Russland nach Anna Politkowskaja

Garri Kasparow, André Glucksmann, Gertraud Auer Borea...


Die westliche Welt schielt argwöhnisch auf den Koloss zwischen Europa und Asien und schweigt diplomatisch. Schließlich handelt es sich nicht um eine offene Diktatur, sondern "nur" um ein autoritäres Regime, eine Grauzone, in der sich viele Staaten bewegen. Das Land verfügt zudem über gewaltige Rohstoffressourcen, und seine politische Elite hat ihr Vermögen im Westen angelegt, da sind höfliche Fragen günstiger als Sanktionen. So lautet Garri Kasparows Vorwurf an das Ausland. Der Exschachweltmeister wechselte 2005 auf das Schlachtfeld der Politik und will bei der nächsten Präsidentschaftswahl kandidieren. Der Begründer des oppositionellen Bündnisses "Das andere Russland" wirbt für ein ebensolches und dies nicht nur im eigenen Land. Im April dieses Jahres hielt er im Bruno-Kreisky-Forum einen Vortrag zu "Russland nach Anna Politkowskaja", der nun als Buch erschienen ist. Russlands totalitärer Kurs, der sich in der Ära Putin etabliert hat, so Kasparows scharfer Appell, werde verharmlost. Der Organisator der Dissidentenmärsche berichtet von seiner eigenen Verhaftung anlässlich einer friedlichen Kundgebung und wirft einen kritischen Blick auf das russische Machtsystem, das Menschenrechte missachtet, Medien gleichschaltet und mit einem korrupten Beamtenapparat kooperiert. Zugleich bietet der Band die Gewissheit, dass es eine Bürgerrechtsbewegung gibt, die schon zu viel demokratische Luft geschnuppert hat, um stillzuhalten.

Gudrun Braunsperger in FALTER 44/2007



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