So nicht!. Sentimental Stories

Andreas Weber


Kartoffeln zum Beispiel

Andreas Weber liebt die Rolling Stones, Hemingway und Fußball. Bemerkenswert ist das, weil Weber seine Dreifaltigkeit nicht oberflächlich verehrt, sondern sich in seinen Kirchen besser auskennt als die meisten, die zum Beispiel sagen: "Fußball, ah!" Der Autor hat einen Film über den ehemaligen Weltfußballer Mario Kempes gestaltet, von dem kaum einer weiß, dass er auch in Krems gespielt hat. Und nur wenige Pseudoaficionados wissen wahrscheinlich, dass das Stadion der Tottenham Hotspurs an der Londoner White Hart Lane liegt.
  Weber hat Filme über wenigbekannte österreichische Autoren wie Hermann Gail und Fritz Habeck gemacht, Vertreter einer immer noch unterbelichteten realistischen Tradition innerhalb der österreichischen Nachkriegsliteratur; über Letzteren ist auch eine Monografie im Entstehen. Sein erster, 2004 erschienener Roman "Lanz" handelt von einem nationalsozialistischen Lynchmord sowie dessen Jahrzehnte später erfolgter Aufklärung und ist eines der gelungensten Beispiele für die literarische Bearbeitung der Naziverbrechen in Österreich.
  Die "Sentimental Stories" nun sind allesamt autobiografische Fiktionen über Glanz und Elend des freien Schriftstellerdaseins. Sie sind miteinander verzahnt und berichten jede auf ihre Art davon, wie das Leben zu Geschriebenem wird, was meistens furchtbare Konsequenzen für das Leben zeitigt: Mord und Selbstmord sind im Schriftstelleruniversum des Andreas Weber allgegenwärtig – und Sex. Auf den Punkt gebracht ist die Kongruenz von Sex und Literatur im Titel "Romans Titten". "Mir geht es um sinnliche Literatur, geschrieben aus männlicher Perspektive und dadurch notwendigerweise stets im Spannungsfeld an der Grenze zum Sexismus", sagt oder schreibt eine der Weber'schen Figuren in dieser Erzählung; ist es der über sich nachdenkende Autor selbst, ist es sein autobiografisches Alter Ego, oder ist es ein Hemingway'sches Machokonstrukt, das diesen Bekenntnissatz äußert? In ihrer unbestimmten Direktheit sind diese Sätze gut, stets stellt sich beim Lesen der Realismusverdacht ein.
  Den Auftakt macht eine Story, deren Held dem Universum Thomas Bernhards entsprungen sein könnte. "Rudolf Atzbacher" heißen Held und Erzählung. Auf dem Umweg über das Schälen von Kartoffeln haben hier auf raffiniert einfache Weise alle Weber'schen Motive ihren ersten Auftritt: Schreiben und Leben, Schreiben und Sex, Schreiben und Identität – ein Entwicklungsroman auf wenigen Seiten, der tödlich endet. Aber, wie Atzbacher, der alte gehörnte Schriftsteller, zum jungen, ihn hörnenden sagt: "Schreiben Sie, schreiben Sie drauflos."
  Das Schreiben scheint im Unterschied zum Leben einem Autorenwillen zu unterliegen. Aber ganz so sicher ist das auch nicht, behaupten doch viele Autoren, ihre Geschichten würden unter der Schreibhand eine Eigendynamik gewinnen, die sie unsteuerbar mache. Andererseits wirkt das Leben manchmal, als ob es einer bereits vorgeschriebenen Dramaturgie folge. In diesem komplizierten Dilemma bewegen sich die Weber'schen Schriftsteller und ihre Geschichten. Zur Schreib- und Lebenskrise wird das, wenn das Aufschreiben des eigenen Lebens "unangemessen" erscheint, "ebenso wie das Weinen über diese bedeutungslose Tatsache".
  Ist man Schriftsteller und erfolglos, dann träumt man davon, Schriftsteller und erfolgreich zu sein. In der titelgebenden Erzählung "So nicht" verkauft ein erfolgloser Schriftsteller schwieriger Literatur seine Seele an den Kommerz, um fortan Bücher über Kinder und Tiere zu schreiben, Kinderbücher, die auch Erwachsene gerne lesen. Andreas Weber liebt nicht nur die Stones, Fußball und Hemingway, sondern auch Krimis. "So nicht" funktioniert wie ein guter "Tatort", die Konstruktion mag ziemlich gewagt sein, aber die Umstände und die Suche nach dem Geheimnis überdecken alle Fragen nach der Glaubwürdigkeit der Story.
  Nicht alle "Stories" sind gleich gut. Eine heißt "Blindbuch", das ist ein guter Titel, aber er hält nicht ganz, was er verspricht. Blindbücher sind in einen Umschlag gebundene leere Seiten. In solche Blindbücher lassen sich trefflich Notizen schreiben, die später dann, wenn sie zu Fiktionen gelebten Lebens werden sollen, aber plötzlich schal anmuten können: "Er begann sie zu lesen und sah ein, dass er keine Worte für das Bedeutsame in der Alltäglichkeit seiner Existenz gefunden hatte", heißt es über einen jungen Schriftsteller auf seinem schwierigen Weg vom Werk im Kopf zum Werk auf Papier. An manchen Stellen mag das Alltägliche der Existenz zu platt klingen, der Sex zu fernsehmäßig plan über die Ehebruchsbühnen gehen, der Stil dem Bedeutsamen in der Alltäglichkeit nicht ganz gerecht werden. Gut sind die "Stories" immer dort, wo die Sätze in ihrer lapidaren Kürze dem Alltäglichen einen überraschenden Dreh geben, wo der Kunstwillen, auf den Alltag trifft, auf Kartoffeln zum Beispiel. Wir dürfen gespannt sein auf Andreas Webers in Arbeit befindlichen neuen Roman

Bernhard Fetz in FALTER 41/2007



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