Und nehmen was kommt

Ludwig Laher


Zum Beispiel Monika

Monikas Schönheit lenkt ab, macht es manchmal schwer, dem zu folgen, was sie erzählt. Früher, im Kinderheim, gaben ihr die anderen Mädchen den Spitznamen Whitney Houston. Das war es, was ihnen zu Monikas Gesichtszügen einfiel, zu ihrer makellosen, braunen Haut, ihren dunklen, langwimprigen Augen und ihren glänzenden, schwarzen Locken. Ein paar Jahre später wird sie ihr damaliger Freund Joe einmal an diesen schwarzen Locken packen, zu Boden reißen und wie ein totes Stück Wild durch die Straßen nachhause schleifen, und Joes Vater wird zu ihm sagen: "Warum verkaufst du sie nicht endlich, diese abgefuckte Hure?"
Monika ist heute 26 und lebt mit ihrem Mann Philipp in einer niederösterreichischen Kleinstadt. Sie sitzt in ihrer Küche am Esstisch, rauchend, eine Tasse Tee vor sich. Philipp sitzt ihr gegenüber. Normalerweise geht Monika zum Rauchen vor die Wohnungstür, wo ein Aschenbecher neben dem Fußabstreifer steht. Weil sie nervös ist und über sich sprechen soll, raucht sie herinnen. Es ist eine gemütliche Küche in einer gepflegten Zweizimmerwohnung in einem schönen alten Haus mit Kreuzgewölben und Säulengängen. Monika und Philipp haben eine getigerte Katze namens Pici. Pici ist tschechisch für Muschi, sagt Monika und lacht. Sie haben sie an der tschechisch-österreichischen Grenze aufgelesen. Mit der Katze spricht Monika tschechisch. Es ist die Sprache, die sie von allen am besten beherrscht. Ihre Muttersprache ist es nicht. Im Kinderheim in Tschechien sammelten Roma-Kinder wie Monika Strafpunkte für schlimme Verfehlungen, zu denen auch die Verwendung ihrer Muttersprache Romanes gehörte. Monika versteht Romanes noch gut, spricht es aber nicht mehr fließend. Ihr Deutsch ist unsystematisch, mit schwerem Akzent. Ein Ausdruck dessen, wie man jahrelang mit ihr gesprochen und was sie sich selbst zusammengereimt oder aufgeschnappt hat. "Aber du hast schon viel dazugelernt", sagt Philipp.
Deutsch lernte Monika als gerade volljährig aus dem Kinderheim entlassene 18-Jährige, nachdem sie von Roma-Freunden betrogen und an einen nebenbei zuhälternden tschechischen Familienvater namens Frantisek verkauft worden war. Es blieb ihr nichts anderes übrig. Die Autos, die am Rand der vielbefahrenen, grenznahen Ausfallstraße stehen blieben, an der Frantisek Monika aufstellte, hatten fast ausschließlich deutsche Nummernschilder. Ohne wenigstens ein bisschen Deutsch oder Englisch ging gar nichts. Und wenn nichts ging, schlug Frantisek sie zuhause zusammen. Er machte sich nicht die Mühe, seine Kinder oder seine bügelnde Frau ins Nebenzimmer zu schicken. Monika bemühte sich also, schnell Deutsch zu lernen. Beigebracht hat es ihr eine Straßenstrichkollegin durch das gemeinsame Einüben einschlägiger Dialoge für die Geschäftsanbahnung mit Freiern: "Lustig ist das meistens, weil Barbora, die immer den Kundenpart spielt, vom eitlen Gockel bis zum nervösen Tolpatsch alle Männer als unterbelichtet darstellt, voller grotesker Perversionsfantasien und unendlich lächerlich." Monika wird zur speed-, koks- und alkoholbenebelten Sexdienstleisterin, die ihre Ängste und Aggressionen erfolgreich ins professionelle Repertoire einer Domina umwandelt, um sich, wann immer es geht, den Geschlechtsverkehr zu ersparen. Die den Wechsel vom Straßenstrich in die Grenzbordelle und -clubs als relativen Aufstieg empfindet und von einem kriminellen Lebensgefährten, der sich von ihr aushalten lässt, regelmäßig halb tot geprügelt wird.
Ihr wirklicher Name ist nicht Monika. Und die Geschichte des dokumentarischen Romans, den der oberösterreichische Schriftsteller Ludwig Laher über sie geschrieben hat und aus dem auch das obige Zitat stammt, ist "aus dramaturgischen und anderen Gründen nicht ganz eins zu eins die Geschichte dieser Frau", sagt Laher. Trotzdem besitzt sein Buch "Und nehmen was kommt" in Monika sein reales Vorbild. Ludwig Laher arbeitet an einer Trilogie über das neue Mitteleuropa. Über das, was darin vom alten Mitteleuropa geblieben ist, vor allem an seinen Nahtstellen, die noch dieselben sind wie früher, und über die Verwertung von Menschen in dieser neu geordneten Welt. Verwertung von Menschen klingt technoid, nach Fließband, Fabrik und Tierfutterherstellung, und ist gerade deswegen ein präziser Ausdruck, denn um die literarische Vermessung dieses Phänomens geht es. Um Menschen, so Laher, die "als reine Toren durch die Welt gehen und aus Gründen, die nicht bei ihnen liegen, die Füße nicht auf den Boden kriegen". Die zu immer neuem Futter für den schnell wachsenden Wirtschaftszweig der Menschenverwertung werden, der sich so leicht als unvermeidbarer Kollateralschaden des neuen Europa betrachten lässt. "Alle fretten sich irgendwie durch, fahren die Ellbogen aus und nehmen, was kommt, zum Beispiel Monika", heißt es in Lahers Buch, das nach diesem Satz seinen Titel trägt und der erste Band der geplanten Trilogie ist. Monika ist das ostslowakische Roma-Mädchen, das darin in mehreren Etappen und im Bewegungsrhythmus einer kontinuierlichen Abwärtsspirale einer ausführlichen, jahrelangen Verwertung zugeführt wird: Kindheit in äußerster Armut in einer Roma-Siedlung, Trennung von der geliebten Großmutter, Ermordung der Mutter, Kinderheimjahre, Selbstverletzungen und Selbstmordgedanken, Aggressionen und Albträume, Straßenstrich, Gewalterfahrung und Gewalttätigkeit, Drogen, Ausschluss von Bildung und Selbstbestimmtheit, Missbrauch, körperlicher Schmerz und Raubbau, eine Odyssee durch die Provinzbordelle und -clubs an den Grenzen zwischen Polen, Deutschland, Tschechien, der Slowakei und Österreich.
Monika sagt, es sei komisch gewesen, Ludwig Laher ihre Geschichte zu erzählen. Komisch, weil sie es nicht gewohnt war, dass man ihr überhaupt so lange zuhörte. Komisch, weil sie eigentlich nicht mehr darüber nachdenken wollte, und weil es ihr dabei gleichzeitig leicht und schwer ums Herz war. Philipp hielt es von Anfang an für eine gute Idee. "Ich wusste immer, dass es eine Geschichte ist, an der sich viel ablesen lässt. Ich war ja früher am Theater", sagt er in seinem schönen Deutsch, in dem die Sprechausbildung des ehemaligen Schauspielers anklingt. Philipp hoffte auf einen therapeutischen Effekt für seine Frau und eine Entlastung für sich selbst. Der einzige Anlaufpunkt für Monikas Traumata zu sein, ist nicht immer leicht, sagt Philipp, und als Monika ihn fragend anschaut: "Darüber haben wir schon ein paar Mal geredet, erinnerst du dich?" Monika nickt. Ab dem Moment ihres Kennenlernens war Monikas Geschichte auch die von Philipp. Die Geschichte eines Österreichers aus bürgerlichen Verhältnissen, der, wie Ludwig Laher sagt, "den Mut hatte, in seiner Rolle als Freier nicht anonym bleiben zu wollen".
Monika und Philipp lernten einander vor ein paar Jahren in dem Sexclub an der österreichisch-tschechischen Grenze kennen, in dem sie damals arbeitete. "Ich habe mir gedacht, von diesem arroganten Mann kriege ich keinen Cent extra", beschreibt Monika ihren ersten Eindruck, und Philipp sagt darauf lächelnd: "Na komm, dann waren es aber doch fünfzig Euro." Monika lacht. Man merkt, dass Monika und Philipp, wie alle Liebespaare, die Ouvertüre ihrer gemeinsamen Geschichte schon oft miteinander besprochen haben. Das gehört zum Ritual.
Es ist die prekäre Begegnung zweier ungleich Versehrter. Philipp, der mehr als zehn Jahre älter ist als Monika, hat eine Scheidung hinter sich, Monika die Trennung von ihrem gewalttätigen Freund Joe. Sie vertraut niemandem. Und sie hasst Männer. Philipp will in dieser Zeit eigentlich nichts, als sich gelegentlich ein bisschen amüsieren. Beide haben ganz andere Sorgen, als sich ineinander zu verlieben.
Es ist keine Geschichte vom edlen Freier, der eine schöne, dankbare Hure aus dem Sumpf zieht, keine glatte Pretty-Woman-Story im Rotlichtmilieu, sondern ein seltsames Nichtlockerlassen, ein zittriges, enttäuschungsbereites Vor und Zurück bei gleichzeitiger sturer Unerschrockenheit auf beiden Seiten. Von Monikas Seite ist es ein Prozess einer erstaunlichen Selbstermächtigung unter widrigsten Bedingungen. Sie treffen einander öfter, auch außerhalb des Clubs, sie reden, sie missverstehen sich, sie streiten viel, sie trennen sich, sie helfen einander auf, sie ziehen voreinander den Hut. Einmal nimmt der eine einen neuen Anlauf, dann der andere. Monika habe ihm damals kalt-warm gegeben, sagt Philipp, und dass es viel öfter hin und her gegangen sei zwischen ihnen als in Ludwig Lahers Buch beschrieben. In Erinnerung an die Anstrengung bläst er die Wangen auf und stößt hörbar die Luft aus. Monika sagt: "Ich wollte ruhig sein, aber es ist nicht gegangen. Vorher war immer alles Disco, Club, Alkohol, Drogen, Freundinnen. Nach der Trennung von Joe wollte ich Spaß haben. Ich habe am Anfang auch immer bis zu Mittag geschlafen. Ich hatte diesen Nachtrhythmus."

Philipp fährt mit Monika nach Italien: "Sie hat dort zum ersten Mal das Meer gesehen und es sofort geliebt. Wir haben gestritten im Auto, und dann war da das Meer und der Streit war vorbei." Sie fliegen auch nach Thailand. "Thailand hat geholfen mit den Drogen", sagt Monika, "Wenn ich bei ihm war, habe ich keine Drogen gebraucht."
Irgendwann beschließen sie, zusammenzubleiben. Trotz der Warnungen von Monikas Freundinnen aus dem Club. Die österreichischen Männer sind Arschlöcher, sagen sie zu Monika, irgendwann wird er dich auch schlagen und verkaufen. Heute ist Monika ihren Freundinnen dafür böse. Sie hat keinen Kontakt mehr zu ihnen.
Schnell heiraten Monika und Philipp. Noch am Tag der Hochzeit plagt Monika die Eifersucht, weil sie fürchtet, Philipp könnte es sich anders überlegen, stattdessen womöglich zu seiner Exfrau zurückkehren wollen.
Nach Wien zu ziehen, wo Philipp damals wohnt, kommt für Monika nicht infrage. "Die meisten Freier im Club waren aus Wien", sagt sie. Philipp erzählt von einem Spaziergang auf einem Wiener Christkindlmarkt, den sie damals in der Vorweihnachtszeit gemacht haben. Für Monika ist es ein Ausflug, bei dem sie sich von lauter potenziellen Freiern umgeben sieht.
Also ziehen sie in eine kleine Stadt in der Provinz. Sie bauen sich einen Alltag. Philipp arbeitet als Taxifahrer, Monika hat einen Job als Zimmermädchen in einem Hotel und denkt über eine Ausbildung zur Altenpflegerin nach. Ihren Deutschkurs hat sie nach drei Monaten abgebrochen, weil sie endlich ihr eigenes Geld verdienen wollte. Sie geht morgens um sieben aus dem Haus und nimmt den Bus. Sie arbeitet den ganzen Tag, macht die beruhigenden Handgriffe einer täglichen Routine, die sie zu beherrschen gelernt hat. Denkt nicht nach. Wenn sie nicht arbeitet, ist sie meistens zuhause. Wenn Philipp nicht Taxi fährt und auch da ist, schauen sie sich oft DVDs an. "Heute haben wir wieder sehr geweint beim Filmschauen", sagt Philipp und lacht. Und Monika sagt: "Ich weine immer." Philipp holt das DVD-Cover aus dem Wohnzimmer: Es ist der französische Film "Sie sind ein schöner Mann", in dem Michel Blanc einen Bauern spielt, der nach dem tödlichen Arbeitsunfall seiner Frau eine Heiratsvermittlungsagentur einschaltet, die ihm eine junge Rumänin vermittelt.
Monika hat sich mit ein, zwei Arbeitskolleginnen angefreundet. Ab und zu trifft sie eine davon auf einen Kaffee. Wenn die ihr dann von ihren Sorgen erzählt, etwa davon, dass sie mit ihrer Mutter Streit gehabt hat, sagt Monika gar nichts. Sie weiß nicht, was sie sagen soll. "Ich kenne das nicht." Auch Familienfeiern in Philipps Familie sind für sie schwierig. Sie hält sich dann ganz eng an ihren Mann, weicht nicht von seiner Seite. Es fällt ihr nichts ein, worüber sie bei solchen Gelegenheiten sprechen könnte. Es ist ein Terrain, auf dem sie sich nicht auskennt.
Als Monika vor kurzem Fieber hatte, sagte Philipp zu ihr: "Lass dich ein, zwei Tage krankschreiben." "Das geht nicht, ich muss arbeiten", antwortete Monika, ging dann doch zum Arzt und blieb zuhause. Dass sie als Angestellte Ansprüche und Rechte hat, dass sie zuhause bleiben kann, wenn sie krank ist, ohne ihren Job zu riskieren, ist für sie immer noch ungewohnt. Philipp sagt, er habe am Anfang keine Ahnung gehabt, wie wenig Monika von alltagspraktischen Dingen wusste. Nicht, wie man auf die Bank geht oder ein Konto eröffnet, wie man eine Rechnung zahlt, eine Zugfahrkarte löst oder ein Formular ausfüllt. Wer wie Monika nie frei über sich selbst verfügen konnte, ist auf Glauben und den guten Willen anderer angewiesen – aber gutem Willen ist Monika in ihrem früheren Leben kaum begegnet. Und jedes Mal, wenn sie den Mut aufbrachte, sich selbst zu helfen, scheiterte sie: Wie damals, als sie vor ihrem Zuhälter, der ihr den Pass abgenommen hatte, nach Prag fliehen wollte, wohin sie ein freundlicher Freier im Auto mitnahm. Monika irrt einfach nur ziellos in der großen Stadt herum und wartet auf einen Zufall, "statt dass sie sich nach Frauenhäusern erkundigt, dem Arbeitsamt oder ob sie eventuell Anspruch auf Sozialhilfe haben könnte. Aber dazu müsste man wohl wissen, sich zumindest vorstellen können, dass es Frauenhäuser gibt, Arbeitsämter und Sozialhilfe, oder man müsste zumindest die Kraft und das Selbstwertgefühl haben, sich immer wieder auslachen zu lassen, wenn man, noch dazu, ohne gültige Dokumente vorlegen zu können, blöde, tastende Fragen stellt, bis man endlich begreift, wie der Hase läuft, bis man den ersten vernünftigen Schritt setzen kann und dann den nächsten." Monika kehrt zu ihrem Zuhälter zurück. Die Strafe für ihre Flucht ist so brutal, dass sie wegen ihrer Verletzungen zwei Tage lang nicht auf den Strich geschickt wird – nicht aus Rücksicht auf ihre Schmerzen, sondern weil der Zuhälter findet, dass sich ein so lädierter Körper schlecht verkaufen lässt. "Ich war blöd, dass ich immer wieder zurückgegangen bin. Aber ich habe nicht gewusst, was ich sonst tun soll", sagt sie.
Auf dem Buchcover von Ludwig Lahers "Und nehmen was kommt" ist ein Foto zu sehen, das Monika zeigt. Auf der Straße würde man sie danach nicht erkennen, denn ihr zur Seite gedrehtes Gesicht ist angeschnitten. Und doch ist es ein sprechendes Bild: Eine filigrane, junge Frau in Jeans und ärmellosem T-Shirt. Ihre Unterarme sind voller paralleler Schnittnarben, am linken Oberarm ist ein großes Kreuz eintätowiert und darüber ein "M". Das M steht nicht für "Monika", sondern für "Mama". Ursprünglich war ein anderes Buchcover geplant. Aber als Ludwig Laher Monika die Entwürfe zeigte, auf denen eine andere Frau als Platzhalterin ihrer selbst zu sehen war, sagte sie: "Das schaut alles ganz gut aus, aber diese Frau hat keine Schmerzen." Monika schon. Auch die Narben, die sich schon lange geschlossen haben, tun ihr noch manchmal weh. Vielleicht sind es die Wetterumschwünge. Sie weiß es nicht. Monika streift die Ärmel ihrer Strickjacke und ihres braunen Rollkragenpullovers hinauf und zeigt ihre Unterarme. Weiße Schnitte, dicht an dicht, manche flach wie Striche, andere dick und wulstig.

Das zehnjährige Roma-Mädchen im tschechischen Kinderheim, das Monika einmal war, verschaffte sich durch das Schneiden mit Glasscherben Erleichterung. Das Jugendamt hatte sie und ihren jüngeren Bruder Jaroslav der Mutter weggenommen, sie einfach direkt von ihrem ersten Schultag aus der Klasse weggefangen, abgeführt, ins Heim eingeliefert. Ihre Mutter sieht sie nie wieder. Nach ein paar Monaten bleiben die Briefe der Mutter aus, irgendwann teilt man Monika mit, dass sie gestorben sei. Über die Umstände dieses Todes einer 29-Jährigen – ein vertuschter Mord – sagt man ihr nichts. Monika geht zum ersten Mal die Kraft aus. Sie denkt an Selbstmord, sitzt schon auf dem Fensterbrett im dritten Stock, als sie gerade noch von einer Erzieherin zurückgerissen wird. Für ihren Selbstmordversuch handelt sich Monika fünf Strafpunkte ein. Danach sammelt sie Strafpunkte am laufenden Band – für ihre Selbstverletzungen. "Ich wollte sterben. Wenn ich mich geschnitten habe, bin ich ruhig geworden", sagt sie. Das ist ihr Widerstand, die einzige Entscheidungsfreiheit, die sie hat: Wann, wie oft und ob sie sich Schmerzen zufügt. Darüber besitzt sie Macht: "Sie ist so groß, sie ist so klein."
Jetzt will Monika ihre Narben loswerden, und auch einige ihrer M-Tatoos. Philipp hat beim Taxifahren über einen Stammgast Kontakt zu einem Wiener Schönheitschirurgen aufgenommen. Der hat Monika untersucht und gesagt, dass er sie kostenlos behandeln wird. Nachgefragt hat er nicht.
"Meine Geschwister schneiden sich immer noch", sagt Monika. Gemeinsam mit Philipp ist sie nach Tschechien und in die Ostslowakei gefahren und hat ihren Bruder und ihre Schwester wiedergefunden. Auch ihren Vater. Keiner von ihnen hat Arbeit. Philipp und Monika haben dem Vater ein kleines Haus gekauft. Der Bruder hat mit seiner Freundin eine Zeitlang bei ihnen in Österreich gewohnt. Philipp hat versucht, dem Bruder, der Maurer ist, in Österreich eine Arbeit zu besorgen. Jaroslav hat die Chance nicht genützt. Monika spricht nicht gerne über ihre Familie: "Alle glauben, dass ich reich bin, weil ich mit einem österreichischen Mann verheiratet bin." Es gehe immer nur ums Geld. Monika hatte sich das Wiedersehen anders vorgestellt. Sie hatte gehofft, etwas von den schönen Erinnerungen an ihre früheste Kindheit wiederzufinden. An die Zeit, als sie der Liebling ihrer Großmutter war, die ihr die Haare kämmte und ihr Schlaflieder vorsang. Als sie zwar auch im Winter nur nasse Lappen an den Füßen trug und Hunger hatte, aber sich geliebt fühlte. Die Großmutter lehrte sie die unterwürfigen, mitleiderregenden Gesten und Blicke, die für erfolgreiche Betteltouren unerlässlich sind. "Die Blicke kann sie heute noch gut", sagt Philipp. Monika erwischt sich selbst noch manchmal dabei, wie sie, ohne es zu planen, das Bettel- und Schmeichelregister eines Kindes zieht. Sie hat es früher oft gebraucht. Manchmal als halbwegs wirksamen Schutz vor Gewalt, manchmal als einzige Möglichkeit, etwas zu bekommen, das sie brauchte. Nur langsam hat sie es sich abgewöhnt. Auch die Albträume sind weniger geworden. Die gemeinsame Arbeit an Ludwig Lahers Buch hat dabei geholfen.
Monika sitzt im Wohnzimmer auf dem Sofa und schaut sich die Kopie eines Fernsehbeitrags an, der vor kurzem zum Erscheinen von Ludwig Lahers Buch ausgestrahlt wurde. Monika sieht sich selbst in der Ferne zwischen Wiesen einen Feldweg entlanggehen und auf einer Bank sitzen. Sie sollte nicht zu erkennen sein, deshalb sind die Bilder verschwommen. Zusätzlich trägt sie eine dunkle Brille. Ihre Stimme wurde verfremdet und klingt seltsam tief. Monika kichert. Sie hört sich selbst beim Erzählen zu, hört sich schließlich sagen: "Früher habe ich gemacht, was andere Leute von mir wollten, jetzt will ich das machen, was ich will. Egal, ob das, was ich machen will, richtig oder falsch ist."

Julia Kospach in FALTER 45/2007



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