Das Wetter von Morgen. Wenn das Klima zur Bedrohung wird


Mikadospielen mit dem Klima

Zwei Grad mehr, das packen wir. Das Klima könnte aber auch völlig kippen, wie Fred Pearce recherchiert hat.

Das neue Buch von Fred Pearce hat es trotz seines harmlos klingenden deutschen Titels "Das Wetter von morgen" in sich. Der renommierte britische Wissenschaftsjournalist widmet sich den möglichen Kettenreaktionen, Rückkopplungseffekten, Wechselwirkungen und schwer einschätzbaren "wild cards" in der Erdsystemforschung, die einen weit stärkeren globalen Temperaturanstieg zur Folge haben könnten, als die meisten Wissenschaftler offenbar anzunehmen bereit sind.

Während die meisten Klimamodelle davon ausgehen, dass das System in der üblichen Weise weiterarbeitet, fürchtet eine Reihe von Erdsystemforschern, "dass wir kurz vor einer Schwelle stehen, hinter der ähnlich starke positive Rückkoppelungen greifen wie beim Wechsel von Kalt-zu Warmzeiten", so dass das System in einen ganz neuen Zustand springen werde.

Auf jene Wissenschaftler, die deutliche Hinweise auf ein radikales, plötzliches Kippen des Weltklimas sehen, beruft sich Pearce. Er bringt bekannte und weniger bekannte Player ins Klimaspiel, das möglicherweise wie Mikado ablaufen wird: Kippt ein Stäbchen, kippt das ganze System. Doch welches Stäbchen ist das entscheidende? Das überraschend starke Abschmelzen der arktischen und antarktischen Gletscher? Die immer noch rätselhaften Effekte von Wolken, Staubpartikeln und Ruß? Die zunehmende Austrocknung und Zerstörung der tropischen Regenwälder? Die Möglichkeit einer abrupten, gigantischen Freisetzung der Methanlager, die am Meeresboden und im tauenden Permafrost gebunden sind?

Nun steht die Methan-aus-dem-Meer-Story in einer Reihe mit anderen populärwissenschaftlichen Apokalypsemythen wie dem Supervulkan unter dem Yellowstone Park. Alles nicht erfunden, aber mit eher zweifelhaftem Bedrohungspotenzial in den nächsten Jahrhunderten. Folgt man jedoch Pearce in seiner fundierten Recherche und packenden Darstellung von dem, was wir über die Klimageschichte der Erde wissen, ist seine Einschätzung der Lage tatsächlich beunruhigend.

Der Chemiker Meinrat Andreae schließt einen Brief an Pearce mit den Worten: "Ich war dabei, mich mit dem Klimawandel zu arrangieren." Mit ein paar Grad würden wir schon zurechtkommen. "Jetzt befinde ich mich in der Situation, dass ich als Mensch hoffe, mich als Wissenschaftler zu irren."

Karin Chladek in FALTER 41/2007



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