasst das Credo von James Benning: Die Leinwand wird bei ihm zur Projektionsfläche nicht der Emotion, sondern der Reflexion. Das letzte Bild ist die Gesamtheit aller Bilder im Kopf des Betrachters.

Benning, der seit vielen Jahren am California Institute of the Arts (CalArts) unterrichtet und durch die Lehrtätigkeit seine filmische Arbeit erst ermöglicht, ist ein im
positiven Sinn eigennütziger Filmemacher. Seit Mitte der Siebzigerjahre ist er mit der Kamera als Fährtenleser unterwegs, und jeder der von ihm besuchten Orte erzähle ihm, so Benning, auch etwas von seinem eigenen Leben. Das hat weniger mit Spiritualismus zu tun als mit Konzentration. Denn jedes Bild erzählt nicht nur immer die Geschichte seines Betrachters, sondern auch die
seines Gestalters.
In "Circling the Image" sieht man Benning mit dem Auto durch die Gegend fahren, auf der Suche nach "Schauplätzen". Er räsoniert über die physische Anstrengung und darüber, dass die besten Einstellungen oft jene seien, die mit der Mühe des Suchens und Wartens verbunden sind. Zwischendurch bleibt er immer wieder stehen, legt die Hände hinter die
Ohren, um dem Wind und den Wellen zu lauschen. Auf diese Weise Filme zu drehen könne er nur alleine, meint er dann, auch wenn es ihm leidtue, seine Freude über das gefundene "richtige" Bild nicht mit jemandem teilen zu können.
Das mag auch der Grund sein, weshalb Benning gerne zu den Orten seiner Arbeit zurückkehrt, wie in "One Way Boogie Woogie / 27 Years Later" (1977/2004) zu den Schornsteinen und Schienensträngen von Milwaukee. Mit seiner jüngsten Arbeit widmet Benning der Eisenbahn gleich einen ganzen Film: "RR" durchmisst die Weite der amerikanischen Landschaft anhand der sie durchziehenden Eisenbahnlinien. In 37 Einstellungen durchqueren Güterzüge das Bildfeld, und mit ihnen die Geschichte und das Erbe einer ganzen Nation.

Michael Pekler in FALTER 45/2007



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