Indien & Bhutan. Unterwegs 1 - Fotografien

Farin Urlaub


"Das schlimmste Klischee stimmt"

Farin Urlaub von der Berliner Popband Die Ärzte war sechs Monate lang in Indien und Bhutan unterwegs und hat seine Eindrücke zu einem prachtvollen Bildband verarbeitet. Ein Gespräch über soziale und religiöse Spannungen, Spiritualität und Kommerz sowie ein Rudel Gazellen als Konzertpublikum.

Falter: Ihre Reiseleidenschaft ist auch in Ihrem Künstlernamen verewigt. Woher kommt sie?

Farin Urlaub: Das hat sicher mit kindlicher Prägung zu tun. Mit neun war ich erstmals ohne Eltern auf einem Zeltlager in Schweden, und meine Mutter erzählt heute noch, dass ich beim Heimkommen so glücklich wirkte wie nie zuvor. Ich war völlig außer mir, was ich in dieser anderen Welt alles erlebt hatte. Seitdem habe ich Urlaub stets mit ungemein positiven Dingen in Verbindung gebracht. Musik ist die einzige Sache, die ich genauso schön finde.

Die Begeisterung fürs Verreisen war aber zuerst da?

Auf jeden Fall. Wobei ich interessanterweise mit neun Jahren auch meine erste Gitarre bekommen habe - vom Sperrmüll. Offenbar war es das Jahr, in dem alles festgelegt wurde.

Ihre Urlaube sind abenteuerlustige Entdeckungsreisen. Klassisch am Meer zu faulenzen würde Sie langweilen?

Ich bin einmal drei Monate lang mit dem Motorrad durch Teile Afrikas gefahren, das war die anstrengendste Reise meines Lebens. Als ich zurückkam, war ich tatsächlich urlaubsreif und musste mich vier Tage lang zum Durchatmen an den Strand legen. Hätte ich einen normalen Beruf, in dem ich fünf, sechs Tage die Woche arbeiten muss, würde ich vermutlich nur Strandurlaube mit Vollpension und Hotel machen. Aber mein Leben ist ja an sich schon sehr entspannt, deshalb brauche ich solche Urlaube.

Popstar zu sein ist also gar nicht so anstrengend?

Ich höre oft in Interviews, wie sich Kollegen über ihren anstrengenden Beruf beklagen. Ich empfinde ihn anders.

Im Vorwort Ihres Debüts als Reisebuchautor schreiben Sie: "Mein Ziel war nicht, beide Länder so umfassend wie möglich zu dokumentieren; ich habe lediglich alles fotografiert, was mich interessierte oder mir schön erschien." Es ging Ihnen also vor allem um den subjektiven Blick auf Indien und Bhutan?

Der Anspruch war, aufmerksam durch zwei Länder zu gehen, die uns kulturell sehr fremd sind, und das Gesehene in den Texten und Bildunterschriften so zu kommentieren, dass sich ein heterogenes, aber umfassendes Bild ergibt. Man sollte nach dem Durchblättern des Buchs das Gefühl haben, dass man selbst auf einer kleinen Reise war.

Sie zeigen die Schönheit, die Kargheit und den kulturellen Reichtum des Landes; das moderne Indien kommt dagegen kaum vor. Warum?

Zum einen ist dieses moderne Indien tatsächlich auf wenige Enklaven beschränkt, zum anderen sieht ein verspiegeltes Bürogebäude in Bangalore einfach genauso aus wie ein verspiegeltes Bürogebäude in Wien, nur dass es dort von einer schmutzigeren Straße umgeben ist. In einem Bildband, der auf eine Reise mitnehmen und neugierig machen soll, hat das in meinen Augen nichts verloren.

Fremde Kulturen gibt es viele. Warum eigentlich Indien?

Das war ein Stück weit Zufall, denn ich will ja die ganze Welt bereisen. Vor 19 Jahren war ich erstmals in Indien und bin sechs Wochen lang mit dem Motorrad herumgefahren.

Ich war von der Spiritualität völlig überwältigt und habe mir geschworen, dass ich wiederkomme, wenn ich mindestens ein halbes Jahr Zeit habe. In Bhutan ist es nach wie vor extrem, in Indien wurde die Spiritualität inzwischen aber weitgehend durch Kommerz ersetzt.

Was ist in diesen 19 Jahren geschehen?

Indien war früher vom Weltmarkt stärker abgeschottet. Es ist zwar immer noch erstaunlich protektionistisch, aber die sehen jetzt, dass sie China qua Bevölkerungswachstum überholen können. Hört man den gebildeteren Schichten im Land zu, so scheint das ein noch wichtigeres Ziel zu sein, als einen westlichen Lebensstandard zu erreichen. Innerhalb von zehn, 15 Jahren wird das auch eintreffen, schätzt man.

Trotzdem sollen inzwischen bereits 300 Millionen Inder der Mittelschicht angehören.

Wenn man im Land herumreist, sieht man davon kaum etwas. Aber man spürt, dass jeder versucht, auf Kosten des im Kastensystem unter ihm Befindlichen emporzukommen. Früher war das ein friedlicheres Miteinander. Vielleicht war ich bei meinem ersten Besuch naiver, aber man merkt, dass sich die Gesellschaft verändert hat.

Nicht zuletzt durch weit über hundert Millionen Moslems birgt Indien auch religiösen Sprengstoff. Ist das im Land spürbar?

Ich war teilweise an Orten, an denen immer wieder Ausschreitungen stattfinden; mitbekommen habe ich davon aber nichts. Ganz im Unterschied zur Armut der Landbevölkerung, ihrem Zorn darüber - sofern ein Inder zornig sein kann, weil es ein unglaublich fatalistisches Land ist - und der Unterdrückung der Frau, die sich in Dimensionen bewegt, die für uns völlig unvorstellbar sind. Das erfährt man jeden Tag.

Sie berichten in Ihren launigen Texten mehrfach von Menschen, die in völliger Armut leben, dabei aber nicht unglücklich wirken und Sie immer wieder durch ihre Hilfsbereitschaft und Gastfreundschaft beschämten.

Die armen Leute, die so nett und hilfsbereit sind - das ist das schlimmste aller Klischees, aber genau so war es. Ob sie nun glücklich sind? Ich kann in niemanden reingucken, aber es braucht auf jeden Fall viel weniger. Und wer kaum etwas hat, kann auch kaum was verlieren; gleichzeitig ist es sofort furchtbar elend, wenn man einmal krank wird. Oder wenn es Missernten gibt, Trockenheit herrscht, Brunnen versiegen. Diese Menschen haben ein unvorstellbar hartes Leben und meistern es mit einer Eleganz, Leichtigkeit und Freundlichkeit, die wirklich beeindruckend ist.

Es gab vor Jahren das klischeehafte Bild des indischen IT-Experten, der in Massen nach Europa importiert wird. Wie passt dieser "Hightech-Inder" zu Ihrer Schilderung unzähliger Menschen, die morgens am Straßenrand ihre Notdurft verrichten, weil sie nicht einmal über ein Plumpsklo verfügen?

Indien hat eine Milliarde Einwohner, wovon wiederum 700 bis 800 Millionen von der Landwirtschaft leben. Im Economist wurde dem einmal eine Zahl von 160.000 IT-Experten gegenübergestellt - you do the math. Das ist ein verschwindend geringer Prozentsatz, nominell können diese Zahlen für uns aber bedrohlich wirken.

Im Economist hieß es aber auch, dass europäische und amerikanische Softwarefirmen, die nach Indien gehen, ihre eigenen Unis aufmachen müssen, weil den Absolventen dort ausreichende Qualifikationen fehlen. Nicht, weil die Inder dümmer wären, sondern weil im Schulsystem noch vieles im Argen liegt: Es gibt unglaublich viele Hochschulabsolventen, in Relation zur Gesamtbevölkerung ist ihre Zahl aber immer noch ein Witz.

Wie kann, wie soll das weitergehen?

Ich weiß es nicht. Die ökologischen Probleme Chinas werden bei uns schon thematisiert, bei Indien ist das noch weniger der Fall. Aber es wird richtig heftig kommen und auch das Wachstum irgendwann extrem behindern. Sie müssen in Indien auf jeden Fall Wasserentsalzungsanlagen bauen oder Wasser importieren, denn trotz Himalaya haben sie nicht genug davon.

Sie haben sich rund um die Indienreise ein Jahr Auszeit vom Popstarleben genommen. Könnten Sie sich ein totales Aussteigertum vorstellen?

Nein, dazu mache ich viel zu gerne Musik. Und selbst wenn die Umgebung noch so malerisch ist, könnte ich nicht dauerhaft auf einem einsamen Felsen sitzen und ausschließlich für mich selbst Gitarre spielen. Wobei es in Indien ein unglaublich romantisches Erlebnis gab: Ich habe mal mitten in der Wüste mein Camp aufgebaut, da liefen einige Gazellen rum, die sehr, sehr neugierig, aber auch sehr scheu waren. Und als ich nachts am Lagerfeuer Gitarre gespielt habe, sind die ganz nahe rangekommen und haben hinter mir gut hörbar geschnauft und mir richtiggehend zugehört. Das war ein verklärendes Naturerlebnis, denn es gibt ja dieses Urbild, dass man die Bestie mit Musik bezähmt.

Es heißt, Sie hätten an der FU Berlin ein Archäologiestudium aufgenommen, aber gleich nach einem Tag der Musik wegen wieder abgebrochen.

Genau.

War das die richtige Entscheidung?

Ja. Aber hallo!

Sie denken sich also nie: "Es wäre schon auch nicht schlecht, irgendwo als Archäologe ..."?

Alternativen Lebensentwürfen sollte man nicht zu sehr hinterhertrauern. Dieses Jahr Auszeit von der Musik war auch dazu da um herauszufinden, ob ich nicht vielleicht doch mein ganzes Leben mit Reisen verbringen möchte. Ich dachte mir immer, dass ich nicht am Sterbebett sagen will, dass ich zwar durch Zufall ein erfolgreicher Rockstar wurde, aber nie erlebt habe, wie es ist, wenn man ganz weit weg ist. In diesem Jahr habe ich die schöne Erfahrung gemacht, dass ich irgendwann vom Reisen genug hatte und mich wieder richtig auf die Rückkehr freute - und das ist schon lange nicht mehr vorgekommen.

Gerhard Stöger in FALTER 41/2007



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