China. Eine Annäherung

Margareta T. Grießler


Harmonie ist eine Strategie

Ist Chinas kommunistische Partei ein Garant für politische Stabilität oder eine Staatsmafia? Zwei Bücher, zwei Meinungen.

In der "Chinafrage" waren die westlichen Intellektuellen stets uneins. Leibniz hielt "Tschina" für ein Europa des Ostens, Voltaire für ein Musterbeispiel des aufgeklärten Absolutismus. Bald aber kippte das Bild: Seine jahrtausendealte Tradition ließ China für Hegel "gleichsam außerhalb der Weltgeschichte" liegen, Nietzsche sprach vom chinesischen "Stillstandsniveau" und Engels hielt das Land für eine "verwesende Halbkultur am Ende der Welt". Gleich ob Vor-oder Zerrbild, China war für den Westen immer ein Gegenpol, wie die Sinologin Margareta Grießler in "China. Eine Annäherung" mit Zitaten wie diesen überzeugend illustriert.

Von Stillstand und Verwesung ist mittlerweile nichts mehr zu spüren. Den Spagat, den die Machthaber dabei heute zu machen haben und "sozialistische Marktwirtschaft mit chinesischen Kennzeichen" nennen, beschreibt Grießler eher wohlwollend. Zwar gebe es viele Probleme, die Erfolge der Wirtschaft seien aber atemberaubend. Voraussetzung dafür sei politische Stabilität, und die garantiere die Kommunistische Partei Chinas. Grießler argumentiert dabei nachvollziehbar historisch, die 14 Kapitel ihres Buchs erstrecken sich von der Vorgeschichte bis zur Volksrepublik seit 1949. "Luan" etwa, das Chaos, war in den offiziell 5000 Jahren der Geschichte Chinas ein Schreckgespenst und stand im Gegensatz zur konfuzianischen Harmonie. Diese Harmonie, nicht mehr Klassenkampf oder der "Neue Mensch", sei heute das Ziel der KP, die damit zur Nachfolgerin der Dynastien geworden sei.

Wenig einverstanden mit dieser Sichtweise dürften Andreas Lorenz und Jutta Lietsch sein. In "Das andere China" bezeichnen sie die KP als mafiöse Organisation, die den Frieden nicht sichern werde können, wenn der Wirtschaftsboom einmal vorbei sein sollte. Während Grießler die Gegenwart fast ausschließlich aus der Vergangenheit erklärt, hat man bei Lorenz und Lietsch den Eindruck, dass die chinesische Geschichte erst mit ihrer Ankunft vor knapp dreißig Jahren begonnen habe.

Sei's drum, die Begegnungen der beiden Korrespondenten mit Politikern, Bauern, Sexshopbesitzern und aufmüpfigen Bürgern liefern ein anschauliches Bild der Gegenwart. Der rasante wirtschaftliche Wandel führt neben Landflucht, sozialen Verwerfungen und Umweltproblemen auch zur Stärkung der Zivilgesellschaft, zu einer Rückbesinnung auf Religionen und der Vergreisung der Gesellschaft. In der lebendigen Beschreibung dieser eher unbekannten Folgen liegen die Vorzüge des Buchs, weniger in ihrer theoretischen Einbettung. Dazu hübsche Trouvaillen wie das Plakat im ehemaligen Mao-Hauptquartier Yanan, das auch der hiesigen Industriellenvereinigung Freude bereiten würde: "Wenn du heute nicht fleißig arbeitest, musst du dir morgen fleißig Arbeit suchen."

Lukas Wieselberg in FALTER 41/2007



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