Natürlicher Roman

Georgi Gospodinov


Erzählen wie die Erbsen

In seinem nachgerade dahergeplauderten "Natürlichen Roman" nimmt sich Georgi Gospodinov Flora und Fauna zum Vorbild und setzt der Fliege ein Denkmal.

Naturgeschichte, so erklärt ein vorangestelltes Motto, ist nichts anderes als "die Benennung des Sichtbaren". Auf gleichsam natürliche Weise zu erzählen ist das erklärte Ziel von Georgi Gospodinov. "Natürlicher Roman" nennt er seinen Versuch, Kunst als etwas Organisches direkt aus dem Leben entstehen zu lassen. Anstatt eine Geschichte mit zwingendem Ablauf zu konstruieren und sich den Notwendigkeiten einer narrativen Konstruktion zu ergeben, setzt Gospodinov auf die Kontingenz der Einzelheiten. Er träumt von einem Roman, der aus nichts als Anfängen besteht. Dieser Roman, so seine Hoffnung, "wird nur den ersten Anstoß geben und taktvoll genug sein, sich in den Schatten des folgenden Anfangs zurückzuziehen und die weitere Verbindung der Helden untereinander dem Zufall zu überlassen. Das würde ich einen natürlichen Roman nennen."

Der Anlass, der das Erzählen in Gang setzt, ist allerdings von äußerster Dringlichkeit. Der Erzähler trennt sich von seiner Frau. Oder vielmehr: Sie trennt sich von ihm, indem sie ihm mitteilt, schwanger zu sein. Der Erzähler weiß, dass er als Vater nicht infrage kommt, weil er und seine Frau schon lange nicht mehr miteinander geschlafen haben. Wie soll er also auf ihre Mitteilung reagieren? Eigentlich müsste er den Tisch umwerfen, eine Vase zerbrechen und draußen ein Gewitter aufziehen lassen. Stattdessen schweigt er bloß, zündet sich eine Zigarette an und beginnt, über die Trennung nachzudenken.

Das ist der Anfang. Ein Anfang als Ende. Also wird die Scheidung zelebriert wie eine Hochzeit. Gäste werden eingeladen, ein "Ja, ich will" wird ausgesprochen, ein Scheidungsfoto wird gemacht, das die Freunde sich später gerührt anschauen können. Aber natürlich ist auch das nur eine Geschichte, die der Erzähler sich ausdenkt, um sie der profanen Wirklichkeit entgegenzuhalten. Immer wieder setzt er neu an und berichtet von der Trennung und dem Jahr danach. Doch ebenso oft schweift er ab, um sich selbst von dieser Geschichte zu befreien. Psychologisch betrachtet handelt es sich um eine Form der Verdrängung. Erzählen als fortgesetztes Ablenkungsmanöver.

Der Bulgare Georgi Gospodinov, Jahrgang 1968, ist ein gewitzter Erzähler. In den Neunzigerjahren etablierte er sich zunächst als Lyriker, bevor er mit dem "Natürlichen Roman" internationale Anerkennung fand. Das Buch, auf Bulgarisch 1999 erschienen, wurde bereits in zehn Sprachen übersetzt. Nun liegt es endlich auch auf Deutsch vor und folgt damit den eigentlich später entstandenen Erzählungen "Gaustin oder der Mensch mit den vielen Namen", die schon seit 2004 in Übersetzung vorliegen. Es passt zu diesem Autor, dass seine Publikationsgeschichte hierzulande von hinten beginnt und sich erst allmählich zu den Anfängen vorantastet. Noch einmal von vorn beginnen, schreibt er im "Natürlichen Roman", sei einer der dümmsten Ausdrücke, der allenfalls für zweitklassige Liebesgeschichten taugte. Noch einmal anfangen - so ein Quatsch. Als ob das möglich wäre. Die Anfänge, die Gospodinov versammelt, sind eben keine Versuche der Wiederholung oder der Verbesserung, sondern Einzelteile, die in ihrer Gesamtheit auf Verfall, Fäulnis, Auflösung hindeuten.

Ganz besonders haben es dem Erzähler die Fliegen angetan, nicht nur wegen ihrer Facettenaugen, mit denen sie die Welt aus einzelnen Segmenten zusammensetzen und damit das Konstruktionsprinzip vorgeben für diesen Roman aus "winzigen Details", die "mit dem bloßen Auge nicht erkennbar sind". Es ist auch die Vorliebe der Fliegen für Fäkalien, die der Erzähler mit ihnen teilt. Dem Klo als selten literarisch gewürdigtem Ort widmet er mehrere mit "00" überschriebene Kapitel, in denen er Kneipengespräche referiert und schließlich sogar "Bausteine zu einer Naturgeschichte des Klosetts". Es folgt die "Naturgeschichte der Fliegen" und schließlich die wunderschöne, seltsame Geschichte eines Naturforschers, der sich als alter Mann in ein Dorf zurückzieht, um dort einen ganz besonderen Blumengarten anzulegen: Die Blüten der Pflanzen, im Kreis angeordnet, sollen sich stundenweise öffnen, so dass sie wie eine Uhr funktionieren. Statt 15 Uhr würde man dann zum Beispiel "Tulpe" sagen.

Der alte Mann, der die Natur zum Sprechen bringen will, gilt im Dorf als Spinner. Er schreibt Briefe an die Uno, in denen er davor warnt, die Dinge allzu deutlich zu benennen. Weil Namen das Bezeichnete erst erschaffen, dürfe man nur in Allegorien sprechen. Er wirkt wie ein mönchischer Vertreter der nominalistischen Scholastik, der sich mit moderner Linguistik befasst. Aus dem Zweifel an der Identität von Zeichen und Bezeichnetem entsteht bei ihm eine Metaphysik als Suche nach dem "Wesen" der Dinge jenseits der Sprache. Es sei, so schreibt dieser Mann, als ob die Dinge aus ihren Namen herauspurzelten wie die Erbsen aus der Schote, wenn man sie nur lange genug betrachte. So wird Sprachwissenschaft zur Naturwissenschaft.

Das Schönste an diesem Buch ist die Leichtigkeit der Sprache, ein fast schon plaudernder Ton und ein feiner, distanzierender Humor. Gospodinov zeigt sich darin als ein Vertreter der Postmoderne der Neunzigerjahre, der aber auch die gebräuchlichen Methoden - das Zitieren, das Collagieren, die Standpunktlosigkeit, das Verschwinden des Autors - nur noch ironisch verwendet. Wenn der Autor sich in einem Clochard spiegelt, der ebenfalls Georgi Gospodinov heißt und der in einem Schaukelstuhl im Stadtpark sitzt, dann benutzt er bewusst ein abgedroschenes Klischee, um daraus aber doch den Anfang einer heiter-ernsten Geschichte zu formen. Am Ende beginnt der Erzähler, in das Notizbuch zu schreiben, in dem er das Jahr seiner Trennung protokolliert. Er beginnt den "Natürlichen Roman" und kehrt auch damit - Zitat einer Form - zum Anfang zurück.

Jörg Magenau in FALTER 41/2007



ANZEIGE


FALTER abonnieren
×