Der Mond und das Mädchen

Martin Mosebach


Frankfurt liegt am Meer

Der 56-jährige Romancier Martin Mosebach erhält dieser Tage den Büchner-Preis. In seinem Roman
"Der Mond und das Mädchen" hat der Frankfurter den "Sommernachtstraum" an den Main verlegt. KLAUS NÜCHTERN
Hierzulande war Martin Mosebach bislang vor allem dadurch bekannt, dass er Neo-Nobelpreisträgerin Elfriede Jelinek als einen der "dümmsten Menschen der westlichen Hemisphäre" bezeichnete. Die Autorin ließ ihn daraufhin unter Anwendung ihrer bewährten Taktik "Souveränität durch Selbstbezichtigung" überaus charmant ins Leere laufen: "Das fand ich lustig", meinte sie im Interview mit André Müller, "denn der hat ein wahres Wort gelassen ausgesprochen. Ich bin tatsächlich dumm. Nur kann er das gar nicht wissen, weil er mich nicht kennt. Kindermund tut Wahrheit kund."
Als die Entscheidung, Mosebach heuer mit dem Büchner-Preis auszuzeichnen, bekannt wurde, ging ein befriedigtes Raunen der Zustimmung durchs deutsche Feuilleton. Die Beliebtheit des 56-jährigen Romanciers, der 1983 mit "Das Bett" debütierte und sich mit dem Wälzer "Westend" (1992), dem historischen Roman "Der Nebelfürst" oder zuletzt mit "Das Beben" (2005) den Ruf der Preiswürdigkeit erwarb, ist aber nicht allen nachvollziehbar. "Büchner-Preis für Martin Mosebach. Warum?" titelt die aktuelle Ausgabe der Zeitschrift Literaturen, deren Herausgeberin Sigrid Löffler den Erfolg des Autors in einer ebenso eleganten wie intelligenten Polemik auf dessen "ostentativ altmodischen bürgerlichen Habitus" zurückführt.
Den gern im Dreiteiler, meist mit Krawatte und Stecktuch auftretenden Katholiken, der sich in seiner 2002 im Wiener Karolinger Verlag erschienenen und heuer in einer erweiterten Ausgabe bei Hanser neu aufgelegten Streitschrift "Die Häresie der Formlosigkeit" für die Rückkehr zur lateinischen Liturgie einsetzt, sieht Löffler als eine Art Windschattenfahrer von Botho Strauß: "Kein Geschoss kann ihm etwas anhaben, die Pfeile von damals sind stumpf geworden. An Mosebachs Aristokratismus, der das Schickliche mit dem Gewagten so artig zu verbinden weiß, prallen sie wirkungslos ab – schon deshalb, weil er seinen elitären Dünkel, anders als Strauß in seiner aufreizend hochfahrenden Schroffheit, stets mit leutseliger Milde zur Schau trägt. Seit das Feuilleton aus dem Denkerstübchen in den bürgerlichen Salon umgezogen ist und es sich dort biedermeierlich bequem macht, sind auch Mosebachs antimodernen Affekte salonfähig geworden."
Rechtzeitig zum Büchner-Preis, der Mosebach am 27. Oktober in Darmstadt verliehen wird, ist dessen jüngster Roman "Der Mond und das Mädchen" erschienen und auch noch gleich auf die Shortlist des Deutschen Buchpreises gesetzt worden, die zur Hälfte von Romanen aus dem Hause Hanser bespielt wurde (alle im neuen und überzeugenden Corporate-Design von Peter-Andreas Hassiepen, für das "Der Mond und das Mädchen" sogar das hübscheste Beispiel ist). Mosebachs Heimatstadt Frankfurt wird darin zur Kulisse für einen "Sommernachtstraum" am Main. In den Hinterhöfen der bürgerlich bewohnten Altbauwohnungen tummeln sich Marokkaner, Syrer, Ghanaer und alle erdenklichen Völkerschaften, auf diese Weise für Multikultigemurmel und imaginäres Meeresrauschen sorgend.
In diesen brütend heißen und vom wechselnden Mond beschienenen Nächten werden Hans und Ina in ihrer neuen Wohnung aber weder heimisch noch glücklich. Dass Hans mit der Nachbarin – einer attraktiven, mit einem anstrengenden Klugschwätzer liierten Schauspielerin – eher beiläufig ins Bett geht, ist nur Symptom, nicht Ursache für das Auseinanderdriften des aus Karrieregründen nach Frankfurt gezogenen Paares, von dem der saubere Geruch der jungen, schönen und erfolgreichen Langeweiler ausgeht. Ob und warum man sich für sie interessieren soll, vermag der Erzähler, dessen tändelnder, pseudofreundlicher Paternalismus einem bald ebenso auf die Nerven geht wie seine idiomatischen und orthografischen Schrullen (die Menschen sitzen bei Mosebach auf dem Sopha oder fläzen auf einer Couchette), nicht so recht zu vermitteln. Es gefällt ihm, Hans einen "jungen Mann" zu heißen oder sein weibliches Personal zu charmieren, indem er ihre Wangen – "zart und kühl wie ein neues Stück Seife" – kost oder "ein zartes Glasgeklingel, Silbrigkeit in Stimme und Haar" bewundert; aber selbst wenn dergleichen Wortgeklingel über einige Seiten hinweg durchaus unterhält und Mosebach fraglos ein wacher, seinem Vorbild Heimito von Doderer als Raummythologe nacheifernder Großstadtphänomenologe ist, fühlt man sich am Ende so, als hätte man versucht, seinen Heißhunger mit Salzburger Nockerln zu stillen.

Dass Mosebach auch anders könnte, blitzt vor allem dann auf, wenn der seinem Namen alle Unehre machende Herr Sieger auftritt. Von der Frau geschieden, vom Schicksal gebeutelt steht er sogar im Ruf, über den Bösen Blick zu verfügen (was dann für etwas Hokuspokus in der Garage sorgt). Der verarmte Hausbesitzer hängt in seiner ehemaligen Wohnung melancholischen Erinnerungen nach, schnüffelt dem Geruch der 300 Schuhpaare seiner Ex hinterher und sorgt für vergleichsweise einsame Lichtblicke in einem Roman, in dem "es ward hell" steht, wenn einer das Ganglicht anmacht. Öffnet die Frau dann die Wohnungstür, wird "ihm aufgetan". Und dem Leser geht ein Licht auf: Mosebachs Prosa ist wie ein sauber gefaltetes Stecktuch – fraglos ein nettes Accessoire, das Überleben der Zivilisation hängt davon aber nicht ab.

Klaus Nüchtern in FALTER 43/2007



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