Unter Paaren

Thomas Lang


Mit dem als virtuosen Showdown inszenierten Schlusskapitel seines Romans "Am Seil" hat sich der in München lebende Autor (Jahrgang 1967) vor zwei Jahren den Ingeborg-Bachmann-Preis erlesen. Dem Vater-Sohn-Konflikt hat er nun ein Pärchendrama nachgeschickt, in dem die wohlstandsmüden Frühvierziger Per, Pascal und Rafa sich von der 26-jährigen Reginita, die über "Mikrosoziale Dissoziationsprozesse im Familienroman der Goethezeit" promoviert, die Leviten lesen lassen müssen: "Ihr wollt für nichts Verantwortung übernehmen." Goethes "Wahlverwandtschaften" sind eine Folie dieses Buches, das aber weniger an seiner Verweisfreudigkeit – die in den 41 Kapiteln (auf XL folgt XXL, hahaha!) versteckten Zitate stammen ausgewiesenermaßen von Berg und Strindberg, Sonic Youth und Oliver Sacks, aus dem "Mann ohne Eigenschaften" und dem Otto-Katalog – als an einem viel gewichtigeren Problem laboriert: Man hat nicht die geringste Ahnung, warum man sich für seine Figuren interessieren soll.
Die vier Protagonisten tragen nicht nur doofe Namen und doofe Kleidung ("Jazzpants und einen Bügel-BH aus softer Tactel-Microfaser"), sie bekommen auch gehirnerweichenden Bulthaupküchenwerbesprech in den Mund gelegt und reden generell wie Schwachsinnige: "Das ist doch emotionale Steinzeit"; "Es war alles easy going". Schon möglich, dass es sich hier um Satire handelt, aber was will sie uns sagen? Dass Mercedes-Fahrer ein Rad ab haben? Haben wir uns schon gedacht.

Klaus Nüchtern in FALTER 43/2007



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