Lukas Resetarits. "Es ist bitte Folgendes..."

Iris Fink, Hans Veigl


"Ich komme in die Hölle

Lukas Resetarits hat eine schwere Zeit hinter sich. Vor vier Jahren musste er sich einer Krebsoperation unterziehen, zwei Jahre lang trank er keinen Alkohol, und voriges Jahr hat er sich von seiner Frau getrennt. Derzeit aber ist Resetarits in Feierstimmung: Er wurde unlängst sechzig, steht seit genau dreißig Jahren auf der Bühne und erfüllt sich einen Herzenswunsch: In dem außertourlichen Programm "Amerika", das nur zwei Mal gespielt wird, singt er – begleitet von seinem langjährigen Pianisten Robert Kastler und dem Streichquartett String Fizz – Songs von Randy Newman. Der US-Amerikaner ist, wenn man so will, der Kabarettist unter den Songwritern. Newmans Texte sind scharfe Satiren auf den amerikanischen Traum, wobei die Kritik auf Umwegen daherkommt: Wie ein Kabarettist in verschiedene Rollen schlüpft, setzt Newman sich in jedem Song eine andere Charaktermaske auf. Wer den subtilen Witz dieser Stücke mitkriegen will, muss schon genau hinhören – oder Lukas Resetarits fragen.
Falter: Anlässlich Ihres dreißigjährigen Bühnenjubiläums singen Sie Songs von Randy Newman. Möchten Sie mit dem Programm "Amerika" einen derzeit nicht sonderlich populären Staat rehabilitieren?
Lukas Resetarits: Um einen bestimmten Widerspruch geht's mir schon. Einerseits war ein Teil meiner Jugend von den USA geprägt – wobei wir immer Amerika gesagt haben, wenn wir die USA gemeint haben. Andererseits fällt es einem heute verdächtig leicht zu sagen: "So ein Trottelvolk!" Da muss man dann schon dazusagen: Der Randy Newman, zum Beispiel, ist auch Amerikaner.
Haben Sie als Jugendlicher von Amerika geträumt?
Als Kind hab ich mir sogar schon Gedanken darüber gemacht, wie ich das mit dem Namen Resetarits mache, wenn ich nach Amerika geh. Rider habe ich mir überlegt. Oder Reset – damals hat's ja noch keine Resettaste gegeben. Für mich als Kroate aus dem Südburgenland waren die USA das goldene Land. Es sind ja ganz viele Burgenland-Kroaten rübergegangen – in der Zwischenkriegszeit hatte eine amerikanische Schifffahrtslinie in Oberwart ein eigenes Büro, weil so viele ausgewandert sind!
Waren Sie jemals drüben?
Ja, aber jedes Mal wäre ich beim Immigration-Schalter am liebsten gleich wieder umgedreht. Da setzen sie bekleidete, enthirnte Orang-Utans hin! Mittlerweile ist das so schlimm geworden, dass ich dort sicher nicht mehr hinfahren werde. Ich werde es verkraften. Aber eine unerfüllte Sehnsucht bleibt.
Im Mittelpunkt des Abends steht der satirische Singer-Songwriter Randy Newman. Wie lange verfolgen Sie den schon?
Seit fast vierzig Jahren. Damals hab ich noch am Flughafen in Schwechat gearbeitet, und ein Kollege hat aus den USA eine Platte mitgebracht, ich glaube, es war "12 Songs" (das zweite Newman-Album von 1970, Anm. d. Red.). Wie ich das gehört hab, ist bei mir sofort etwas im Hirn explodiert.
Sie sind burgenländischer Kroate, Newman ist amerikanischer Jude, beide kommen Sie aus der Provinz. Empfinden Sie so etwas wie Seelenverwandtschaft?
Das war mir am Anfang gar nicht so bewusst. Aber da ist irgendwas in den Kompositionen, in den Akkorden, in der Stimme, das ganz tief in mich reingegangen ist. Der Unterschied ist, dass er aus einer sehr gediegenen Filmkomponistenfamilie kommt. Wenn ich Newman höre, denke ich mir manchmal: Scheiße, hätten sie mich doch mit Prügeln zum Klavier getrieben!
Heli Deinboek hat einmal eine Platte mit deutschen Übersetzungen von Newman-Liedern aufgenommen, Sie singen auf Englisch. Warum?
Ich hab mein Mapperl mit Newman-Übersetzungen auch in der Lade. Aber ich nehm's dort nicht heraus. Ich will den anderen, die ihn schon übersetzt haben, nicht zu nahe treten, aber das ist eine Entscheidungsfrage. Für mich ist das so groß, dass ich's nicht verkleinern möchte, da hab ich einfach zu viel Ehrfurcht. Der Newman-Abend ist also insofern eine Minderheitengeschichte, als man ziemlich gut Englisch können muss. Ich werde aber ein bissl was erklären – nämlich die Sachen, die ich selber erst rausfinden hab müssen.
Haben Sie da pädagogische Ambitionen?
Schon, obwohl mir alle raten, mich da eher zurückzuhalten. Ich möchte auch nicht als der Prawy vom Newman auftreten. Obwohl ich gefährdet bin.
Sind die Songs eigentlich schwer zu singen?
An sich schon. Aber er singt ja selber nicht gut. Trotzdem scheiß' ich mich ein bisschen an. Die Verrisse hab ich schon im Kopf: "Karaoke gegen Bezahlung". Aber ich geh ja nicht auf Welttournee damit, im Grunde ist das ein Geschenk, das ich mir selber mache. Ich will diese Lieder singen – und als Vorwand mache ich ein Programm dazu.
Sie werden rund zwanzig Songs spielen, hauptsächlich Titel von den Alben "Sail Away", "Good Old Boys" und "Little Criminals" – Ihre Lieblingsplatten?
Ja, das sind die, die in mir über die vielen Jahre praktisch die ganze Zeit gespielt haben. Die Lieder kann ich auf Anhieb singen – wobei es jetzt beim Proben natürlich passiert, dass mir die Texte auf einmal nicht mehr einfallen!
Ich möchte ein paar Songs mit Ihnen besprechen.
Gern!
Fangen wir mit "Back on My Feet Again" an – eine Nummer, die Newman im Nachhinein selbst ziemlich "strange" fand.
Kann man so sagen. Da sitzt ein Typ in einer Heilanstalt für Geisteskranke und sagt dem Doktor, er soll ihn rauslassen. Und dann erzählt er ihm die Geschichte von seiner Schwester, die mit einem Schwarzen abgepascht ist. Der geht dann aufs Häusl, wascht sich und kommt als Weißer raus – er ist, wie sich herausstellt, ein Millionär, der nur schauen wollte, ob sie ihn auch wirklich liebhat. Man sieht, dass der Newman auch ein Tiefenpsychologe ist, die Freud-Partie schwebt immer im Hintergrund. Da wird einer wahnsinnig, weil ein Schwarzer seine Schwester pudert – und dann ist der gar kein Schwarzer! Oder er ist ein Schwarzer, und der Bruder bildet sich die Geschichte nur ein ...
Ganz entschlüsseln lässt sich die Nummer nicht. Auch das ist nicht untypisch für Newman.
So ist es. Ich glaube, er schreibt so was auch nicht mit dem Geodreieck. So gebildete Leute wie er haben einen dermaßen reichen Schatz im Schädel, dass sie so einen Text aus einem Gefühl heraus schreiben können. Wenn er in Interviews über seine Songs spricht, überlässt er manchmal dem Journalisten die Interpretation. "Ich weiß eigentlich gar nicht mehr, wie das damals gemeint war." Das rinnt so aus ihm raus.
Er liebt es auch, seine Hörer musikalisch in die Irre zu führen. "Back on My Feet Again" etwa klingt sehr positiv und optimistisch.
Ja, da gibt es etliche Beispiele dafür. Mir ist noch etwas Interessantes aufgefallen: Wenn bestimmte Bläsersätze von einem Streichquartett gespielt werden, haben die so einen wienerischen Anklang, wie beim Heurigen!
Newman spielt in jeder Nummer eine neue Rolle. In "God's Song" ist er sogar Gott.
Das ist einer der allerwichtigsten Songs! Newman ist, soweit ich das herauslesen kann, ein ziemlicher Agnostiker. Ich habe den Eindruck, die Gottesfrage ist in seinem Bewusstsein nicht so zentral; in der Konkursmasse hätte sie die Gläubigernummer 40.378 oder so. Aber: Rundherum befasst man sich damit, also wird's auch thematisiert. In dem Lied geht's um die Vorstellung von einem Gott, der einen liebt. Die Leute beklagen sich bei Gott: "Du bringst uns die Kinder um, du zündest uns die Häuser an!" Aber Gott sagt nur: "Ihr seids mir scheißegal! Die Yuccapalme ist mir wichtiger!" Und dafür, dass sie so dumm sind, ihn trotzdem zu verehren, liebt Gott die Menschen: "That's why I love mankind." Großartig.
Wie halten Sie es mit der Religion?
Ich hab mich schon lange davon entfernt. Mein Jugendkaplan war der Adolf Holl. Ich war so zwölf, 13 Jahre alt, als er uns auf theologisch ziemlich hohem Niveau das Gnadenprinzip erklärt hat, das sich im Grunde nicht sehr vom Fatalismus unterscheidet. Holl sagt, im Grunde kann man's nicht erzwingen. Du hast die Gnade, oder du hast sie nicht. Und in derselben Stunde hat er uns erzählt, dass man nicht in die Hölle kommt, wenn man 26 Herz-Jesu-Freitage beichten und kommunizieren kommt. Da denkt sich schon der Zwölfjährige: "Oida, des geht si jetzt aber ned aus." Dieser tiefe innere Zweifel hat mir den schmerzfreien Abgang ermöglicht. Ich sehe immer wieder Leute, die sich irgendwann von der Kirche abgewandt haben – aber dauernd ein schlechtes Gewissen haben. Ich bin ein Heide, ich werde in die Hölle kommen. Ich sag das jetzt auch immer in meinem Programm: "Die Oaschlöcher, die sich christlich-sozial nennen und glauben, dass sie in den Himmel kommen, die werden in die Hölle kommen. Dort bin aber schon ich, und i bin a Oaschloch! Also, sie werden's ned leiwand haben."
Der Newman-Song "Political Science" ist eine bitterböse Satire auf die US-Außenpolitik. Da träumt einer davon, die ganze Welt zu bombardieren: "Let's drop the big one!" Klingt nach einer Anti-Bush-Nummer, ist aber von 1972.
Das ist so was von aufgelegt, das ist unglaublich. Dieses "Let's drop the big one!" scheint in den USA ganz tief drinnenzustecken. Ab dem Moment, wo sie die Atombombe gehabt haben, wollten sie's "droppen". Man muss sich vorstellen: Der schreibt ein Lied, das fahrt 35 Jahre dahin und ist die ganze Zeit gültig! Jetzt mehr denn je.
"Rollin'" ist ein schönes Trinkerlied. Da kommt einer am Abend nachhause und genehmigt sich ein paar Drinks.
Ich würde sagen, er hat schon was getrunken.
Sie meinen, der Mann ist bereits betrunken, als er nachhause kommt?
Sagen wir, er ist schon in einer angenehmen Welle. Das Lied widme ich dem pensionierten Professor Mader von Kalksburg (Trinkerheilanstalt im 23. Bezirk, Anm. d. Red.). Es ist die Analyse einer gewissen Art des Alkoholismus. Der Typ trinkt sich die Depression weg: "I never thought I'd make it but I always do somehow."
Sie selbst haben einen Alkoholentzug hinter sich. Trinken Sie jetzt gar nichts mehr?
Ich hab zwei Jahre nix getrunken. Jetzt trinke ich wieder, habe aber einen völlig anderen Zugang dazu. Heute kann ich zu einem guten Essen ein gutes Glas Wein trinken. Einfach, weil's schön ist. Und nicht, weil man nicht weiß, was man sonst trinken soll. Früher hab ich zuerst fünf Gspritzte und dann sieben Achtel bestellt – dabei hab ich weder einen Gspritzten wollen noch ein Achtel! Das verselbstständigt sich. Und dann kommst du in dieses Depressionsradl. Ich hab immer geglaubt, zuerst kommt die Depression, dann der Alkohol. Aber der Professor Mader sagt: Nein, zuerst der Alkohol, dann die Depression. Letztlich ist das eine Henne-Ei-Problematik.
Wie hat sich Ihr Leben ohne Alkohol verändert?
Körperlich geht's einem sehr schnell besser. Man kommt auch drauf, dass man den Schmäh ned verliert – im Gegenteil: Man wiederholt sich nicht.
Was bestellen Sie denn jetzt, wenn Sie zum Wirten gehen?
Am Anfang hab ich Almdudler getrunken – da haust du dir aber an einem Abend ein Kilo Zucker rein. Jetzt trinke ich meistens Mineralwasser. Ich bin nicht mehr so ein guter Gast wie früher.
Ihr Stammwirt in Bisamberg ist mittlerweile in Pension gegangen. Sind dafür Sie verantwortlich?
Es könnte vielleicht auch damit zu tun haben. Wenn mein Alfa beim Fuchs-Wirten vor der Tür gestanden ist, war das, wie wenn du eine Fahne raushängst. Dann sind die anderen auch stehen geblieben. Und ich war immer der, der überbrückt hat. Oft bin ich um drei gekommen, dann sind um fünf die ersten gegangen, und ich bin geblieben, bis die nächste Partie gekommen ist.
Aber das war Ihnen doch nicht unangenehm, oder?
Nein. Aber man kommt irgendwann drauf, dass man da schon viel Zeit unnötig versitzt. Oft war das ein ganzer Arbeitstag!
Hätten Sie früher jemals gesagt, dass Sie ein Alkoholproblem haben?
Nie! Ich hätte gesagt, ich hab das unter Kontrolle. Das hatte ich auch, immerhin hab ich ja meine Programme gespielt. In den dreißig Jahren bin ich insgesamt vielleicht zwei, drei Mal angsoffen auf die Bühne gegangen – einmal ganz am Anfang, da hab ich eh gleich einen Kreislaufkollaps gehabt. Aber de facto war das schon Alkoholismus, das wollen viele nicht wahrhaben.
Ich dachte, wenn man trockener Alkoholiker ist, darf man überhaupt nichts mehr trinken.
Das wäre die nächste oder übernächste Stufe gewesen. Da muss man dann voll abstinent sein. Und ich hätte mir den Genuss genommen, einfach ein gutes Glaserl zu trinken. Früher hätte ich gesagt: "Geh scheißen! A Glaserl gibt's ned! Minimum san viere!"

Wolfgang Kralicek in FALTER 45/2007



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