Schöne Künste

Evelyn Grill


Mord als schöne Kunst betrachtet

Museumsdirektor Morwitz wird eines Morgens nackt, gefesselt und vor allem tot in seinem Museum aufgefunden, erstickt in der ranzig-gelben Sitzfläche von Joseph Beuys' "Stuhl mit Fett". Die Suche nach dem Täter verläuft unkompliziert: Ein dringend verdächtiger Körperkünstler, der den Falter-Lesern bekannt vorkommen wird, erhängt sich angesichts der erdrückenden Beweislage prompt in seiner Zelle. Die Frage nach dem whodunit ist damit vorläufig erledigt, wobei sie in Evelyn Grills erstem Krimi ohnehin eher eine Nebenrolle spielt.
  Wichtiger als die kriminologische oder moralische Seite des Mordes im Museum sind in "Schöne Künste" nämlich Fragen der Ästhetik. Morwitz' interimistischer Nachfolger etwa ist froh, dass die Beuys-Installation durch den Gesichtsabdruck des Ermordeten nicht zerstört wurde. Bloß die Aura des Kunstwerks habe sich verändert, man könne sogar mit einer Wertsteigerung rechnen.
Äußere Kultiviertheit und innere Verrohung sind in Evelyn Grills schöner neuer Kunstwelt nicht nur kein Gegensatz, sondern zwei Seiten der gleichen Medaille. Hochgebildete Ästheten überbieten einander in einem regelrechten Jahrmarkt der Scheußlichkeiten an Perversion und seelischer Grausamkeit. So fällt es auch schwer, den ermordeten Museumsdirektor zu bedauern. Das Museum war für ihn bestenfalls ein Mittel der Selbstinszenierung. Inspiration dazu suchte er beim Sex mit Strichjungen im Beuys-Saal, der ihm zur Todesfalle werden sollte.
  Hauptfigur des Romans ist der reiche Industrielle und Kunstsammler Viktor Escher, hinter dessen mondäner Fassade sich ein veritables Monstrum verbirgt. Seit dem nur für ihn nicht ungeklärten Tod seiner Frau Cosima lebt er mit einer Puppe zusammen, die ihr bis ins letzte physiologische Detail nachgebildet wurde. Auch seine Mitmenschen betrachtet er als Spielfiguren, die er notfalls brutal aus dem Weg räumt. Als er Cosimas Zwillingsschwester Margot zum lebenden Ersatz für seine eines Nachts im Liebesrausch zerfetzte Puppe machen will, trifft er auf eine ebenbürtige Gegnerin. Es bleibt in "Schöne Künste" nicht lang bei nur einer Leiche.
  Sichtliches Vergnügen daran, die Puppen tanzen zu lassen, hat auch die Autorin dieses Krimis im Kunstmilieu. Nicht von ungefähr vergleicht ein Alter Ego in einem früheren Roman die Empathie einer Schriftstellerin für ihre Figuren mit derjenigen einer Katze, die eine Maus spielerisch zu Tode quält. Beteiligten wie Zusehern verlangt ein solches Spiel einiges ab: Schaurig-morbide Sexszenen und die abstoßenden Seiten des menschlichen Körpers beschreibt Evelyn Grill in "Schöne Künste" ebenso nüchtern und detailgetreu wie raffinierte Abendgarderoben, ihrem Faible für gleichermaßen ästhetische wie grausame Rituale lässt sie freien Lauf. Ihr jüngster Roman ist eine schwarz schimmernde Perle grotesken Humors, tabulos und stets hart an der Schmerzgrenze.
  Um Monströses geht es auch in Grills Erzählung "Wilma" aus dem Jahr 1994, die der Residenz-Verlag in überarbeiteter Fassung neu herausgibt. Die Bewohner eines Dorfes im Salzkammergut nehmen jedenfalls das geistig behinderte, unförmige Mädchen auf diese Weise wahr. Wilma lebt mit ihrer Pflegemutter Agnes in wechselseitiger Abhängigkeit: Die Behinderte braucht Agnes zur Bewältigung des Alltags, für die vereinsamte Frau ist Wilma die einzige Chance, menschliche Wärme zu bekommen. Durch ein Verbrechen gerät die kleine Welt, in der es sich die beiden den Umständen entsprechend behaglich eingerichtet haben, aus den Fugen. Agnes' verzweifelte Versuche, die verlorene Harmonie zu retten, scheitern nicht nur, sie führen vielmehr direkt in die Katastrophe.
  Das unerbittliche Herannahen des Verhängnisses ist in "Wilma" bereits nach wenigen Zeilen spürbar. Die Erzählerin gibt ausgesprochene und unausgesprochene Drohungen der Dorfbewohner knapp wieder, schildert die Schwierigkeiten des Alltags der beiden Frauen und die Ereignisse, die ihre Gemeinschaft zerstören werden, in kurzen, schnellen, im Präsens gehaltenen Sätzen. Meisterhaft erzeugt Grill auf diese Weise eine unheilschwangere Atmosphäre, wobei es der scharfen Beobachterin und eleganten Stilistin gelingt, Außenseiterschicksale zu erzählen, ohne auf die Tränendrüse zu drücken. Dass der Autorin Sentimentalität fremd ist, zeigen einmal mehr ihre präzisen Beschreibungen, ob es sich nun um den nackten Körper des behinderten Mädchens handelt oder um das Ausheben eines Familiengrabes, in dem sich die erst teilweise verweste Leiche einer wenige Jahre zuvor verstorbenen Frau befindet.
  Thematisch verbunden sind die beiden höchst unterschiedlichen Texte durch den Kruzifixschnitzer und Totengräber Kilian. Als dieser in "Wilma" vor die Alternative gestellt wird, dem leidenden Mädchen zu helfen oder ein einziges Mal in seinem Leben ein echtes Kunstwerk zu schaffen, indem er es abbildet, entscheidet er sich für die Kunst. Die Flucht des vom schlechten Gewissen geplagten Kilian aus Dorf und Buch markiert den Beginn eines Nachdenkens über das Verhältnis von Kunst und Leben, das Evelyn Grills weiteres literarisches Schaffen prägt. Auf einen ersten erzählerischen Höhepunkt brachte die Autorin dieses Nachdenken mit "Vanitas", einer bluttriefenden Satire auf die südwestdeutsche High Society. Ein in die Jahre gekommener Dandy macht sich darin unter anderem am Tod seines Sohnes mitschuldig, indem er den Erstickenden mit einem Kunstwerk vergleicht, anstatt sofort Hilfe zu holen. Auch im nachfolgenden Roman "Der Sammler" (2006) spielt Ästhetik eine wichtige Rolle: Ein Messie betrachtet Müllberge als Kunstwerke und geht schließlich am selbst angehäuften Abfall zugrunde.
  Dass Kunst unter Umständen auch über Leichen geht und dass das Schöne mit dem Wahren und Guten nichts zu tun haben muss, demonstriert Evelyn Grill in ihren Büchern immer wieder so eindrucksvoll wie drastisch. Die zynischen Galeristen, Mäzene und Kunstkenner in ihrem jüngsten Werk wirken wie Wiedergänger des Totengräbers Kilian, der die Kunst der Menschlichkeit vorzieht. Vielleicht erklärt das ja den eisigen Grabeshauch, der die schönen Künste in Evelyn Grills Romanen stets umweht

Georg Renöckl in FALTER 41/2007



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