Das Ende der Massenarbeitslosigkeit. Mit richtiger Wirtschaftpolitik die Zukunft gewinnen

Heiner Flassbeck, Friederike Spiecker


Löhne sind nicht nur Kosten

Endlich setzen sich auch deutsche Ökonomen vernünftig mit dem Problem der hohen Arbeitslosigkeit auseinander.

Deutsche Ökonomen erklärten die hohe Arbeitslosigkeit über Jahre mit denselben Argumenten: zu hohe Lohnkosten, zu geringe Wettbewerbsfähigkeit gegenüber Asien, zu großzügiges Sozialsystem, geringe Anreize, Arbeit aufzunehmen. Daraus folgt dringender Reformbedarf: runter mit den Löhnen, vor allem im unteren Bereich; Kürzung der Lohnersatzleistungen für die Arbeitslosen sowie von Steuern und Lohnnebenkosten für die Unternehmen. Das Ergebnis: Die Arbeitslosenquote stieg von 7,2 Prozent im Jahr 2000 auf 9,4 Prozent im Jahr 2005, mehr als vier Millionen Deutsche waren ohne Job. Zurück bleibt Verzweiflung über jene Ökonomen, die das Scheitern ihrer Vorschläge nur mit der Forderung nach noch schärferen Reformen kommentieren.

Heiner Flassbeck und Friederike Spiecker gehören nicht zur Gilde dieser "Reformökonomen". In "Das Ende der Massenarbeitslosigkeit" ziehen sie die Lehren aus dem Versagen der Reformpolitik. Zunächst zeigen sie, warum die gängigen Erklärungen für Arbeitslosigkeit nicht zutreffen: Löhne sind eben nicht nur Kosten für die Unternehmen, sondern auch Einkommen der Arbeitnehmer und damit Voraussetzung der Konsumnachfrage. Lohnsenkungen für die unteren Gruppen hätten negative Folgen, es hilft nur bessere Qualifizierung. Die deutsche Wirtschaft hat sich im globalen Wettbewerb ausgezeichnet geschlagen und weist hohe Exportüberschüsse auf.

Flassbeck und Spiecker fordern eine Zinspolitik, die nicht nur auf die Inflation, sondern auch auf die Beschäftigung achtet; eine Lohnpolitik, die Wettbewerbsfähigkeit und Einkommensentwicklung berücksichtigt; die Verbesserung der Investitionsbedingungen für die Unternehmen durch niedrige Zinsen und aktive staatliche Konjunkturpolitik. Dies führe zu mehr Wachstum und damit zu weniger Arbeitslosigkeit. Dem ist zuzustimmen. Eine Ergänzung um aktive wachstumspolitische Maßnahmen wie bessere Aus- und Weiterbildung, die Förderung von Innovationen und eine Verbesserung der sozialen Dienstleistungen wäre wünschenswert gewesen.

Das Buch richtet sich an eine breitere Öffentlichkeit, als Frühstückslektüre eignet es sich dennoch nicht. Zu akribisch sind die Auseinandersetzung mit den gängigen Erklärungen der Arbeitslosigkeit. Die Argumente freilich sind überzeugend, die Vorschläge durchdacht und wohl auch richtig: Kaum ist die deutsche Wirtschaft - angestoßen von kräftiger Nachfrage aus der Weltwirtschaft - in den Jahren 2006 und 2007 auf Touren gekommen und wächst mit etwa drei Prozent pro Jahr, verbessert sich auch schon die Lage auf dem Arbeitsmarkt: eine Million mehr Jobs, die Arbeitslosenquote sinkt auf 6,6 Prozent. Die "Reformökonomen" sind sprachlos.

Markus Marterbauer in FALTER 41/2007



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