Söhne und Planeten

Clemens J Setz


Tut' uns provozieren

Der Wiener Bernhard Strobel und der Grazer Clemens J. Setz haben mindestens zwei Gemeinsamkeiten: Sie sind beide 25 Jahre alt und haben heuer beachtenswerte Prosadebüts vorgelegt, den Erzählband "Sackgasse" bzw. den Roman "Söhne und Planeten" (siehe Kasten auf Seite 76). Eine dritte Gemeinsamkeit wäre: Der erzählerische Mainstream, der sich in den letzten Jahren durchgesetzt hat, ist ihre Sache nicht. Strobel, der teils auch im Burgenland lebt, schreibt mit Vorliebe über Randexistenzen in der Provinz und begreift sich als Nihilist. Setz wirkt schon in jungen Jahren wie ein Alleskönner, der die halbe Literaturgeschichte gespeichert hat und dem schon mal ein 800-Seiten-Roman "passiert".

Falter: Das Gespräch soll sich darum drehen, wie das Leben als junger Schriftsteller heute ist.
Bernhard Strobel: Finanziell?
Nicht nur ... Aber beginnen wir ruhig damit.
Clemens J. Setz: Ich find's lustig, dass du die Frage schon so auslegst. Weil es ja stimmt. Das Erste, was man von allen Seiten hört, ist: Kann man davon leben? Bei mir geht es sich momentan aus. Ich habe aber ein recht billiges Leben. Und in einem halben Jahr schaut es schon wieder anders aus. Da müsste schon das nächste Buch kommen, wenn ich weiter davon leben wollte.
Strobel: Ich bin nicht so bescheiden, ich brauche relativ viel Geld. Den finanziellen Druck kann man aber auch positiv umsetzen. Wenn ich jetzt einen Lottosechser machen würde, würde ich wahrscheinlich gar nichts mehr schreiben.
Arno Geiger hat sich kürzlich in einem Aufsatz erinnert, wie er am Anfang seiner Karriere jahrelang nur in seiner Einzimmerwohnung gesessen ist und geschrieben hat. Was brauchen Sie für eine Umgebung?
Setz: Ich brauche eine langweilige Umgebung. Wenn ich in einem Zimmer bin, wo Bilder hängen oder ein Fernseher steht, lenkt mich das ab. Ich schreibe am liebsten im Bett oder an meinem Schreibtisch.
Strobel: Langeweile brauche ich eigentlich nicht. Bei mir kommt's und geht's in Phasen. Schreiben tu ich in meinem Zimmer, Texte korrigieren geht auch im Kaffeehaus.
Wenn man erste fertige Texte herzeigen will – wo geht man damit hin?
Strobel: Der vorgezeichnete Weg führt nach wie vor über Literaturzeitschriften. Dadurch kann man sich langsam einen Namen machen.
Setz: Ich komme aus Graz, der Stadt der Manuskripte. Wenn man mutig ist, geht man direkt zu Alfred Kolleritsch und drückt ihm einen Text in die Hand. In Zeitschriften kommt man schnell rein, und so ergeben sich auch erste Lesungen. Es gibt auch einige kleine Preise und Stipendien, für die man sich bewerben kann. Bei uns wurde gerade der Preis der Akademie Graz für Short Stories vergeben. Den habe ich leider nicht bekommen.
Strobel: Der ist schon ausgeschrieben?!
Setz: Der wurde schon vergeben! Du hättest aber sowieso keine Chance gehabt. Ich habe gehört, dass da bei Texten besonderer Wert auf journalistischen Gehalt gelegt wurde.
Es ist also wichtig, alle Einreichfristen im Kopf zu haben?
Strobel: Ja, ich schreibe mir immer Zettel mit den Terminen, vergesse sie aber trotzdem. Oder es fällt mir zu spät ein.
Setz: Auswendig weiß ich es auch nie. Ich bin ja ein Dummkopf. Ich schreibe viel und diszipliniert, beginne meistens schon um fünf Uhr früh damit. Die Lust, mich um andere wichtige Dinge zu kümmern, fehlt mir dafür oft. Beim Otto-Stoessl-Preis habe ich drei Erinnerungen gebraucht. Der ist gut dotiert.
Strobel: Mach dir keine Hoffnungen, den krieg schon ich. (Lacht.) Bis jetzt habe ich noch gar keinen Text.
Setz: Wie lang muss der Text sein, zwanzig Seiten?
Strobel: Ja, aber zweizeilig. Da kann man Platz schinden.
Setz: Dann sind's ja nur noch zehn.
Strobel: Eben. Für dich ist das gar nichts, du schreibst das wahrscheinlich in fünf Minuten.
Nehmen wir an, es hat schon Veröffentlichungen in Zeitschriften und ein, zwei kleine Preise gegeben. Wie bringt man sein Buch bei einem Verlag unter?
Setz: Meistens sind es Zufälle. Irgendwer hat einmal ausgerechnet, wie hoch die Wahrscheinlichkeit ist, dass man genommen wird. Ich glaube, sie liegt bei 1:5.
Strobel: Ich habe es nur bei zwei Verlagen versucht. Ich glaube, die Lektoren haben mich schon gekannt.
Setz: Schwieriger ist es mit – wie sagt man? – unangefordert eingesandten Texten.
Strobel: Unverlangt.
Setz: Unverlangt, genau. So was liegt mindestens ein Jahr bei einem Verlag, bis es sich jemand anschaut. Ich habe nicht mehr damit gerechnet, dass "Söhne und Planeten" noch veröffentlicht wird. Das habe ich vor Jahren geschrieben. Gerade habe ich meinen zweiten Roman fertiggestellt.
Vom eigenen Anspruch her sollte die erste Buchveröffentlichung vermutlich nicht weniger als ein Meisterwerk sein.
Setz: Natürlich, aber das ändert sich wahrscheinlich nicht. Wenn ich ein Buch vollende, bin ich richtig high davon. Mir ging es beim zweiten Buch genauso. Man hat so viele zärtliche Gefühle für das Werk, dass man nicht davon ausgeht, dass es weniger als ein Meisterwerk sei. Man muss egozentrisch arbeiten.
Strobel: Ich stelle mir beim Schreiben schon einen Leser vor – einen idealen Leser, der die Bücher so wie ich
verehrt. Aber ob es diesen Leser gibt? Ich habe jedenfalls nicht damit gerechnet, dass "Sackgasse" groß einschlagen wird. Dafür gibt es am Markt viel zu viel.
Sehen Sie, vom Geburtsjahr abgesehen, Gemeinsamkeiten zwischen
Ihnen? So etwas wie Generationen oder Gruppierungen gibt es unter Autoren ja schon länger nicht mehr.
Setz: Das ist ein gutes Thema. In Graz hatten wir früher diese Generation von Wolfi Bauer und Gunter Falk. Die waren immer total betrunken und sind nackt im Kaffeehaus gesessen. Mir kommt vor, irgendwie wird das auch von uns verlangt. So nach dem Motto: Ihr seid jung, euch geht's doch nicht so schlecht, jetzt tut's uns provozieren. Was uns als Generation vielleicht vereint, ist, dass wir das nicht machen.
Strobel: Weil es nicht funktioniert!
Setz: Man kann die Leute heute eher dadurch provozieren, dass man sie nicht provoziert.
Strobel: Ich hätte schon gern etwas mehr Zusammengehörigkeit. Ich wüsste nicht, was sich in hundert Jahren rückblickend für literarische Strömungen unserer Zeit ausmachen ließen. Heute macht jeder alles: einen Krimi, einen Liebesroman, ein Theaterstück. Ich komme mir ein bisschen unnötig vor. Warum soll ich noch etwas draufsetzen? Was will ich überhaupt erreichen? Man kann unterhalten und Geld verdienen wollen, dann schreibt man aber nicht so wie ich. Oder man will die Welt verändern. Ich habe noch nicht gefunden, was meins ist. Man bleibt irgendwie allein.
Setz: Ich finde, es gibt momentan schon eine starke Strömung: eine bestimmte Art von Roman, wie sie Kehlmann, Glavinic oder, in Deutschland, Ilija Trojanow schreiben.
Strobel: Ich sehe das überhaupt nicht so. Diese Autoren sind für mich Paradebeispiele für ein literarisches Durcheinander. Stilistisch sind die vielleicht ähnlich, aber ich sehe bei denen keine Positionen. Es ist auch bezeichnend, dass Autoren heute kaum noch die Bücher der Kollegen lesen. Man erkennt den Erfolg an, aber mehr schon nicht.
Setz: Ich lese immer alles. Ich kaufe mir auch die Bücher meiner Freunde. Es wird allerdings nicht viel darüber geredet. Man sagt: "Ich habe deinen Roman gelesen, war eh gut." Das war's.
Strobel: Da fragt man sich schon, ob es früher einmal anders war.
Sie haben Kehlmann und Glavinic erwähnt. Diese etwas ältere Generation ist so erfolgreich, dass es für Sie vermutlich schwer ist, wahrgenommen zu werden.
Strobel: Sicher, an denen messe ich mich aber nicht. Das klingt jetzt vielleicht extrem arrogant, wobei ich das überhaupt nicht bin. Natürlich würde auch ich gern einen Verkaufsschlager landen. Das wird sich mit meinen Texten nur schwer ausgehen, schon allein wegen der Themen. Mich interessieren als Figuren die von der Gesellschaft an den Rand Gedrängten. Diese glücklichen Leben, die aus der Werbung und aus den Medien immer auf uns eindringen, das sind Luftblasen. Mir kommt meine Literatur auch nicht vor wie die eines 25-Jährigen, ich fühle mich überhaupt nicht so. Am liebsten wäre ich jetzt schon 35 und würde über Siebzigjährige schreiben.
Setz: Echt? Ich habe noch nicht das Gefühl, dass ich erwachsen bin.
Stilistisch liegen Sie recht weit voneinander entfernt. Die Erzählungen in "Sackgasse" sind sehr minimalistisch, der Roman "Söhne und Planeten" ist dagegen mehr das Virtuosenstück, wo von literarischen Anspielungen über Philosophie bis zur Naturwissenschaft alles drinsteckt.
Setz: Ich studiere Mathematik, für mein Schreiben ist sie an sich aber nicht so wichtig. Ich verwende sie eher atmosphärisch. Das Buch von Kehlmann mag ich sehr, aber so über Gauß schreiben wie er kann man nur, wenn man keine Ahnung von höherer Mathematik hat. Er weiß das auch. Außerdem würde kein Mensch einen mathematisch korrekten Roman lesen wollen, höchstens ein Mathematiker.
Strobel: Das mit dem Minimalismus bei mir stimmt schon. Ich sage jetzt mal ganz frech: Ich werde den Roman verschmähen. Mich haben immer Autoren beeindruckt, die ein schmales Œuvre haben, wo das Wenige aber sehr gut ist. Das entspricht auch meinem Geschmack.
Setz: Ich glaube, niemand will Joyce Carol Oates sein, die ungefähr hundert Romane mit je 400 Seiten geschrieben hat.
Strobel: Die Hälfte davon kann nur schlecht sein, das geht gar nicht anders. Mein Motto ist: Auf möglichst wenig Seiten möglichst viel rausholen.
Setz: Das ist sicher richtig. Saul Bellow hat gesagt: Es muss jeder so kurz schreiben, wie er eben kann. Mein nächster Roman ist 800 Seiten lang. Nicht weil ich so ein dickes Buch schreiben wollte, sondern weil es mir passiert ist.
Strobel: Da muss ich trotzdem Borges zitieren: Es ist ein mühseliger und strapazierender Unsinn, dicke Bücher zu verfassen

Sebastian Fasthuber in FALTER 50/2007



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