Entdecker der Wellness. Gesundheitskünste im alten China, Indien und Rom

Kurt Langbein


Hochsteigendes Herzfeuer

In der Praxis des Rektors der Wiener TCM-Universität, Andreas Bayer. Die Patientin ist schulmedizinisch durchuntersucht: Die Blutwerte sind in Ordnung, alle Organe sehen so aus, wie sie aussehen sollten, auch der Bewegungsapparat zeigt im Computertomogramm keinen erkennbaren Schaden. Aber sie leidet: an Schlafstörungen, mangelnder Konzentration, Nackenverspannungen, Rückenschmerzen und einer schlechten Verdauung.
Bayer geht der Sache auf den Grund. Nach einem eingehenden Gespräch fühlt er den Puls und betrachtet die Zunge. Bayers Diagnose: "Wenn ich ein Organ verwende, dann hat das nichts mit den Organen in der Schulmedizin zu tun. In der chinesischen Medizin bezeichnen wir dies als Funktionskreise. Wir sehen die Organe komplexer. Und das, was bei Ihnen passiert ist, ist, dass zwei Organe nicht mehr miteinander können. Das eine Organsystem, das an und für sich dem Körper Kraft gibt und die Energie liefert, hat im Chinesischen seinen Sitz im Unterleib. Das zweite Organsystem ist das, wo der Geist sitzt oder auch ruht. Wenn diese beiden Organsysteme nicht miteinander arbeiten, dann passiert es, dass Ihnen dieses Herzfeuer hochsteigt und nicht gekühlt wird. So bezeichnen das die Chinesen. Das heißt, Sie schlafen zwar, sind aber nicht erholt, wenn Sie aufwachen."
Bayer behandelt die Patientin mit Akupunktur und verordnet einen Kräutertee. Mit den feinen Nadeln sollen die Energieflüsse zum Verdauungstrakt und zur Wirbelsäule wieder normalisiert werden. Er steche jetzt zwei Punkte, kündigt Bayer an. "Sie werden ein bisschen den Nadelstich spüren. Das ist ein bisschen unangenehm. Wenn ich Sie jetzt zum Punkt führe, dann spüren Sie eigentlich kaum noch etwas, außer ein dumpfes Ziehen. Die zweite Nadel ist auf dem Nierenmeridian. Beide Nadeln helfen Ihnen, dass sich die beiden Organe harmonisieren und dass diese Energie von unten wieder nach oben aufsteigen kann."
Dann gibt Bayer der Patientin einen Punkt, den man aus Filmen kennt, das ist dort, wo sich die Inder den roten Punkt hinmalen. "In allen Kulturen ist dieser Punkt magisch, auch in der chinesischen Medizin. Bei uns ist es das dritte Auge, bei den Indern das geistige Chakra und in der chinesischen Medizin das Zentrum der Ruhe."
Der nächste Punkt dient dazu, dass das Herzfeuer, das bei der Patientin so hoch ist, nach unten geht und sich wieder beruhigt. Das ist schon alles. Und dauert circa eine halbe Stunde. Zwischendurch wird der Arzt immer wieder daran manipulieren, und die Patientin wird die Nadeln spüren, wie sie "miteinander reden". Die Chinesen sagen, sie spüren das Fließen vom Chi. Das heißt, sie merken, dass sich das ganze System harmonisiert, sind nach oben hin ruhiger und nach unten hin wärmer werdend.
Andreas Bayer resümiert den Unterschied in der Herangehensweise: "Patienten mit Ihrem Beschwerdebild können mit der Schulmedizin noch nicht behandelt werden, weil wir noch keine messbaren Veränderungen haben. Die chinesische Medizin geht anders heran. Sie sieht die Beschwerden des Patienten als erstes Zeichen des Auftretens der Erkrankung und kann daher früher einsetzen als die Schulmedizin. In diesem Sinn hat die chinesische Medizin eine vorbeugende Komponente, weil sie das Auftreten von den Beschwerden nachfolgenden Befunden verhindern kann.

Christopher Wurmdobler in FALTER 46/2007



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