Sündenfall. Die Grenzüberschreitungen des Filmemachers Ulrich Seidl

Stefan Grissemann


Leiden mit Perspektive

Oben rauscht die Autobahn, weit darunter, in einer Kiesgrube, brüllt ein Ausbildner seine Männer an: "I such Securities, kaane Warmduscher!" Er lässt die Burschen gebückt stehen, boxt sie in die Magengrube. So beginnt Ulrich Seidls "Import / Export", ein Film, in dem es um Hierarchien geht. Um Oben und Unten, Sadismus und Masochismus, aber auch um andere Niveauunterschiede: Werte wie die menschliche Würde, die sich die eine bewahrt, während der andere sie längst verloren hat. "Import / Export" ist Seidls dritter und zugleich präzisester, in sich stimmigster Spielfilm. Stärker als die beiden ersten geht das Drehbuch vom Dokumentarischen aus. Zunächst sind da immer gefundene Orte und Milieus: eine Romasiedlung in der Slowakei, ein Krankenhaus in der Ukraine, ein russisches Webcam-Studio, ein österreichischer Oberschichthaushalt, das Geriatriezentrum Lainz. Die fiktive Handlung, die hier stattfindet, speist sich aus der Detailbeobachtung und beinhaltet den systemkritischen Kommentar der Autoren.
Wenige Alltagsrituale wie das Schlangestehen um den Monatslohn oder das mühselige Wasserschleppen in Kanistern verorten die ukrainische Krankenschwester Olga (Ekateryna Rak) in einem Zustand kurz vor der Erschöpfung. Olgas Entschluss, in einem Webcam-Pornostudio zu arbeiten, ist nur eine weitere Mühsal. Demütigen lässt sie sich den ganzen Tag; nun zahlen österreichische Chatter ganz gezielt für diesen Vorgang.
Österreichisches Geld fließt nach Russland: Export. Die Bilder von Olgas aufgespreizter Scham gehen nach Österreich: Import. Doch wer verliert in diesem Spiel ökonomischer Machtverhältnisse die Würde? Wenn die letzte Einstellung des Films Olga als eine Art Marienfigur zeigt, ist klar, wem Seidls Sympathie gilt.

Diese mitfühlende Nähe zu einer Figur gab es in früheren Arbeiten Seidls nicht. Einer grotesken Welt stand er als stets präziser, aber skeptischer Beobachter gegenüber. Ihre Entsprechung fand diese Haltung in seiner Lieblingseinstellung, dem Mugshot-Framing, für das er seine Protagonisten "an die Wand stellte" und abfilmte wie fürs Verbrecheralbum.
Solche Aufnahmen sind in "Import / Export" rar. Stattdessen hat die Kamera (Ed Lachman, Wolfgang Thaler) die Raumtiefe entdeckt. Selbst die Krankenhausflure reichen zentralperspektivisch in die Weite. So deprimierend sie auch sein mögen, fotografiert sind die Räume, als läge in der Ferne Hoffnung. Und das ist ein großer Unterschied.

Maya McKechneay in FALTER 45/2007



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