Wer, wenn nicht wir?

Rosemarie Poiarkov


Mit 30 fängt das Leben an

Rosemarie Poiarkov, 1974 in Baden geboren, erzählt in "Wer, wenn nicht wir?" vom langsamen Sterben der Großmutter von Anna. Diese verabschiedet mit der Großmutter zugleich einen Teil ihrer Kindheit und scheint damit endgültig erwachsen zu werden. Das dreißigste Jahr, Titel eines legendären Bachmann-Erzählbandes, stellt auch für Poiarkovs Ich-Erzählerin einen Wendepunkt im eigenen Lebens dar: "Mit 30 werde ich mich für ein Leben entscheiden – andere hören mit dem Rauchen und dem Trinken auf –, das Experimentieren hat ein Ende. Ich habe keine Angst mehr davor, etwas zu versäumen. Mit 30 werde ich mir nicht mehr vorstellen können, gewisse Fragen gestellt zu haben, aber diesen Umstand nicht bedauern. Zwischen 20 und 30 sammeln wir Annahmen über unser Leben. Mit 30 ergibt sich der Schluss."
  Solche und ähnliche Reflexionen über das Leben finden sich allenthalben in diesem Buch und verleihen ihm einen existenziellen Tiefgang, der die ansonsten beinahe banal wirkende Geschichte – Marlene Streeruwitz lässt grüßen – mit einem philosophischen Überbau versieht. Manchmal kommen diese Reflexionen freilich etwas naseweis daher, das dem fast noch jugendlichen Alter der Erzählerin zugeschrieben werden mag. Jugendlichkeit wird hier jedenfalls zum Programm gemacht und der damit verbundene aggressive und weltverdrossene Gestus nervt, wird aber zum Glück sparsam eingesetzt.
  Daneben wird, wie gesagt, vom Sterben der Großmutter erzählt, aber auch vom Leben der Mutter, die nach der Scheidung vom Vater ihrer Kinder gerade dabei ist, mit einem neuen Mann ein neues Leben zu beginnen. Bemerkenswert ist dabei die Präzision, mit der die Autorin noch so geringe Differenzen im Mutter-Tochter-Verhältnis zu benennen vermag. Und nicht zuletzt ist das Buch natürlich ein Buch über diese Tochter selbst, über ihre Sorgen und Ängste, über Liebe und gegenwärtige Formen des (Zusammen-) Lebens.
  Wenn man dem Buch etwas vorwerfen kann, dann höchstens, dass es mitunter allzu sehr aus dem Leben gegriffen scheint: "Die Frage, ob wir nicht einmal zusammen mit Franz' Sohn und dessen Familie feiern wollten, hatte sich bald erübrigt. Franz' Sohn und dessen Familie fuhren über Weihnachten lieber nach Tirol zu den Eltern der Frau, die in einem Schigebiet lebten. Da Bernd und ich nie eingeladen worden waren, blieb auch meine Mutter zu Hause und Franz mit ihr." Solche Zusammenhänge kennt das richtige Leben zwar zuhauf, einer guterfundenen Erzählung aber wären sie vollkommen gleichgültig.

Nicole Streitler-Kastberger in FALTER 41/2007



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