Putsch!. Zur Geschichte des amerikanischen Imperialismus

Steffen Kinzer


Tölpelhafte Weltmacht

Warum putschen die USA immer wieder andere Regierungen weg? Stephen Kinzers Antwort befriedigt nicht wirklich.

Stephen Kinzer, renommierter Auslandskorrespondent der New York Times, analysiert in "Putsch!" die von der US-Regierung seit dem Ende des 19. Jahrhunderts veranlassten "Regimewechsel". Diese reichen von den Regierungsstürzen und Eroberungen in Hawaii (1893), auf den Philippinen und in Kuba (1898), in Nicaragua (1909) und Honduras (1911) in der "Imperialistischen Ära" über die Putsche durch verdeckte Aktionen im Kalten Krieg in Iran und Guatemala (1954), Vietnam (1963) und Chile (1973) bis hin zu den Invasionen in Grenada (1983), Panama (1989), Afghanistan (2001) und Irak (2003).

Kinzer erzählt diese Ereignisse spannend nach, will aber auch begreifen, was sie miteinander verbindet, und nennt drei treibende Faktoren: wirtschaftliche und politische Interessen plus Ideologie. Von einem ständigen "Anspruch auf Zugang zu Rohstoffen" ist die Rede, an anderer Stelle aber heißt es wohl zu Recht, dass ökonomische Motive fürs Handeln nie ausreichten. Die jeweils vorherrschende Ideologie musste hinzukommen, sei es die "Vorbestimmung" des weißen Mannes zur Herrschaft im Imperialismus, die Mentalität des Kalten Kriegs, die hinter jedem Nationalisten einen Agenten Moskaus witterte, oder die Mission zur "Demokratisierung" des Nahen Ostens heute.

So weit, so gut, aber trotz dieser durchaus differenzierten Analyse stehen Erzählung und Erklärung oft unverbunden nebeneinander. Immerhin wird deutlich, wie unbekümmert manche Entscheidung zum jeweiligen Regierungssturz gewesen ist und von wie wenigen Eingeweihten sie vorangetrieben wurde. Kinzers Darstellung legt nahe, dass keine Kombination der genannten Faktoren als Einheitsrezept für alle Interventionen genügt.

Gleichwohl sind die Ergebnisse niederschmetternd. Alle diese Umstürze zeitigten kurzfristige Erfolge, aber sie waren längerfristig katastrophal sowohl für die Bewohner des Landes - um die sich die Amerikaner ohnehin selten gekümmert haben - als auch für die Interessen und Ansehen der USA selbst. Das verlangt eine Erklärung.

Eine These dazu wäre, dass im Falle der USA Außenpolitik immer nur nach außen projizierte Innenpolitik gewesen sein dürfte. Dies würde erklären, wieso die erzwungenen "Regimewechsel" dieser Weltmacht derart tölpelhaft wirken. Sie zeichnen sich durch eine scheinbar gewollte Ignoranz der Situation vor Ort und des vorhandenen Expertenwissens aus, weil es den Führenden eher um die Selbstbespiegelung ihrer Macht im Innern geht.

Das Desinteresse vieler Amerikaner für den Rest der Welt macht's möglich, und deshalb entsteht die Tendenz, sich zurückziehen zu wollen, sobald die Dinge schiefgehen. Immerhin hält Kinzer fest, dass die USA "einzigartig untauglich sind, fremde Länder zu beherrschen". Für die Opfer ist das kein Trost.

Mitchell Ash in FALTER 41/2007



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