Haus, Friedens, Bruch (Gebundene Ausgabe)

Margit Schreiner


Schweiß, Streß, Sucht

Es schreibt eine Frau um die fünfzig, alleinerziehende Mutter einer pubertierenden Tochter, Schriftstellerin. Materiell geht es ihr halbwegs gut, auf der Bank liegt ein bisschen Geld, von Reichtum kann keine Rede sein, aber für relativ luxuriöse Anschaffungen wie die lederüberzogene Ganzkörpermassagemaschine "Cumulus" reicht es allemal.
  Dennoch empfindet die Autorin ihre Lebensumstände als nicht so rosig, und je länger man liest, desto mehr gelangt man zu dem Schluss: nicht zu unrecht. Suboptimale Wohnsituation, ständige Rückenschmerzen, der allgemeine körperliche Verfall, die Wechseljahre, Libidoverlust, nächtliche Panikattacken, Fressanfälle, Schweißausbrüche, Erziehungsstress, Schuldgefühle, Schreibhemmung, Tetrissucht. Das eine oder andere kennt man, dafür muss man selbst noch gar nicht im Wechsel, ja, noch nicht mal eine Frau sein. Hinweis Ihres Arztes oder Apothekers: Lesen Sie dieses Buch nicht, wenn Sie zu ausgeprägter Hypochondrie neigen oder grässliche Angst vor dem Alter haben. Irgendwann mittendrin fühlt man sich ziemlich entkräftet, und Sätze wie dieser machen es auch nicht besser: "Oft denke ich, ich habe längst eine tödliche Krankheit in mir. Andererseits: Wir alle haben längst unsere tödlichen Krankheiten in uns."
  Margit Schreiners mittlerweile neuntes Buch – es als stark autobiografisch gefärbt zu bezeichnen wäre wohl leicht untertrieben – fängt mit einer sehr persönlichen, kursiv gesetzten Passage an, hört mit einer ebensolchen auf, und dazwischen liegen aufrichtige 200 Seiten Klartext, die guttun, schmerzen, froh und traurig machen. Selten fühlt man sich nach Lektüre eines Buches so deprimiert und getröstet zugleich.
  Worum es geht? Um alles. Interessant wäre ein Schlagwortverzeichnis für "Haus, Friedens, Bruch" (der Titel zitiert ein bisschen wackelig Schreiners Erfolgsroman "Haus, Frauen, Sex", der 2001 erschienen ist): Von Analverkehr (okay, das ist jetzt gelogen) bis zum Zahnimplantat kommt so ziemlich alles vor, sogar Natascha Kampusch und Vladimir Nabokov, wirklich wahr. Wir erleben lesend das Entstehen eines Romans mit, aber nicht jenes Romans, den sich "mein Verleger, Julias Klassenvorstand, meine Schriftstellerkollegen, das Literaturhaus" erwarten, denn die sähen gern einen "unkonventionellen, spannenden Krimi", wie ihn neuerdings alle Welt schreibt. Doch die Autorin denkt nicht mal dran. Sie hat keine Lust, einen Krimi zu schreiben. Sie hat, bei Gott, andere Sorgen. "Ein Schriftsteller muss sein wie seine Leser. Dann hat er auch Probleme wie seine Leser und muss keine Probleme erfinden, die ja doch niemanden interessieren, weil niemand außer dem Schriftsteller sie hat. Ein Schriftsteller kann gar nicht genug Probleme haben."
  An manchen ironischen, teils sarkastischen Reflexionen über den Literaturbetrieb werden sich eher nur sehr aufmerksame Beobachter desselben ergötzen können: "Mir wird sehr schnell langweilig bei diesen Kunsthandwerksbüchern, die da heute der Reihe nach erscheinen und gelobt und gepriesen werden, dass du nur so mit den Ohren wackelst. Und die Jungs featuren sich noch gegenseitig! Da lobt der eine den anderen wer weiß wie über den grünen Klee, und jeder Insider weiß, dass die beiden beste Freunde sind." (Ein leiser Verdacht: Der Autorin könnte die hymnische Kritik von Thomas Glavinics Roman "Die Arbeit der Nacht" sauer aufgestoßen sein, die Daniel Kehlmann voriges Jahr für den Spiegel verfasst hat.)
  Neben der Nabelschau als Schriftstellerin und den diversen Sorgen und Nöten des Alltags ist der Verlust der Zeit ein großes Thema. "Plötzlich ist mir der Überfluss an Zeit abhanden gekommen." Noch schlimmer: "Auf einmal ist nachts die Zeit für die Angst und Zeit für den Schrecken und Zeit für die Gespenster." Und zwar im buchstäblichen Sinn: Nächtens tyrannisiert eine wachsende Schar ungebetener Gäste die Erzählerin in ihren Wachträumen, zur längst verstorbenen Mutter gesellen sich ihr Ex, ein vorwurfsvoller Kinderpsychiater und zu allem Überfluss auch noch die Ex ihres Lebensgefährten. Unter der realistisch-banalen Erzählebene tut sich ein fantastisch-paranoider Abgrund auf, zwischen beiden wird freilich erstaunlich gefasst und nicht ohne Humor gependelt.
  Schreiner verwendet Stilmerkmale des mündlichen Erzählens ("weil" mit Doppelpunkten am Satzanfang, "ich meine", "Fragen Sie nicht!"), es plätschert mal müde, mal munter vor sich hin. Anfangs hofft man noch auf irgendeine dramatische Wendung, am besten einen Mord. Vielleicht wird es ja doch noch ein Krimi? Aber bald ahnt man: Es geht einfach immer so weiter. Bis es aus ist. Wie im richtigen Leben. Der aktuelle Partner lässt sich nicht und nicht scheiden (außerdem zupft er den Salat nicht in mundgerechte Stücke), der richtige Moment, um mit dem Rauchen aufzuhören, will nicht kommen, das Gestrampel am Hometrainer macht keinen Spaß, der alte Kater hasst die neue junge Katze. Lauter solche Sachen. Zwischendurch die mutige Frage: "Nun könnte man sagen, was erzählt uns die andauernd vom Haushalt? Von der Wohnung? Aber das Wichtigste im Leben ist keineswegs, was man arbeitet, wie erfolgreich man ist oder eben nicht, wie man seine Freizeit verbringt und so weiter, sondern das Wichtigste ist, wie man wohnt, wie und wo man aufs Klo geht, wo man die Wäsche wäscht. Alles andere ist nur scheinbar wichtig."
  Später dann eine noch mutigere Ansage: "Bei der Literatur kommt es darauf an, was der Leser daraus macht. Weil: Der Leser kann praktisch aus dem größten Blödsinn noch etwas herausholen." Aber Margit Schreiner kann sie wagen, ohne Häme beim Leser zu provozieren. Es gelingt ihr nämlich ein viel beneidetes Kunststück: das scheinbar Belanglose bedeutend zu machen, das tatsächlich Banale poetisch zu verformen, dem disparat Fragmentierten innere Spannung, überzeugende Gesamtstruktur zu verleihen. Und das ist doch schon mal was. Weil: So oft wird man damit in der österreichischen Gegenwartsliteratur auch wieder nicht beglückt.

Christina Dany in FALTER 41/2007



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