Tote Saison

O P Zier


Nur Schwarz und Weiß

Alle schreiben jetzt Kriminalromane. Das ist die eine Beobachtung. Die andere ist, dass gesellschaftliches Engagement sich besonders gerne in die Bahnen dieses Genres begibt oder zurückzieht, offensichtlich weil dieses nicht nur mehr Leser verspricht, sondern auch einen entspannten literarischen Umgang mit den gesellschaftlichen Missständen erlaubt. Der Krimi ist zu einer Art Exil der literarischen Sozialkritik geworden.
  O.P. Zier hat also einen politischen Krimi geschrieben. Dafür rekrutiert er noch einmal das Personal seines Romans "Himmelfahrt" aus dem Jahr 1998, allen voran den Ich-Erzähler Werner Burger mitsamt seiner erprobten Wut gegen die politischen Verhältnisse. Burger darf als ein Alter Ego seines Autors gelten, Schriftsteller wie dieser, wie dieser wohnhaft in St. Johann/Pongau und immer wieder befasst mit den Salzburger Verhältnissen, von ihrer "Lederhosenarchitektur" über die Tourismusreligion bis zur Parteienallmacht.
  Der charakter- und prinzipienlose Salzburger Politikerfilz (Salzburg heißt aber mindestens auch Österreich) ist einzig auf den eigenen Machterhalt aus und macht alles kaputt, was ihm widersteht – mittels Intrigen, Mobbing und notfalls Verbrechen. Das ist eine lange, verzweigte Geschichte. Der Erzähler selbst kommt nur mit Glück davon. Skrupulös und schreckhaft, bleibt Burger gleichwohl der Held der Redlichkeit in einer Welt, die nur aus Tätern und Opfern besteht. Politik und ihre Folgen sind der Handlungsmotor des Romans, stellen Tatort und Tatmotiv bereit; auch die Aufdeckung des Verbrechens deckt nur mehr auf, was längst bekannt ist – die demokratisch und kulturell völlig verluderten Verhältnisse.
  O.P. Zier ist ein feiner Formulierer, aber für seine politische Kritik greift er zum Dreschflegel. Seine Politiker sind ein einziger Haufen mental, sozial oder emotional Behinderter, deren Politik erklärtermaßen von der Alkohol- und Juxstimmung des Wirtshauses bestimmt wird. Nun ist Übertreibung gerade in der österreichischen Literatur ein approbiertes Kunstmittel, um die Realität zur Kenntlichkeit zu entstellen; sie ist darin aber wenig effektiv, wenn dies im literarischen Kontext eines psychologischen und sozialen Realismus inszeniert wird.
  Vom Schriftsteller Werner Burger/O.P. Zier erfahren wir en passant manch Poetologisches zu seinem literarischen Umgang mit der Wirklichkeit, darunter auch dies: dass Literatur zwar von Zwischentönen und Differenzierungen lebe, die Realität einen aber lehre, "dass es hin und wieder tatsächlich nur Schwarz und Weiß gibt". Selbst wenn dies zutreffen sollte, glaubt man hier dem literarischen Schwarzweiß nicht. Zier ist zwar ein einfühlsamer und einlässlicher Beobachter, was vor allem der Atmosphäre und der Psychologie zugute kommt. In der Selbstbeobachtung indes scheint sein Erzähler nicht ganz so kompetent: Seine Reaktionen produzieren mitunter Stereotypien; bei jedem Schrecken werden seine Knie verlässlich weich, und Schauer jagen über seinen Rücken.
  Wie es sich für einen Schriftsteller gehört, ist O.P. Zier Verbalerotiker. Das bestätigt auch sein Alter Ego Werner Burger: "Um Nüchternheit der Darstellung bemüht, gestattete ich mir dennoch die eine oder andere kunstvoll gebaute Satzarchitektur zum Ausgleich für die so lange entbehrte Lust des Formulierens." Diese orale Lust beschert dem Roman manchmal eine gewisse durchaus gepflegte und stilsichere Redseligkeit, die der Schärfung der Darstellung nicht dienlich ist. Die Empathie des Erzählers entwickelt die Tendenz, den beschriebenen Personen und Umständen möglichst keine von Worten unversorgte Stelle zu lassen, sie mit der Bravour des Formulierens ganz unter die Sprache zu zwingen. Man kann diese Überwortung regelrecht statistisch erfassen: Die Attribute und Modaladverbien, also die Formen des Deutens und Kommentierens, übersteigen die nötigen Grundauskünfte um ein Vielfaches und nehmen dem Leser dadurch die Möglichkeit und die Lust daran, hin und wieder selber deutend tätig zu werden

Helmut Gollner in FALTER 41/2007



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