Mein Leben für die Wirtschaft. Die Autobiographie

Alan Greenspan, Michaela Pelz, Jürgen Neubauer


Zwischentöne

In seinen fast zwanzig Jahren als Vorsitzender der US-Notenbank war Alan Greenspan für seine kryptischen Statements zur Zins- und Wirtschaftsentwicklung berühmt. In seiner Autobiografie ist er erstaunlich direkt: Bill Clinton war für ihn neben Richard Nixon der mit Abstand intelligenteste Präsident, den er kennen lernte. Und er erzählt von seiner Zeit als junger Jazzer, in der er mit späteren Größen wie Stan Getz in einem Ensemble spielte. Und doch: Je länger man in "Mein Leben für die Wirtschaft" liest, desto deutlicher wird auch, dass diese Direktheit dann doch wieder zurückgenommen wird. Denn nur so nebenbei erwähnt er etwa, dass die große Deregulierungswelle in den USA bereits mit Gerald Ford, also in den Jahren 1974/75, begann und nicht erst unter Ronald Reagan. So wird also en passant das gängige Bild der Anfänge des Neoliberalismus korrigiert.
Ähnlich unspektakulär streut Greenspan auch ein, dass wir zu wenig über die Zeit nach der Abschwächung der Globalisierungsdynamik nachdenken. Das ist ein spannender Perspektivenwechsel, bei dem die Globalisierung als Wachstumsprozess und nicht bloß – wie sonst üblich – als Öffnungsprozess von Märkten beschrieben wird. Und somit als etwas, das Schwankungen konjunktureller Art unterliegt. Deutliche Worte scheint Greenspan bei seinem Plädoyer für freie Märkte zu finden. Aber auch hier stellen die Zwischentöne wieder alles auf den Kopf. Denn es passt nicht zum Bild eines Marktradikalen, die berühmte "unsichtbare Hand" Adam Smiths als Institution zu deuten, die den Markt absichert. Wie sich Greenspan überhaupt bei genauerem Hinsehen als moderner Institutionenökonom entpuppt, der als zentrale Grundlagen einer funktionierenden Marktwirtschaft "die Qualitäten der Institutionen eines Landes" und die politische Arbeit in selbigem bezüglich "makroökonomischer Stabilität" bezeichnet.
Was bleibt, ist das Bild eines "Meisters des Dazwischen", der weiß, dass echte Dynamik nur zwischen Festschreibungen passiert. Und Dynamiken zu verstehen ist es wohl vor allem, was die Aufgabe eines Notenbank-Chefs ausmacht.

Christian Eigner in FALTER 45/2007



ANZEIGE


FALTER abonnieren
×