Das Kult-Buch. Glanz und Elend der Kommerzkultur

Robert Misik


Wie geil ist Style?

"Lifestyle-Shopping" im "Urban Entertainment-Center"; das Ringen um den "Brand-Value" von Dingen, Personen und Staaten; das Selbst als Summe gekaufter "Identity-Goods" - Robert Misiks "Kult-Buch" bietet eine Tour d'Horizon durch den "Kulturkapitalismus" als "neueste Etappe der kapitalistischen Produktionsweise". Im Kulturkapitalismus, so der Tenor, wird nicht mehr vorrangig der Gebrauchswert von Dingen, sondern ihr kultureller Mehrwert produziert und konsumiert. Es zählt das "Image". Außerdem erwerben wir mit kulturell aufgeladenen Waren Identität, sie machen uns erst zu Trägern von Lifestyles und Werten.

In neun Kapiteln versammelt Misik nun theoretische Zugänge, die für ihn dieses kulturkapitalistische Paradigma begründen. Hier findet sich die Diskussion um den "Kreativen" als flexiblen Zeichenproduzenten und damit neue Arbeitnehmer-Leitfigur ebenso wie jene um die neuen Orte des Konsums, allen voran die Shoppingmall. Obwohl der etwas affirmative Ton, in dem Misik uns hier unter anderem die "Totalökonomisierung der Kultur" vor Augen führt, manchmal etwas befremdet, ist ihm eine brauchbare Zusammenschau der relevanten soziologischen und kulturwissenschaftlichen Ansätze aus den letzten Jahre gelungen.

Das Vorwort des "Kult-Buchs" trägt den Titel "Konsumkritik - aber richtig!" Die Einlösung des Versprechens, das auf diese Weise gegeben wird, bleibt Misik allerdings weitgehend schuldig. Und dass - wie mehrfach erwähnt - eine zeitgemäße kritische Haltung irgendwo zwischen marxistischer Konsumkritik (die der Autor immer nur als Witzfigur vorführt) und bedingungsloser Konsumgeilheit liegen müsste, war zu vermuten gewesen.

Der Autor strengt sich sichtlich an, das lückenlose Funktionieren des Kulturkapitalismus nachzuweisen, indem er zum Beispiel betont, dass Bioprodukt- und Fair-Trade-Käufer im Grunde auch nur Lifestylejunkies seien. Hier stellt sich allerdings schon die Frage, ob man Konsumethik tatsächlich in den Image- und Meinungsmärkten auflösen soll: Ist es wirklich egal, warum jemand Bioprodukte kauft? Dass das "Kult-Buch" versucht, sich um solche Probleme herumzuwinden, erklärt wohl auch das Schulterzucken des Autors, mit dem er am Ende nochmals betont, dass es ihm ja bloß um "Aufklärung" ginge, ansonsten aber die Leser aufgerufen seien, sich Strategien zur Rückgewinnung kulturkapitalistisch besetzter Räume zu überlegen.

Das "Kult-Buch" belegt, dass sich die mitunter auch selbst lifestylig schicken Theorien der vergangenen Jahre vor allem auf die Ebene der Symbol- und Zeichenproduktion konzentriert haben. Vielleicht wäre es aber gerade im Kontext einer Suche nach zeitgemäßen Formen von Kritik angebracht, sich wieder mit der Welt der Dinge zu beschäftigen.

Warum liegt in Wiener Supermarktregalen chinesischer Knoblauch? Wie verändert die "kreative Klasse" die Stadtviertel, in denen es zwar keinen Fleischer oder Schuhmacher mehr gibt, dafür aber zwanzig Coffeeshops mit Latte macchiato in drei Größen? Sollte man dort, wo mit einem "Image" nahezu unethische Gewinnspannen erzielt werden, die Produktkultur nicht doch wieder auf ihren Gebrauchswert und ihre Beständigkeit hin befragen? Und wie steht es um den Gebrauchswert und die Beständigkeit von Images und Kultwerten selbst: Fühlt sich ein Teenager nach dem Erwerb einer sauteuren Markenjeans tatsächlich wie ein cooler Skater - oder doch bloß wie einer, dem der Hosenschritt am Knie hängt?

Tina Thiel in FALTER 44/2007



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