Rip It Up And Start Again. Schmeiß alles hin und fang neu an: Postpunk 1978-1984

Simon Reynolds


Aufbau und Zerstörung.

Simon Reynolds' Postpunk-Buch "Rip It Up and Start Again" zeigt, wie seriös sich Musikgeschichte erzählen lässt. John Robb erinnert an die wilden "Punk Rock"-Tage.

Aus den Ruinen des Punk sollte 1978 musikalisch weitaus Interessanteres entstehen: Postpunk. Die Charakteristik dieser fruchtbaren und zuletzt bei jungen Rockmusikern wieder hoch im Kurs stehenden Periode Ende der Siebziger- und Anfang der Achtzigerjahre brachte mit Allen Ravenstine von der US-Band Pere Ubu damals schon einer der Protagonisten treffend auf den Punkt: "Die Sex Pistols haben, No Future' gesungen, aber es gibt eine Zukunft, und wir wollen sie aufbauen."

Die meisten Postpunk-Musiker waren Kunststudenten, denen es nicht genügte, Lärm zu erzeugen. Ihre Ingredienzien reichten von Dub über Avantgarde bis hin zu frühem Rap und sogar dem von den Punks so bekämpften Discosound. Machistische Rockismen dagegen wurden tunlichst vermieden, Gitarrenakkorde hatten scharf und abgehackt zu klingen, eitle Soli galten als verboten.

Der Engländer Simon Reynolds, als Jahrgang 1963 ein Postpunk-Zeitzeuge, hat die sonische Zukunft, wie sie in den USA Pere Ubu, Devo, James Chance & The Contortions oder die Talking Heads und auf der britischen Seite PiL, Gang Of Four, The Fall, Joy Division oder Wire entwarfen, in einer umfassenden Gesamtdarstellung gewürdigt. "Rip It Up and Start Again" leistet eine scharfsichtige und detaillierte Analyse, wie sie in der Popgeschichtsschreibung bislang beispiellos ist. Es gelingt Reynolds, sowohl die Akteure in ihrer Individualität einzufangen als auch hilfreiche Kontextualisierungen zu leisten. Natürlich ist die Musik der Star des Buches, aber auch die politischen Ambitionen einiger Bands werden diskutiert und ihre gestörte Beziehung zur Musikindustrie erklärt, was zur Gründung bis heute wichtiger Indielabels wie Rough Trade führte.

Reynolds zeichnet eine extrem produktive Phase der jüngeren Musikgeschichte nach, die er nicht ganz zu Unrecht auf eine Stufe mit "dem goldenen Musikzeitalter der Sechzigerjahre" stellt. Dass die Aufbruchsstimmung nicht ewig dauern konnte, zeigt der zweite Abschnitt des Buchs, der sich "New Pop und New Rock" widmet. Bands der frühen Achtziger wie ABC oder Ultravox, die an Postpunk anknüpften, nahmen fantastische Platten auf, die innovative Kraft jedoch verpuffte.

"Rip It Up and Start Again" ist im englischsprachigen Original vor zwei Jahren erschienen und wurde derart begeistert aufgenommen, dass eine Übertragung des gut ein Kilogramm schweren Ziegels ins Deutsche nur eine Frage der Zeit war. Mit der auf Musikthemen spezialisierten Conny Lösch hat sich eine versierte Übersetzerin gefunden, leider wurde dafür das Stichwortverzeichnis eingespart.

Nur eine Fußnote wert ist Reynolds die englische Postpunk-Band The Membranes. Deren einstiger Frontman John Robb ist inzwischen ebenfalls als Autor hervorgetreten, und zwar ironischerweise eines Buches über die Zeit vor Postpunk. In "Punk Rock. Die ganze Geschichte", einer ebenfalls recht voluminösen Publikation, lässt er die Zeitzeugen der englischen Punkwelle die sich überstürzenden Ereignisse der Jahre 1975 bis 1977 nacherzählen. Das Buch ist durchwegs in O-Ton-Form gehalten und schließt damit an Jürgen Teipels "Verschwende deine Jugend" über Punk und New Wave in Deutschland und "Please Kill Me. Die unzensierte Geschichte des Punk" von Legs McNeil und Gillian McCain über die US-Punkszene an.

Hier geht es weniger um eine historische Sichtung, Einordnung und Wertung - die liegt mit Jon Savages Punkbuch "England's Dreaming" auch längst vor - als um eine unterhaltsame Dokumentation einer wilden Zeit. Wer es ganz genau wissen will - z.B. wo die ersten Proben der Sex Pistols stattfanden -, wird bestens bedient.

Johnny Rotten/John Lydon zu lauschen, ist fast immer unterhaltsam: "Als die Sex Pistols mich auf der Kings Road mit meinem, I Hate Pink Floyd'-T-Shirt sahen, dachten die:, Der ist es!' Ich glaube nicht, dass ihnen klar war, worauf sie sich einließen. Sie wollten eigentlich eine aufgemotzte Pub-Band sein, weil Pub-Rock zu der Zeit gerade angesagt war - Bands wie Eddie and the Hot Rods. Alles Bands, die später, genau wie Elvis Costello, behaupteten, Punks zu sein - aber sie waren keine. Genauso wenig wie Sting. Das waren alles nur Pub-Barden." Verstanden? Und nein, "No Future" gilt schon lange nicht mehr. Kaum eine popmusikalische Periode liegt derart gründlich aufgearbeitet zwischen Buchdeckeln vor wie die des Punk.

Sebastian Fasthuber in FALTER 41/2007



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