Böse Schafe

Katja Lange-Müller


Schrei nach Zärtlichkeit

Ich war dabei, mich aufzugeben, bis ich dein Heft las und entdeckte, dass ich ja mit dir reden, dir sogar schreiben kann." Die hier spricht, heißt Soja, und der Angesprochene, Harry, ist seit beinahe zehn Jahren tot. Was kann eine solche Rede bewirken, ein Monolog, dem das Gegenüber fehlt, weggestorben ist oder vielleicht gar nie existiert hat? Soja gibt ihr Motiv am Ende des Romans preis. Es geht um einen Film, den sie "unseren Film" nennt und den sie vor ihrem inneren Auge abspielen lassen kann, wieder und wieder: "Wir liegen auf den Matratzen, Kopf an Kopf, bewegen uns kaum, atmen flach. Deine Augen sind geschlossen, meine schauen hoch zum offenen Fenster ... Wir haben einander und Zeit; nichts sonst, doch davon ganz viel, obwohl es scheint, als existiere sie gar nicht mehr."
Soja ist 39 Jahre alt, als sie Harry kennen lernt, der ihrem Leben wenigstens für kurze Zeit einen Sinn gibt. Mittlerweile zählt sie knappe fünfzig, vom Leben wagt sie kaum noch mehr zu erwarten als die ewige Wiederholung dieser Erinnerung, jene "Freiheit verheißende Bedürfnislosigkeit" neben Harry, "ein betörend undramatisches Glück".
In Katja Lange-Müllers neuem Roman "Böse Schafe", der es auf die Shortlist zum diesjährigen Buchpreis der Frankfurter Buchmesse geschafft hat, geht es um Sucht. Denn Harry ist ein Junkie, wie er im Buche eines Westberlins stand, das sich an seinen Sonderstatus im Kalten Krieg, die Mauer und die Stagnation so gewöhnt hatte, dass sich niemand den nahen Umbruch auch nur vorstellen konnte. Soja ihrerseits ist abhängig von Harry, co-abhängig, wie das so (un)schön heißt – und auch ein bisschen von ihrem geliebten, im Übermaß konsumierten Rotwein.
Im April 1987 laufen sich die beiden auf offener Straße in die Arme, der heroinsüchtige Exknastbruder mit Einfühlungsvermögen nur für Hitler und Honecker und die erst vor wenigen Jahren geflüchtete DDRlerin, benannt nach einer von den deutschen Faschisten hingerichteten Partisanin. Von der "Stütze" und einem Blumenjob lebend, ist es ihr nicht gelungen, "einen dieser Westmänner aus halbwegs sortierten Verhältnissen" für sich zu gewinnen. Harry hat also leichtes Spiel. Mit Kakaoduft, blauen Augen und seiner sanft abweisenden Art reklamiert er sich in Sojas Leben hinein, und nicht einmal die grässliche Harlekinpuppe, die er ihr beim ersten Date überreicht, kann es verhindern, dass sie ihm Platz macht bis zur Selbstaufgabe.
Beide sind gelernte Schriftsetzer, beide heißen Krüger. Aber: "Wir stimmten nicht miteinander überein und passten auch nicht zusammen, weder äußerlich noch sonst wie." Aufeinander angewiesen aber sind sie definitiv – Harry auf Sojas aufopfernde Unterstützung bei seiner sogenannten Resozialisierung, die er eiskalt ausnutzt und mit billigen Geschenken und abgelutschten Koseworten wohlfeil erkauft; Soja auf das Gebrauchtwerden, das Starksein, Harrys schönen Körper und seine schweigsame, verschwiegene Art, in die sich viel hineingeheimnissen lässt. Seine wahren Abgründe werden der Tochter einer SED-Parteisekretärin erst nach und nach bewusst, auch weil sie des Lesens von Zeichen einer ihr unbekannten "Kultur" in keiner Weise kundig ist: etwa der Symptome von Harrys Rückfall, die heutzutage jeder Halbwüchsige aufzählen könnte, oder jene seiner Aidserkrankung – zu einer Zeit, als die ersten Fälle dieser Krankheit eben erst auftauchten.
"Du legtest mich aufs Kreuz und dann dein Gesicht in meinen Schoß, endlich einmal. Und die unartikulierten Töne, die ich von mir gab, gegen meinen Willen, wenn ich so etwas überhaupt noch hatte, klangen wie das Weinen eines Babys, also nicht glücklich, obwohl ich es war."
Wie Katja Lange-Müller in diesem Roman die Paradoxe aufeinandertreffen lässt, ist bisweilen meisterhaft. Hegte die spröde, manchmal bestürzend naive, dann wieder distanziert-abgebrühte Ich-Erzählerin bis dato eine Vorliebe für Sex mit Männern, die sie nicht liebte, sozusagen als Medizin "gegen die Krankheit Liebe, die ich auf den Tod fürchtete", muss sie nun erfahren, dass der Mann, mit dem sie aus Liebe schläft, die Krankheit zum Tode in sich trägt. Und zwar ohne ihr etwas davon zu sagen.

Die Erzählform in der zweiten Person stellt ein Wagnis dar, das Lange-Müller wohl bewusst eingegangen ist. Sie gibt ihr die Möglichkeit, die verzweifelte Dringlichkeit von Sojas Rede deutlich werden zu lassen. Schonungslos lässt Lange-Müller, sonst eher bekannt für ihren grotesken Humor, ihre Heldin in die Fallen der Rührseligkeit tappen. Diese perfekte Rollenprosa einer Halbgebildeten und Unglücklichen, die zwischen Jargon und betulichem Oberlehrerdeutsch schwankt, mal peinlich salopp, dann wieder möchtegern hochgestochen und mit vielen Redundanzen formuliert, bereitet beim Lesen bisweilen arges Bauchweh.
Seine Spannung bezieht der Roman nicht aus dieser Suada selbst, sondern aus der Diskrepanz zwischen der aus ihr sprechenden, ja schreienden Zärtlichkeit, der Empathie, der Einfühlsamkeit und Wehmut Sojas, ihrem Ringen um Verständnis, und Harrys anfangs erwähnten Aufzeichnungen in einem Schulheft, das Soja Jahre später findet und das ihre Rede erst in Gang setzt. Denn dort stehen 89 narzisstische, selbstbezogene und selbstgerechte Sätze, in denen Soja mit keinem, aber auch gar keinem Sterbenswörtchen erwähnt wird und die sie gerade deswegen immer wieder zitieren muss – der Skandal einer Liebe, die so radikal einseitig gewesen zu sein scheint, dass es schmerzt.
Der jämmerliche Rest dieser "Liebe", den Soja noch für sich zu retten vermag, besteht darin, somnambul auf den Matratzen zu liegen, auf denen der Geliebte, wie sie im Nachhinein ahnt, bloß zugedröhnt war bis zur Bewusstlosigkeit. Die Kunst von Katja Lange-Müller besteht darin, glaubhaft zu machen, dass dieser Zustand, den man kaum Beziehung, ja vielleicht nicht einmal eine Schrumpfversion von Beziehung nennen kann, für Soja trotzdem das größte Glück ihres Lebens bedeutet hat.

Kirstin Breitenfellner in FALTER 43/2007



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