Durch den Schnee. Erzählungen aus Kolyma 1

Warlam Schalamow


Tschechow im Lager

Warlam Schalamow (1907-1982) beschreibt in seinen "Erzählungen aus Kolyma" die stalinistischen Lager unerbittlich und ohne humanistisches Pathos.

Alexander Solschenizyn bezeichnet seinen "Archipel Gulag" als "Versuch einer künstlerischen Untersuchung" über die Verbrechen des Stalinismus und seine 25 Millionen Toten. Warlam Schalamow (1907-1982), der 1937 wegen Verbreitung von Lenins "Testament" 1937 als "Volksfeind" verurteilt wurde und insgesamt 17 Jahre in Stalins Lager verbrachte, ist mit seinen "Erzählungen aus Kolyma" dieser Versuch gelungen. Die drei Dutzend Erzählungen aus "Durch den Schnee" über das "Auschwitz ohne Krematorium" am sibirischen Kältepol der Grausamkeit bieten als erster einer auf sechs Bände angelegten Werkausgabe eine Auswahl aus den mehr als 1500 Seiten der "Kolymski Raskazij".

Schalamow selbst war zeitweilig "Dochodjaga", ein ausgezehrter "Kümmerer" (in der Diktion der Nazis: "Muselmann"), aber auch "Pridurok", also Arzthelfer. Er beschreibt Häftlinge, Mitarbeiter der Krankenstation und Wachmannschaften bei ihren sadistischen Morden, die "leichte" Arbeit beim Sammeln von Knüppelkiefern, den Egoismus der Verhungernden und die Rücksichtslosigkeiten einer wildgewordenen Bewohnerschaft der Hölle. "Jeder Moment des Lagerlebens ist ein vergifteter Moment", schreibt Schalamow, weder Täter noch Opfer durch Tabus verschonend: "Wenn wir überleben, werden wir einander ungern wiedersehen."

Kleine, ins Monumentale sich auswachsende Kränkungen deutet er, der über alle Zwischentöne Tschechow'scher Erzählkunst verfügt, subtil an, dem Pathos aller humanistischen Literatur stellt er die bittere Einsicht gegenüber: "Menschen halten viel Schlimmeres als Tiere aus." Wenn es notwendig ist, schlägt der mitunter in essayistisches Räsonieren abdriftende Erzähler natursentimentalische Töne an: "Erlischt das Feuer, dann beugt sich die enttäuschte Zirbel wieder weinend vor Kränkung und legt sich auf den alten Platz; der Schnee deckt sie zu." Oder er weicht - wider den eigenen Vorsatz, nur selbst Erlebtes zu beschreiben - in die Fiktion aus, wenn er vom Sterben des Dichters Ossip Mandelstam im Durchgangslager berichtet.

Die Sowjetmacht, die Schalamow unter Chruschtschow rehabilitierte, ließe keine Zweifel an der Unerwünschtheit dieser Erinnerungstexte, die ihr Verfasser immer auch als literarisch avantgardistisches Unternehmen verstanden hat. Als Schalamow im Westen gedruckt und mit einem französischen Literaturpreis ausgezeichnet wurde, steckte man den mittlerweile tauben und fast blinden Gulag-Autor in die Psychiatrie. Solschenizyn attestierte ihm, die schlimmsten Lager überlebt zu haben, Imre Kertesz meinte einmal, Warlam Schalamow sei der wichtigste Lagerautor des 20. Jahrhunderts überhaupt.

Erich Klein in FALTER 41/2007



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