Ein schönes Leben. Erzählungen

Martin Becker


Mein Lektor hat immer Recht

Martin Becker lächelt nicht. Er lacht. Quasi volle Kanne. Ursprünglich war er skeptisch. Aber dann haben ihn die Frauen vom Verlag überzeugt: Lachen ist schon okay. Jetzt findet sich also ein Foto mit gut sichtbarer Zahnreihe auf dem Schutzumschlag von Beckers Debüt "Ein schönes Leben".
Keine Frage, zum Lachen gibt es darin einiges, stellenweise ist das Buch sogar saukomisch. Entsprechend waren dann auch die Reaktionen in Klagenfurt, wo Becker heuer im Rahmen des Ingeborg-Bachmann-Wettbewerbs seine Erzählung "Dem Schliff sein Tod" vorlas: immer wieder herzliches Gelächter, in der Beurteilung dann aber gemischte Reaktionen. Man weiß ja: Wenn sich deutsche Literaturkritiker amüsieren, liegt die Selbstverdächtigung, unter dem eigenen Niveau gelacht zu haben, nur allzu nahe.
Becker, Jahrgang 1982, kennt das noch aus Leipzig, wo er vor vier Jahren ans Deutsche Literaturinstitut aufgenommen wurde. Dort schrieb er in relativ kurzer Zeit die Erzählung "Pastorale", die das Mittelstück von "Ein schönes Leben" bildet. Terézia Mora, Bachmann-Preisträgerin von 1999 und Gastdozentin in Leipzig, fand sie gut, die anderen Seminarteilnehmer konnten ihr nicht ganz folgen: "Insgesamt war das Urteil ähnlich wie in Klagenfurt: na ja, netter Slapstick. Hätte ich allerdings nur die Hälfte der Vorschläge angenommen, wär die Geschichte eine Katastrophe geworden."
Dabei ist Becker der Kritik keineswegs unzugänglich. "Ich habe ganz lange geglaubt, dass dieses Buch überhaupt nur aufgrund des Wohlwollens weniger Leute existiert." Seit 2005 hat Becker regelmäßig, im Jahr darauf "sehr intensiv daran gearbeitet". Und auch wenn er nicht jeden Vorschlag, den sein Lektor Martin Mittelmeier gemacht hat, in die Endfassung eingearbeitet hat, gesteht Becker, dass, sieht man von einzelnen Formulierungen oder Namen ab, sein Lektor eigentlich immer Recht gehabt habe. "Abgesehen von den Erfahrungen mit den Gastdozenten Terézia Mora und Werner Fritsch haben mir drei Monate Lektorat mehr gebracht als das ganze Studium in Leipzig."
Vor zwei Jahren ist Becker von Leipzig, wo ihm jetzt nur noch die mündliche Abschlussprüfung fehlt, nach Berlin gezogen. Nach Moabit, um genau zu sein, das er schon allein deswegen schätzt, weil es nicht als besonders angesagt gilt. Hier hat er, so scheint es, schnell Wurzeln geschlagen, wird in seinem nepalesischen Stammlokal mit Handschlag begrüßt. "Es gibt sicher eine Berliner Literaturszene, aber die interessiert mich nicht. Für diese Gruppendynamiken bin ich nicht wirklich geeignet."
Eigentlich ist Becker nämlich nicht so der ganz hart urbane Typ. Weil er eigentlich nämlich aus dem Sauerland kommt. Aus Plettenberg, um genau zu sein, dem Geburtsort des Staatstheoretikers und Philosophen Carl Schmitt. Ganz in der Nähe hatten die islamistischen Möchtegernterroristen unlängst ihre Wasserstoffperoxidfässer gebunkert. In der Erzählung "Technische Heimatkunde", die Becker ursprünglich gar nicht in den Band aufnehmen wollte, aber vom Lektor quasi hineinreklamiert wurde, weil sie so etwas wie das poetologische Programm des Autors enthalte (dieser Lektor hat wirklich immer Recht!), heißt es: "Ich bin der schlecht bezahlte Heimatpfleger, der die Exponate mit der Kneifzange in die Vitrinen hievt, wir haben täglich viele Stunden geöffnet, in denen ich zwischen Schmiedehämmern und Scheißhäusern um 1900 sitze"; und zwei Seiten später: "Ich werde nun also versuchen, Sie für die prägnantesten Ergebnisse meiner von Kindesbeinen an währenden Leidenschaft für das klingende Spiel der Kleinstadt zu erwärmen."
Das ist eine schöne Selbstauskunft. Bezeichnenderweise lobt Terézia Mora ihren Schützling mit dem Hinweis, sie habe schon lange nicht mehr so etwas "Turbulentes, Kluges, Drastisches und dabei Warmherziges" gelesen. Gerade weil "warmherzig" ein etwas altmodischer Begriff ist, der von Rezensenten gern durch die Intellektuellenvokabel "empathiefähig" ersetzt wird, passt er besonders gut. Becker ist – bei allem Hang zum Slapstick und zum schwarzen Humor – ein vollkommen unzynischer Autor, und dass er mit Zuneigung eine Welt der Bummelzüge, Schützenfeste und Nebenerwerbsbauern beschreibt, hat wohl auch biografische Gründe: Beckers Vater, Jahrgang 40 ("er könnte eigentlich auch mein Großvater sein"), war Bergmann und hat später auf Industrieschmied umgesattelt. "Bei den 68ern ist es klar, aber ich hatte eben keinen Grund, meinen Vater für irgendwas zu hassen", meint Becker, in dessen Erzählungen immer wieder ältere Menschen vorkommen, die am Ende eines arbeits- und entbehrungsreichen Lebens körperlich und geistig verfallen: "Nachdem die Mutter am Gehirn krank wurde, dauerte es nicht lange, bis der Vater am Gehirn krank wurde, nur anders. Er lebte weiter auf dem Hof, ganz allein, und fing an, leise vor sich hin zu reden", heißt es etwa in "Pastorale". Als der Sohn später die Mutter im Pflegeheim besucht (auch Beckers Mutter erlitt einen Schlaganfall), scheint sie ihn zu erkennen und wird im Rollstuhl stundenlang durch die Stadt gefahren: "Das Gemeine ist, dass die Mutter weder den Mann erkannte noch ein Wort verstand. Das Glück war, dass der Mann es nicht bemerkte." Darin liegt denn auch die Warmherzigkeit dieser über ihre Figuren und einige Leitmotive miteinander verzahnten Geschichten: Man merkt, dass der Autor seinen Figuren ein besseres Leben gönnen würde, dass ihm aber sowohl der Weg in den humanistelnden Kitsch als auch der in die apokalyptisch apart ausstaffierte Dystopie verwehrt ist.
  Ein Twentysomething, der gegenüber den Coolnessangeboten der eigenen Generation ebenso resistent ist wie gegenüber der Gemütlichkeit der Konvention, ist selten. Ohne selbstgefällige postmoderne Attitüde setzt sich Becker zwischen die Stühle. Seine literarischen Hausgötter und bevorzugten Humoristen sind Kafka und Beckett, denen er in "Ein schönes Leben" gleich mehrfach die Reverenz erweist: Ein Zitat aus "Murphy" ist dem Buch als Motto vorangestellt, und gleich in der einleitenden Titelgeschichte trägt eine Figur den Namen Odradek – wie jenes seltsame Dingwesen aus Kafkas "Sorge des Hausvaters". "Die junge Literatur tut heute oft so, als hätte es die literarische Moderne nie gegeben", meint Becker, um später zu gestehen, dass er sich irgendwie doch auch dem "traditionellen Erzählen" verpflichtet fühle; nicht im Sinne einer strengen Konvention, sondern "so wie es halt auch eine gegenständliche Malerei gibt". Becker schwärmt – wie für so vieles und viele auch für Neo Rauch, den Superstar und Aushängeschild der sogenannten Leipziger Schule. "Ich habe keine Ahnung von bildender Kunst", gibt er sich bescheiden, "aber deswegen kann ich auch befreit daran herangehen." An Rauchs Bildern fasziniert ihn deren "Somnambulismus".
Schlafwandlerisch und traumverloren taumeln auch Beckers Figuren durch die mitunter ziemlich düsteren und verkommenen Welten seiner Erzählungen: In "Lieben" kommt ein junger Mann nach längerer Abwesenheit nur deswegen zurück, weil die Wohnung des Onkels, in der er wohnt, nach einem Einbruch polizeilich versiegelt wurde. Der Supermarkt ist geschlossen, die Streikenden sind bewaffnet, Müll liegt im Park. Die Weltreise, die der Protagonist eigentlich unternehmen wollte, hat ihn grade mal bis Bad Schandau gebracht. Ein halbes Dutzend Erzählungen später begegnet uns das Paar in "Liben" wieder. Die zweite und die vorletzte Geschichte bilden so etwas wie die Klammer des ganzen Buches, wie Becker erläutert: "Der geht zum Bahnhof und kommt dann in Prag wieder am Bahnhof an. Und dazwischen ist eigentlich ein ganzes Buch vergangen."
Zu Prag hat Becker eine besondere Beziehung, spielt sogar mit dem Gedanken, dorthin zu ziehen. Mit dem um zehn Jahre älteren Prager Schriftsteller Jaroslav Rudis ist Becker befreundet, gemeinsam arbeiten sie zurzeit an einem Hörspiel für den WDR mit dem Arbeitstitel "Lost in Praha", in dem auch der vor zehn Jahren verstorbene Schriftsteller Bohumil Hrabal einen prominenten Auftritt hat.
Anschluss würde Martin Becker in Prag sicher finden. Aber vielleicht bleibt er den Rest seines Lebens ja auch in Moabit. Ortswechsel werden ohnedies überschätzt. In Liben, einem Stadtteil von Prag, geht es mit dem jungen Paar so weiter wie davor: "Da waren wir also. Mila und ich. Manche Dinge ändern sich nie."

Klaus Nüchtern in FALTER 41/2007



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