Fünf Deutschland und ein Leben. Erinnerungen

Fritz Stern


Sternstunde

Es hätte das Jahrhundert der Deutschen werden können, meinte der französische Politologe Raymond Aaron einmal. Für den 1926 im heute polnischen Breslau als Sohn einer assimilierten jüdischen Ärztefamilie geborenen Fritz Stern wurde es das: Sein ganzes intellektuelles Leben wird er, dessen Familie 1938 aus Nazideutschland emigriert, Deutschland widmen. Antisemitische Sticheleien in der Schule, Angst, Freiheit und ein privilegierter Zugang zu den Eliten prägen Sterns Jugend: Der Taufpate und ein Onkel sind Nobelpreisträger, die Mutter findet als Montessori-Pädagogin Einsteins Zustimmung, der Vater behandelt den späteren israelischen Präsidenten Chaim Weizmann. Als der überzeugte Amerikaner Stern 1950 erstmals nach Deutschland zurückkehrt, verschweigt er sich weder den eigenen Hass auf die einstige Heimat noch den Umstand, dass "die Unmenschlichkeit der Nazis auch die Feinde angesteckt hat".
1965 erscheint Sterns Buch "Kulturpessimismus als politische Gefahr" (1965), 1972 folgt mit "Gold und Eisen" sein monumentales Buch über Bismarcks Bankier Bleichröder und die höchst fragilen deutsch-jüdischen Beziehungen. Als Liberaler, der die McCarthy-Ära für "antiamerikanisch" hält, verfolgt Stern kritisch deutsche Innen- und Außenpolitik. Die DDR ist ihm ein "rot umgefärbtes Nazireich" , an seinem gespannten Verhältnis zur Studentenbewegung als Dekan in Columbia lässt er keinen Zweifel. Als "Scheißliberaler" denunziert wirft er der Linken vor, für den späteren Neokonservativismus mitverantwortlich zu sein; als "Prozionist" hält er den Linken vor, sie täten sich leichter mit den Juden als Opfern als mit einem starken Israel. Der "Nato-Historiker" zaust die sowjetische Geschichtswissenschaft, kritisiert aber auch, dass die westliche Entspannungspolitik die Einhaltung von Menschenrechten zu wenig beachte. Das wiedervereinte Deutschland ehrt ihn 1999 mit dem Friedenspreis des Deutschen Buchhandels. Ob er jetzt glücklich sei, fragt ihn seine Frau: "Wann, wenn nicht jetzt?", lautet die skeptische Antwort. Die leidenschaftlichen, nüchternen Erinnerungen "Fünf Deutschland und ein Leben" sind die vielleicht beste individuelle Darstellung Deutscher Geschichte im 20. Jahrhundert.

Erich Klein in FALTER 43/2007



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