Der entseelte Patient. Die moderne Medizin und der Tod

Anna Bergmann


Wenn Tote zucken

Bestimmt der Hirntod wirklich den definitiven Zeitpunkt des Todes? Bis wann befindet sich ein Mensch im Sterben, ab wann ist er "ganz" tot? Seit dem ersten Herzverpflanzungsversuch 1964 in den USA – als man das Herz eines Schimpansen in den Körper eines taubstummen Patienten transplantierte, der nach zwei Stunden an dem Experiment verstarb – hat sich die Transplantationsmedizin als Hightechmedizin in Riesenschritten weiterentwickelt – und Zehntausenden Menschen das Leben gerettet. Doch die Hirntoten sind in Wahrheit Sterbende, behauptet die Wissenschaftlerin Anna Bergmanns in ihrem Buch "Der entseelte Patient" .
Auch unter Ärzten und Pflegepersonal berührt das Thema ein Tabu. Das zeigen Gespräche mit Betroffenen, die unter der Zusicherung von Anonymität über ihre Erfahrungen sprechen. Österreich hat ein überaus liberales Transplantationsgesetz. Jeder medizinisch Geeignete gilt als potenzieller Spender, es sei denn, er legt zu Lebzeiten dagegen ausdrücklich Widerspruch ein. Angehörige haben kein Recht mehr, über die Organe des Verstorbenen zu verfügen. "Sie können davon ausgehen, dass die meisten gar nicht gefragt werden" , sagt der Intensivmediziner Prof. Dr. W., der nur unter Zusicherung der Anonymität zum Gespräch bereit war. Als hirntot – und damit als "ganz" tot – gilt nach der heutigen Definition der nachgewiesene, irreversible Ausfall sämtlicher Hirnfunktionen. Eine Todesdefinition, die, so der Vorwurf in Bergmanns Buch, exakt auf die Verpflanzungsmedizin zurechtgeschnitten wurde. Eine Definition, welche die sinnliche Wahrnehmung von Todeszeichen, wie Aussetzen des Herzschlags, Leichenblässe, Starre, zugunsten rein technisch zu erfassender Kriterien aufgegeben hat. Dazu kommt, dass es in verschiedenen Ländern verschiedene Todesdefinitionen gibt.
War im früheren Kodex zur Bestimmung des Hirntodes1 immerhin festgelegt, dass Hirntote zu keiner Bewegung mehr fähig sein dürfen, ist die sogenannte Areflexie in der neuen Definition nicht mehr enthalten. Anders ausgedrückt, Hirntote "dürfen" sich noch bewegen – und das tun sie auch. An der Durchsetzung dieser Todesdefinition war maßgeblich der deutsche Neurochirurg Wilhelm Tönnis (1898-1978) beteiligt. Während die Harvard-Kommission in ihrer Todesdefinition das zentrale Nervensystem morphologisch zum Gehirn rechnete – es als untrennbare Einheit auffasste – hatten Tönnis und seine Kollegen als erste das ZNS theoretisch auf das Innere der Schädelkapsel eingegrenzt und den "cerebralen Tod" ohne Berücksichtigung des Rückenmarks festgelegt.
So stellt sich für die Ärzte eine weitere ethische Frage. Warum werden hirntoten Patienten während der Explantation Opioide verabreicht? Das sind Beruhigungsmedikamente, die muskelentspannend wirken. "Die Anästhesisten bei uns handhaben die Verabreichung dieser Mittel ganz unterschiedlich. Manche geben mehr, manche weniger Schmerzmittel. Ich glaube, dass das ihre Ambivalenz spiegelt. Jeder will, dass der ganz sicher nichts mehr spürt", so eine Intensivschwester.
Denn trotz medizinisch und juristisch abgesegneter Hirntoddefinition zeigt sich im Klinikalltag, dass Entnahmen an hirntoten Patienten von den daran Beteiligten zum Teil als extrem belastend empfunden werden. "Es ist eine psychologisch schreckliche Situation für mich, wenn ich einen Patienten zur Explantation freigebe. Aber ich denke immer an die, denen ich damit helfen kann", so der Intensivmediziner Prof. Dr. W. Er erzählt, wie es früher war: "Vor zehn Jahren waren die klassischen Spender junge, verunfallte Motorradfahrer. Auf die haben alle immer gewartet. Ein Motorradfahrer bedeutete sieben gerettete Leben. Das war die Rechnung." Heute stamme das Organmaterial häufig von fünfzig- bis sechzigjährigen Patienten, die meist an Hirnblutungen verstorben sind.

Doch ob jung oder alt, das Procedere ist immer das gleiche, und "es wird schnell und fast immer in der Nacht explantiert", erzählt die Intensivschwester. Der Hirntod muss von zwei Neurologen diagnostiziert werden, ab diesem Zeitpunkt wird aus dem Patienten ein "Herz-Lungen-Paket", welches mittels Maschine am Leben und Atmen gehalten wird. Beginnt die Entnahme, reagieren drei von vier dieser Körper mit Bewegungen. Bergmann schreibt in ihrem Buch: "Neben Blutdruck- und Pulsreaktionen kann es zu Muskelzuckungen, (...) Hautrötungen und Schwitzen kommen." Wird das Herz nicht zur Transplantation verwendet, wird der Hirntote durch einen Schnitt in die Aorta ausgeblutet. Das Herz hört endlich auf zu schlagen.
In der Transplantationsmedizin wird der Spender also in einen "hirntoten Teil" plus lebenden "Restkörper" geteilt. Würde man den Ergebnissen gerade der neuen Hirnforschung Rechnung tragen, die menschliches Bewusstsein und Gefühle untrennbar im Zusammenspiel von Gehirn und Körper sieht, wären Explantationen von Hirntoten nicht mehr erlaubt, lautet Bergmanns Resümee. Sie zitiert den Neurologen Gerald Ulrich von der Freien Universität Berlin: "Auch dann, wenn wir sicher sein können, dass das gesamte Gehirn irreversibel zerstört ist, der restliche Organismus aber noch lebt, ist ein Hirntoter kein Leichnam, sondern ein Sterbender."

Silvana Schwitzer in FALTER 44/2007



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