Casper

Dirk Wittenborn, Angela Praesent


Leben ohne Beipackzettel

Es gibt gewiss gesündere Arten, durch den Tag zu kommen, als die konstante Zufuhr einer Diät aus Zigaretten, Schokoriegeln und Cola Light. Die Ärzte, die Dirk Wittenborn auf seinem Genesungsweg betreut haben, werden damit in seinem Fall trotzdem zufrieden sein, denn in den Neunzigerjahren war der US-Autor schon mehr als halbtot. "Ich hatte eine 1:3-Überlebenschance", erinnert er sich an die komplizierte Operation, die nach jahrelanger Überbelastung und der Infektion mit einem seltenen asiatischen Virus an seinem Herzen vorgenommen werden musste. "Ich war im wahrsten Sinne des Wortes hartherzig geworden. Die Ärzte mussten mein Herz aufbrechen und wie eine Orange schälen." Es macht Wittenborn ganz offensichtlich Spaß, Gruselgeschichten aus seiner Vergangenheit zu erzählen. Heute geht es ihm ja gut.
  Vor wenigen Wochen hatte der US-Autor Wien besucht, um seinen Roman "Casper" vorzustellen, ebenfalls eine Art Gruselgeschichte, vor allem aber, um über sein bewegtes Leben zu plaudern. Wittenborn ist ein großgewachsener, mit Mitte fünfzig noch jugendlich wirkender Typ, der überall, wo er auftaucht, die Aufmerksamkeit auf sich zieht. In den Siebzigern war er als junger Autor nach New York gekommen und publizierte zwei leidlich erfolgreiche Romane. Bald war er vor allem des Nachts unterwegs, lernte im pulsierenden Partyleben die Schauspiel- und Comedygrößen der Zeit kennen und wurde als Autor für die TV-Comedy-Show "Saturday Night Live" engagiert. Kaum einer, mit dem er nicht um die Wette gekokst, kaum eine legendäre Party, die er versäumt hätte. Man braucht im Gespräch mit ihm nur Stichworte zu nennen, schon hat er eine kleine Anekdote parat. Studio 54? "Klar, ich war da, in der Eröffnungsnacht. Neulich habe ich mich in einem Bildband über das Studio 54 entdeckt. Meine kleine Tochter hat mir nicht geglaubt, dass ich der Verrückte auf dem Foto bin."
  Als die Siebziger vorbei waren, wurde es düster. Der Lebenswandel begann Spuren zu hinterlassen. Wittenborn schrieb Drehbücher zu immer dubioseren Filmen wie "War of the Insect Gods" – wenn er überhaupt noch schrieb. Als er erfuhr, dass sein guter Freund John Belushi an einer Überdosis gestorben war, brachte ihn das nicht dazu, die Finger von den Drogen zu lassen. Für ihn war die Party noch lang nicht vorbei. Er konsumierte von da an aber im stillen Kämmerlein und verschwand langsam von der Bildfläche. "Man glaubte einfach nicht, dass Kokain süchtig macht, und jeder Sex war noch safe", sagt er heute. "Außerdem habe ich eine Tendenz zur Selbstzerstörung. Ich errichte zwar gerne Dörfer, aber wenn Leute einziehen wollen, brenne ich sie nieder."
  Wittenborn hat fast zwanzig Jahre praktisch nichts geschrieben. Es schien, als habe er sein Talent fürs Geschichtenerzählen leichtfertig verbraucht. Nur sehr langsam konnte er sich wieder ans Schreiben herantasten. Und weil an Arbeit im Film- oder TV-Business fürs Erste nicht zu denken war ("ich habe es mir mit zu vielen Leuten in der Branche verscherzt"), erinnerte er sich daran, dass er doch in einem früheren Leben einmal Autor von Romanen gewesen war. Seitdem sind die beiden Romane "Unter Wilden" (2003) und, gerade eben jetzt, "Casper" erschienen, in denen er Geschichten auftischt, die nur das Leben schreiben konnte.
  "Es wäre Vergeudung, wenn ich nicht literarisch nutzen würde, was mir passiert ist", sagt Wittenborn. Warum sich mühsam Geschichten ausdenken, wenn einem die eigene Kindheit "Casper" geschenkt hat? "Mein Vater war Pharmakologe und in den Fünfzigern ein Pionier der Branche", erzählt er. "Meine Mutter war seine Assistentin. Unser ganzes Leben drehte sich um seine Arbeit, über die er aber nicht sprechen konnte, weil vieles Forschung für die Regierung war. Meine beiden Schwestern und ich mussten uns schon früh um uns selber kümmern, weil unsere Eltern keine Zeit hatten. Irgendwann habe ich meinen Vater gefragt, warum sie mich, den Nachzügler, überhaupt haben wollten. Er sagte: ,Weil jemand kam, um mich und meine Familie zu töten.'"
  So beginnt auch Wittenborns Roman: "Ich bin auf der Welt, weil jemand meinen Vater töten wollte." Der "Casper", der über dem Buch schwebt wie ein böser Geist, war ein hochbegabter, aber unter psychischen Problemen leidender Student, der als Versuchskaninchen an einer Pilotstudie von Dr. Wittenborn (im Roman: Dr. Friedrich) teilnahm – und nach anfänglichen Erfolgen völlig durchknallte. "Casper" handelt von der Zeit, in der die sogenannten Stimmungsaufheller erfunden wurden, die inzwischen längst nicht mehr nur in den USA schon von Schulkindern reihum geschluckt werden. Er fokussiert auf die Nebenwirkungen glückversprechender Pillen, um die sich in der Pharmabranche schon damals niemand kümmerte, wie der Autor erklärt: "Es herrschte eine Aufbruchsstimmung. Ehrgeizige Leute wie mein Vater wollten etwas erreichen, alles andere war ihnen egal. Die Medikamente wurden zuerst an Ratten getestet, und wenn die überlebten, kamen gleich die Versuchspersonen an die Reihe."
  Auf seine eigenen Erfahrungen angesprochen meint Wittenborn: "Mein Dad trug zur Produktion von Drogen bei, ich konsumierte sie." Er hat gerade noch die Kurve gekratzt. Zurzeit startet er gerade zum zweiten Mal durch. Die deutsche Fassung von "Casper" ist für ihn die Aufwärmrunde für die US-Veröffentlichung bei Viking Press im Sommer 2008 (unter dem Titel "Pharmakon"). Vorher kommt noch der Film "The Lucky Ones" mit Tim Robbins in die Kinos, für den Wittenborn das Drehbuch geschrieben hat. Die Buchbranche und die Filmindustrie mögen sich während seiner Abwesenheit massiv verändert haben, aber von einer guten Geschichte lassen sich die Menschen nach wie vor gern einwickeln. Sie werden immer Wittenborns brauchen. Und irgendwann wird der ewige Sunnyboy auch seine eigenen Erfahrungen mit diversen Substanzen detailliert niederschreiben, darauf kann man Gift nehmen.

Sebastian Fasthuber in FALTER 41/2007



ANZEIGE


FALTER abonnieren
×