Die Selbstabschaffung der Vernunft. Die...

Wolfgang Maderthaner, Lutz Musner


Kritik am Ende der Kritik

Wolfgang Maderthaner und Lutz Musner müssen die Abschaffung der Vernunft beobachten.

Einmal aufgeklappt, präsentiert sich das schmale blaue Büchlein aus der Reihe der "Wiener Vorlesungen" als Schwergewicht. Die beiden Kulturwissenschaftler reflektieren ihr Fach und klinken sich mit "Die Selbstabschaffung der Vernunft" in die ohnehin schon langwierige Kulturalismusdebatte ein.

Eingangs erläutern die Autoren, wie es zum Ende der Gesellschaftskritik gekommen ist. Sie starten in den 1970er-Jahren - als alles noch gut war - und geben einen Überblick über die Theorien, die seither prägend waren: von Postmoderne, Cultural Materialism und Diskursanalyse bis zu den heute hippen Cultural Studies. Politik und Ökonomie, diagnostizieren sie, wurden zusehends ignoriert, Soziales wurde durch Kultur ersetzt.

Was Wolfgang Maderthaner und Lutz Musner erst theoretisch aufrollen, unterfüttern sie in den folgenden Kapiteln mit konkreten Beobachtungen. Statt von Klassen oder sozialen Unterschieden spreche man - verharmlosend, wie die Autoren mit Nachdruck vermitteln - von Lebensstilen, von Geschmack und kultureller Differenz. Die beiden beklagen, dass aus Bürgern Medienkonsumenten geworden seien, aus Politikern Lifestyle-Moderatoren, und dass sich Kultur generell ökonomisiert habe. Jedenfalls: Das Soziale scheint im Symbolischen - in den Medien, Bildern und Diskursen - aufzugehen, Symbolisches wird über Lebenswelten und ihre materiellen Voraussetzungen gestellt. Und dieser Kulturalismus, befinden Maderthaner und Musner, passte hervorragend in neoliberale Zeiten.

Auf diese gehen sie dann näher ein und beschreiben die Krise der Arbeit und jene der Arbeitenden. Den Individuen fehle nunmehr (Risikogesellschaft!) "der Rahmen", gemeint ist: Sicherheit. Im Kulturalismus gebe es keine heiklen sozialen Fragen mehr, Systemwidersprüche seien biografisch zu lösen - jeder seines Glückes Schmied, eine Verantwortung, die bis zur Gestaltung des eigenen Körpers reicht. Das ist nichts Neues.

Zum Schluss werden Maderthaner und Musner nochmals theoretisch und legen abermals ihre Kritik am Ende der Kritik dar. "Die Selbstabschaffung der Vernunft" ist ein Steinbruch für Argumente gegen den Kulturhype, oder wenigstens für Schlagworte und angesagte Namen, denn eine ernsthafte Lektüre des Bandes setzt großes Interesse an Kulturwissenschaft als solcher voraus.

Nikola Langreiter in FALTER 41/2007



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