Der Herr ist kein Hirte. Wie Religion die Welt vergiftet

Christopher Hitchens, Anne Emmert


Unmoralisch und gefährlich

Christopher Hitchens legt mit "Der Herr ist kein Hirte" ein schwer konsumierbares Pamphlet wider die organisierte Religion vor.

Sie ist gewalttätig, irrational und intolerant, steht im Bund mit Rassismus, Stammesdünkel und Bigotterie, lehnt in ihrer Ignoranz die freie Forschung ab, verachtet Frauen und züchtigt Kinder." Die Rede ist von der Religion, an der Christopher Hitchens kein, aber auch gar kein gutes Haar lässt, vor allem in ihrer organisierten Version.

Mit "Der Herr ist kein Hirte" liegt nach der deutschen Übersetzung von Richard Dawkins' kontrovers besprochenem Bestseller "The God Delusion" damit diesen Herbst bereits die zweite Streitschrift eines der führenden Köpfe der neuen Atheistenbewegung vor, die sich vor allem in den USA formiert und mehr bzw. gleiche Rechte wie die Religiösen einfordert ( www.the-brights.net). Bei gleichem Anliegen, nämlich die Sinnhaftigkeit und den Nutzen des Gottglaubens zu widerlegen, könnten diese beiden Streitschriften nicht unterschiedlicher sein.

Dem gutstrukturierten, umsichtig Argumente vorlegenden und widerlegenden Dawkins, der zu Unrecht von Kritikern als Fanatiker diffamiert wird, steht die hitzköpfige Polemik des Publizisten und, nach eigenen Aussagen, ehemaligen Eiferers für Marxismus und Transzendenz Hitchens diametral gegenüber. Folgt man Ersterem gerne und mühelos, lässt Zweiterer kaum je eine Struktur erkennen in seinem wilden, manchmal auch wirren Rundumschlag gegen die Religion, die für fast alle Übel der Welt verantwortlich gemacht wird.

Selbst wenn man Hitchens in manchen Passagen Recht geben muss - ein wenig mehr Struktur und etwas weniger Detailreichtum in den Beispielen für religiös motivierte Verfehlungen und innerreligiöse Widersprüche, etwas weniger Emotionalität, abwertende Adjektive und Schwarzweißmalerei hätten das Buch wesentlich lesbarer gemacht, in dem von Moses über Khomeini und Kim Jong Il bis zu Mahatma Gandhi, Mutter Teresa und dem Dalai Lama alle Religiösen und Pseudoreligiösen über einen Kamm geschoren und als eigentlich "böse" decouvriert werden.

Hitchens' eigentliche Thesen, die im Wesentlichen mit denen von Dawkins übereinstimmen, sind nur mühsam aus dieser Antipredigt herauszufiltern, lauten aber in etwa so: Religion wurde vom Menschen geschaffen und gibt ein falsches Bild über die Entstehung des Lebens. Ethik und Moral sind vom Glauben unabhängig, Religion nicht nur unmoralisch, sondern auch gefährlich, eine Mischung aus Wunschdenken und Repression, besonders in ihren monotheistischen Formen.

Ob mit ihrer Abschaffung bzw. ihrer Ersetzung durch Vernunft, die nur ordentlich kultiviert werden müsse, und schöne Künste, die nur ordentlich konsumiert werden müssten - so Hitchens naiver, aber anscheinend ernst gemeinter Lösungsvorschlag -, der Himmel auf Erden ausbräche, ist mehr als fraglich, ebenso, ob der Sache des Atheismus mit solcherart Sermon gedient ist.

Kirstin Breitenfellner in FALTER 41/2007



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