Auf der Borderline nachts um halb eins. Mein Leben als Deutschlandreporter

Joachim Lottmann


Lottmann sei "richtig böse", hat Rainald Goetz schon in den Achtzigern bemerkt. Nachdem er damals genau ein Buch herausbringen durfte – den Roman "Mai, Juni, Juli" –, war der selbsternannte Erfinder der deutschen Popliteratur schon wieder weg vom Fenster. Jetzt, zwanzig Jahre später, ist er mit den Romanen "Die Jugend von heute" (2004) und "Zombie Nation" (2006) sowie als Deutschlandreporter für Blätter wie die taz oder den Spiegel zurück im Geschäft. Und polarisiert immer noch, denn seine Texte sind gerissene Geisterfahrten zwischen Literatur und Trash, über deren Wahrheitsgehalt man sich nie in Sicherheit wiegen darf. Schon gar nicht, wenn sie sich als Reportagen von "dem Mann, der beim Spiegel Joachim Lottmann war" ausgeben. Das vorliegende lustige Taschenbuch versammelt Texte für Zeitungen und Zeitschriften und solche aus Lottmanns Blog.
Der manchmal gute, manchmal böse Onkel interviewt Tokio Hotel und besucht Berliner Sommerfeste der Parteien, er gibt sich bei einem Adelstreffen als Graf Lottmann aus ("Noch nie war ich so verhaltenssicher") und zeigt sich erschüttert darüber, wie überaltert die Grünen sind. Manches wirkt echt, manches herrlich erlogen, manches brutal geschmacklos. Langweilig aber wird Lottmann nie. Sein Kompendium des Borderline-Journalismus lässt Tom Kummer alt aussehen und ist das vergnüglichste Popsammelsurium seit Stuckrad-Barres "Deutsches Theater".

Sebastian Fasthuber in FALTER 45/2007



ANZEIGE


FALTER abonnieren
×