Im Wendekreis der Wende

Thomas Maurer


"Die FPÖ war sehr lustig"

Seit zwölf Jahren schreibt Kabarettist Thomas Maurer im "Kurier" eine Medienkolumne. Jetzt erscheint sein Sammelband. Ein Gespräch über Hans Dichand,
Wolfgang Fellner und Nostalgie für Schwarz-Blau.

Obwohl er gerade erst vierzig geworden ist, gehört Thomas Maurer schon zu den längstdienenden Kabarettisten der Stadt: Vor 18 Jahren, im Oktober 1989, hatte sein erstes Programm, "Unterm Farkas hätt's des net geben", Premiere. Aber auch als Kolumnist blickt Maurer bereits auf eine lange Karriere zurück: Seit November 1995 erscheint in der Sonntagsausgabe des Kurier seine Kolumne "Medienmanege", in der Maurer aktuelle Ereignisse aus Medien, Politik und Gesellschaft satirisch kommentiert. Nach "Das Hirn muss einen Saumagen haben" (2000) ist im Czernin Verlag jetzt ein zweites Buch mit gesammelten Maurer-Kolumnen erschienen. "Im Wendekreis der Wende" enthält 104 Texte aus den Jahren 2000 bis 2007, umfasst also ziemlich genau die Ära Schüssel. Wer das Buch liest, wird staunen, wie viel es da dann doch zu lachen gab.

Falter: Der Schriftsteller Thomas Glavinic hat unlängst seinen Job als "Kurier"-Kolumnist quittiert, weil ein "Kurier"-kritischer Text angeblich nicht abgedruckt wurde. Ist Ihnen so etwas auch schon passiert?
Thomas Maurer: Einmal habe ich Chefredakteur Christoph Kotanko ein Alfred-Payrleitner-Zitat zugeschrieben. Das war ein kritischer Moment, zumal ich damals auch eine Gehaltserhöhung verhandelte. Aber das ist letztlich glimpflich ausgegangen. Mit Einstellung wurde mir noch nie gedroht, es hat nur ein, zwei Mal etwas angespanntere Situationen gegeben. Im Mediaprint-internen Streit zwischen Krone und Kurier hat der damalige Herausgeber Peter Rabl die Parole ausgegeben, den Dichand nicht ohne Not zu reizen. Das habe ich einmal halt einfach vergessen. Da war ich auch selbst beknirscht, weil ich meine Aufgabe ja nicht darin sehe, dem Dichand Bälle auf den Elferpunkt zu legen.
Worum ist es damals gegangen?
Das weiß ich gar nicht mehr. Aber die Kolumne ist erschienen. Und in letzter Zeit hatte die Krone innerhalb des WAZ-Konzerns andere Probleme als den Kurier.
Die Kolumne heißt "Medienmanege", ist aber keine klassische Medienkolumne. Können Sie schreiben, was Sie wollen?
Die Kolumne erscheint im Ressort "Kultur und Medien" – also unter einem sehr breiten Dach. Wenn man ein bisschen gelenkig ist, kriegt man da alles unter. Ich versuche, tagesaktuell zu schreiben und diesen Medien- und Kulturbezug nicht ganz zu verlieren, aber hätte ich diese Freiheit nicht, hätte ich die Kolumne nicht so lange durchgehalten.
Wie sind Sie zu der Kolumne gekommen?
Der damalige Ressortleiter Guido Tartarotti wollte eine satirische Kolumne und hat das gemacht, was in dieser Situation jeder gemacht hätte: Er hat Josef Hader angerufen. Der wollte aber nicht und hat auf mich verwiesen.
Wie finden Sie den "Kurier"?
Ich mag ihn schon deshalb, weil es am österreichischen Medienmarkt ein Wunder ist, dass es so eine Zeitung überhaupt gibt: Das ist der Versuch, eine normale Zeitung zu machen. Diese Grätsche, eine anständige Zeitung mit Anspruch zu sein und trotzdem eine gewisse Breite zu halten, führt nicht immer dazu, dass mir jede einzelne Kurier-Seite wahnsinnig gut gefällt, aber die Zeitung selbst ist mir nach wie vor sehr sympathisch. Und mir gefällt auch die Tatsache, dass meine Kolumne am Sonntag auf sehr vielen Frühstückstischen herumliegt.
Wie entsteht die Kolumne? Sammeln Sie die ganze Woche lang Material oder geraten Sie kurz vor Redaktionsschluss in Panik?
Panik gibt es sowieso immer. Auch wenn ich die ganze Woche Themen gesammelt habe, sitze ich am Freitag völlig abgefuckt da und wehre die freundlichen Einladungen des Sekretariats, meinen Text abzugeben, ab.
Haben Sie jemals daran gedacht, alles hinzuwerfen?
Jede Woche. Das ist aber bei den meisten Dingen, die ich mache, so. Diese Typen, die im Schreiben aufgehen, waren mir immer schon so unsympathisch wie Mitschüler, die immer gut aussahen und ohne etwas zu lernen durchkamen. Ich habe gerne etwas geschrieben, aber der Schreibprozess selbst ist mir wahnsinnig unangenehm. Ich komme ja aus einer Arbeiterfamilie und einem Hacklerbezirk, wo es hieß: "Hackln is oasch, aber das zieht man halt durch." Vielleicht habe ich das so internalisiert, dass ich zu den Freuden der kreativen Befriedigung gar nicht vorstoße.
Die Kolumnen in dem Buch decken die ganze Ära Schwarz-Blau-Orange ab. Wie ist es Ihnen beim Wiederlesen der Texte gegangen?
In gewisser Weise war natürlich ein bisschen Nostalgie dabei. Leute wie Elisabeth Sickl und Michael Krüger sind irgendwie alte Bekannte, es ist ein bisschen ein sentimentaler Abschied. Ich habe mich in diesen sieben Jahren sehr intensiv vor allem mit der FPÖ beschäftigt, da war ich Experte. Das ist aber Expertenwissen, das zunehmend irrelevant wird.
Wie beurteilen Sie die Schüssel-Ära im Nachhinein?
Wir hatten letztlich wahnsinnig viel Glück, dass es so gelaufen ist. Haiders Aufstieg wurde ja nicht von der Zivilgesellschaft gestoppt, sondern dadurch, dass die FPÖ doch deutlich minderqualifiziertes Personal in Regierungsämter entsandt hatte. Ich vertrete auch die Privatthese, dass die EU-Sanktionen viele Wirtschaftsleute aus dem FPÖ-Sympathisantenkreis davon abgehalten haben, sich diese Jobs anzutun. Wenn diese Leute in Paris essen gehen, wollen sie nicht, dass man am Nebentisch "Nazi" sagt. Da steigt die Lebensqualität nicht. Und wenn man sich nur Leute einfängt, denen man normalerweise nicht einmal die Kantine vom Sportplatz anvertrauen würde, dann rächt sich das.
Haben Sie aus dieser Zeit eine Lieblingsfigur?
Es war immer so eine Sado-Maso-Beziehung. Natürlich war es dankbar, über Peter Westenthaler zu schreiben, vor allem in der Knittelfeld-Zeit, als der Wahnsinn regierte, sich alle gegenseitig aus der FPÖ geschmissen haben und es wieder burleskes Personal wie Hilmar Kabas an die Oberfläche geschwappt hat. Das war schon sehr lustig.
Hat Hans Dichand schon einmal auf eine Kolumne reagiert?
Er hat ein oder zwei Mal sogar in so Cato-Kastln geantwortet, allerdings ohne meinen Namen zu nennen.
Wer ist schlimmer, Dichand oder Fellner?
Hmmm, schwer zu sagen. Wenn Fellner das Zukunftsmodell ist, muss man sich vor ihm mehr fürchten. Andererseits bin ich nicht sicher, ob der Dichand überhaupt jemals sterben wird – weil ich glaub, er will nicht.
Hat sich die "Krone" in den letzten Jahren verändert?
Jetzt haben sie wieder ein bisschen Tritt gefasst. Unter Schwarz-Blau waren sie teilweise ja total orientierungslos, weil der Schüssel einfach komplett mit dem Krone-Konsens gebrochen hat.
Kann man sagen, dass das ein Verdienst von Schüssel war?
In gewisser Weise natürlich. Das hat die Krone schon ziemlich ins Schleudern gebracht. Dichand war gegen Schwarz-Blau, aber während der Sanktionen musste die Krone winselnd und ihre Wunden leckend dann doch in den Chor einstimmen. Danach war die Krone eine Zeitlang wirklich orientierungslos: Da gab's wochenlang Ausgaben, wo einfach Nachrichten dringestanden sind!
Haben Sie jemals daran gedacht, Journalist zu werden?
Die Frage hat sich nie gestellt. Ich bin ja auch Kabarettist geworden, ohne mir das vorher jemals überlegt zu haben. Grafiker wollte ich werden, eventuell Cartoonist. Mit 15 habe ich in der Wunderwelt (1988 eingestellte Kinder- und Jugendzeitschrift, d. Red.) einen Comic gezeichnet. Allerdings hab ich damals schon so spät abgegeben, dass der nach drei Folgen beendet wurde. Ich habe auch den Manfred Deix besucht und wollte, dass er mir erzählt, wie man Cartoonist wird. Er hat mir zwei Biergegeben, das war super. Ein großer Moment meiner Jugend.
Wieso kommt der ORF in Ihren Kolumnen eigentlich so wenig vor?
Dafür, wie wenig ich zum Fernsehen komme, kommt er eh viel vor.
Das heißt, die größte Reform aller Zeiten ist an Ihnen vorbeigegangen?
Das hab ich schon mitgekriegt, zumal im Zuge der Reform ja auch meine Literatursendung im Orkus verschwunden ist. Das Blödeste war, diese größte Reform aller Zeiten anzukündigen. Das hat einen wahnsinnigen Druck erzeugt und eine Erwartungshaltung, an der du sowieso nur scheitern kannst.
Seit heuer machen Sie im ORF die Comedyserie "Die 4 da". Ist das noch ein Projekt aus der Lindner-Ära oder schon Teil der Reform?
Die Idee stammt noch aus der Lindner-Ära. Die Sendung hat aber insofern von dem Wechsel profitiert, als in der Umsetzung unter der Lindner einiges wohl schwieriger gewesen wäre.
Ihre Lebensgefährtin ist Sex-Kolumnistin beim "Falter", in Doris Knechts Kolumne kommen Sie öfters vor, mit Thomas Glavinic sind Sie befreundet. Gibt es in Ihrem Bekanntenkreis überhaupt noch Leute, die keine Kolumne schreiben?
Wenige. Aber ich glaube, das gilt allgemein. Wir nähern uns einer relativen Mehrheit an Österreichern, die zumindest in Österreich schon einmal Kolumnist waren. Wobei sich mir noch nicht erschlossen hat, warum ich zum Beispiel eine Marika-Lichter-Kolumne lesen sollte.
Erinnern Sie sich noch an die Werbekampagne vor dem "Österreich"-Start, als Wolfgang Fellner verkündete: "Ich habe einen Traum"?
Ich träume ja auch oft einen Blödsinn. Aber normalerweise wacht man bei solchen Träumen schweißgebadet auf.
Fellner wollte angeblich ein Qualitätsblatt wie die "Süddeutsche" für Österreich machen.
Na ja, wenn der Fellner die Süddeutsche übernimmt, schaut die sicher auch so aus!
Zu dem Kolumnenbuch kommt auch das Programm "Papiertiger" heraus. Was ist davon zu erwarten?
Das ist im Prinzip eine Lesung, aber mit relativ viel freiem Text. Das soll einen gewissen Freestyle-Faktor haben.
Eine letzte Frage zu den Kolumnen: Wer ist eigentlich in der aktuellen Regierung Ihre Lieblingsfigur?
Die Kdolsky ist schon ein bissl aufgelegt. Und mich rührt Wilhelm Molterer. Dieses Bemühen um Autorität! Der Gusi hat nach wie vor die Instinktgabe, immer leicht neben der Spur zu laufen – was auch interessant zum Anschauen ist. Aber er ist so ehrgeizig, dass ich überzeugt bin, er wird noch in die Kanzlerrolle finden. Allerdings ist nicht gesagt, dass er den Beruf dann noch ausübt.

Nina Horaczek in FALTER 43/2007



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