Joe Mc Vie alias Josef Thierschädl

Werner Schwab


Der Roman, der aus dem Koffer kam

Der Slibowitz schmeckte, wie immer in solchen Lokalitäten, nach erbrochener Marmelade." Der Held von Werner Schwabs einzigem Roman hat eine Vorliebe für Wirtshäuser der härteren Kategorie. Nicht nur das verbindet ihn mit seinem Autor. Dennoch haben wir es nicht bloß mit einem Roman zu tun, in dem ein notdürftig als literarische Figur verkleideter Schriftsteller seine kleine Welt beschreibt. Das merkt man schon daran, dass der Held eigentlich zwei Helden ist. Als Protagonist des Romans tritt ein Joe Mc Vie aus Philadelphia in Erscheinung; der aber ist nur ein wildes Alter Ego eines Steirers namens Josef Thierschädl. Mc Vie und Thierschädl sind unzertrennlich wie Wirt und Parasit, wie die arme Sau und der innere Schweinehund.
  Schwab schrieb den Roman "Joe Mc Vie alias Josef Thierschädl" während eines Dänemarkaufenthalts in den ersten zehn Wochen des Jahres 1988; er verarbeitet darin die Affäre um Kurt Waldheim, dessen Wahl zum Bundespräsidenten 1986 auch international Wellen geschlagen hatte. Man kann den Roman also auch als süffige Politsatire lesen. Schwab entwirft das unheimliche, manchmal auch unheimlich komische Szenario eines Landes, in dem "der Präsident" (der Name Waldheim fällt nie) aus allen Ritzen quillt und die politisch korrekten Künstler "von ihrem biologisch angebauten Antifaschismus" leben "wie der Mäster von seinen Säuen". Jedes Land hat den Präsidenten, den es verdient. Schwab geht noch weiter: Das ganze Land ist Präsident. "Das Präsidiale entsteht, wo sich zwei oder mehr Leute im Namen ihrer Nationalität versammeln, dachte Mc Vie."
  Das Buch ist ein interessantes Zeitdokument und eine mittlere literarische Sensation. In jeder Zeile ist das stupende Talent eines Autors zu bemerken, der als Dramatiker berühmt wurde, obwohl ihm selbst die Prosa wichtiger war. Der für Schwabs späteres Werk charakteristische, kunstvoll degenerierte Jargon ("Schwabisch") ist im Roman nur ansatzweise zu bemerken; viele Bilder und Motive aus den Dramen sind aber schon vorhanden. Zitat: "Küchenelend, Familienelend, Fickelend." Schwab schrieb den Roman in einem Zug nieder; der fand sich in einem Schreibbuch, in dem Schwab auch den Anfang seines ersten Theaterstücks "Die Präsidentinnen" aufgeschrieben hatte. Das Schreibbuch wiederum befand sich in jenem großen silbergrauen Alukoffer voller großteils unveröffentlichter Texte (insgesamt 3300 Seiten!), den der Autor wenige Tage vor seinem Tod im Haus seiner Exfrau Ingeborg Orthofer deponiert hatte. Werner Schwab starb 35-jährig am Neujahrsmorgen des Jahres 1994. Und Orthofer packte den Koffer aus.
  Unter Mithilfe der Germanistin Lizzi Kramberger und anderer Mitarbeiter ließ sie den Bestand inventarisieren, die Blätter digitalisieren und die handschriftlichen Manuskripte transkribieren. Sie gründete ein Werner-Schwab-Archiv, das wegen Geldmangels in der Zwischenzeit wieder geschlossen wurde. Und sie ist die Herausgeberin der bei Droschl verlegten Werkausgabe, als deren erster Band jetzt "Joe Mc Vie" vorliegt. Dass die Witwe die Verwaltung des Nachlasses nicht einem Literaturarchiv oder ähnlichen Institutionen überließ, hat sich so ergeben. Zunächst hatte Orthofer den Job in Vertretung ihres Sohnes Vinzenz übernommen, der Alleinerbe ist, zum Zeitpunkt von Schwabs Tod aber erst 14 war. Mittlerweile ist ihr klar geworden, dass sie wahrscheinlich die Einzige ist, die für diese Aufgabe in Frage kommt: "Ich glaube, dass jemand anderer sich ziemlich schwer tun würde. Es ist nichts datiert, die Texte gehen plötzlich in einem anderen Heft weiter. Ich kann zum Beispiel auch verschiedene Dinge entschlüsseln: Wenn der Schwab mitten in einem Text den Namen einer Band oder eines ,Musicbox'-Redakteurs hinschreibt, dann sagt mir das was. Weil ich weiß: Da waren wir bei dem und dem Konzert, oder das war die Sendung, wo er dem Redakteur einen Brief geschrieben hat."
  Rund zehn Jahre waren Schwab und Orthofer verheiratet. Den Großteil der Zeit verbrachten sie auf einem abgelegenen Hof in der Oststeiermark, wo der noch völlig unbekannte Schwab täglich fünf Stunden lang Prosa produzierte. 1991 begann die Turbokarriere des Dramatikers Werner Schwab, in den drei Jahren bis zu seinem Tod schrieb er 15 abendfüllende Stücke, die meisten davon gutbezahlte Auftragswerke. "Trotzdem hat er immer davon geredet, dass die Prosa für ihn zentraler ist", sagt Orthofer. Sobald der Theaterboom nachlassen würde, wollte er sich wieder dem "Prosaprojekt" zuwenden. Dann hätte er sich wohl auch den Koffer vorgenommen. "Wenn er noch zehn Jahre gelebt hätte, wäre das irgendwann geordnet gewesen."
  Die Werkausgabe wird im Frühjahr 2008 mit "Abfall, Bergland, Cäsar", dem einzigen zu Lebzeiten des Autors erschienenen Prosaband, fortgesetzt. Keine Überraschungen sind auch von den drei Dramenbänden zu erwarten: Ein unbekanntes Schwab-Stück wurde im Nachlass nicht gefunden. Bisher unveröffentlichtes Material wird im Band "Frühe Stücke und Lieder" ("die frühen Stücke sind irrsinnig spannend, weil sie zeigen, woher das alles kommt") sowie in zwei Bänden "Gesammelte Prosa" zu finden sein; damit lässt sich Orthofer aber noch etwas Zeit. Die Herausgeberin hofft, dass bis dahin noch der eine oder andere verschollene Text auftaucht. Orthofer vermutet, dass einige Besitzer von Originalmanuskripten Bedenken haben, sie herzugeben. "Wie jemand an einen Text gekommen ist, ist für mich nebensächlich. Auch das Objekt ist zweitrangig, wichtig ist mir nur der Text. Man kann's ja einfach kopieren und an Droschl schicken."
  Ergänzt wird die Edition mit einem Band "Essays und Interviews", einem zum "bildnerischen Werk" und einem mit biografischen "Materialien zu Werner Schwab". Für die letzten beiden Vorhaben sucht Ingeborg Orthofer noch Mitarbeiter. "Ich kann da zwar danebensitzen und die Märchentante spielen. Aber das muss jemand machen, der über das jeweilige Handwerkszeug verfügt." Wenn alles nach Plan läuft, wird die Werkausgabe 2013 komplett sein.

Wolfgang Kralicek in FALTER 41/2007



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