Das Haus

Mark Z Danielewski


Für immer Angst

Mark Z. Danielewski hat mit "Das Haus" das erste Kultbuch des neuen Jahrtausends geschrieben. Mit dem "Falter" sprach der 41-jährige US-Autor über Furcht und Schrecken, Filme und Fußnoten, über das Lesen als Trip und die Fangemeinde seines Wälzers.

Vor sieben Jahren erschien "House of Leaves" in den USA. Das Debüt von Mark Z. Danielewski, Jahrgang 1966, handelt von einem Haus, in dem plötzlich Räume auftauchen, die kein Plan verzeichnet, und das innen etwas größer ist als außen. Das zwischen Horror und Hochkultur angesiedelte und ebenfalls kaum zu vermessende Buch wird in der Zwischenzeit verehrt und analysiert wie die Romane von Thomas Pynchon oder die Filme von David Lynch. Jetzt liegt das 1,5 Kilogramm schwere Werk "Das Haus" endlich auch in einer gelungenen deutschen Fassung vor (siehe auch die Rezension in der Falter-Buchbeilage). Dies ist der "erste große Roman des einundzwanzigsten Jahrhunderts", jubelte unlängst die FAZ. Wir setzen noch einen drauf und sagen: Dies ist das erste veritable Kultbuch des gerade angebrochenen Jahrtausends. Am besten, Sie schauen sich einfach einmal darin um - wir haben eine Führung durch den Bauherren persönlich arrangiert. Und: Keine Angst!

Falter: Sie sind als Sohn des Regisseurs Tad Danielewski in Hollywood aufgewachsen, umgeben von Filmen. Wie hat sich das auf Ihr Schreiben ausgewirkt?

Mark Z. Danielewski: Sehr stark. Mein Vater war ein richtiger Patriarch. Er hat meiner Schwester und mir täglich regelrechte Vorlesungen über Literatur und übers Theater gehalten, ob nun über Shakepeare oder Tom Stoppard. Vor allem aber haben wir Filme gesehen und sie Bild für Bild auseinandergenommen. Wir mussten unserem Vater detailliert auseinandersetzen, was eine bestimmte Kameraeinstellung für die Dramaturgie einer Szene leistet oder welche psychologischen Komponenten Licht transportieren kann.

Wie hat die Filmsprache "Das Haus" beeinflusst?

Ich habe - übrigens auch in meinem neuen Roman "Only Revolutions" - versucht, kinematografische Techniken in den Text einzubauen; mit dem Ziel, eine intensivere Wirkung auf den Leser auszüben. Ein einfaches Beispiel ist Kapitel 9, "Das Labyrinth". Es frustriert den Leser, weil er sich darin verliert. Ständig muss er vor- und zurückblättern, das Buch drehen und auf den Kopf stellen. Er hat Angst davor, etwas Wesentliches zu versäumen. Das nächste Kapitel muss deshalb eine Art Rettung darstellen. Darin finden sich auf jeder Seite nur ein paar Sätze, manchmal auch nur ein paar Wörter. Das Lesetempo steigert sich, man wird mitgerissen. Mir geht es darum, den Text vom Statischen wegzubringen. Wenn Lesen eine möglichst viele Sinne ansprechende Erfahrung wird, dann ist das Buch nicht zu schlagen.

Sie haben von vornherein erklärt, es würde keine Verfilmung von "Das Haus" geben. Wieso eigentlich nicht?

Das Buch ist ja schon der Film. Außerdem wäre es unmöglich umzusetzen. Ich bekomme trotzdem über 300 Angebote pro Jahr für die Rechte, aber ich werde immer ablehnen. Wahrscheinlich hat das damit zu tun, dass ich an meinem Vater beobachten konnte, wie Hollywood deine Kreativität fesselt. Hollywood ist ein Ort der Kompromisse. Manchmal sind die Ergebnisse wunderbar, manchmal, nein, oft sind sie sehr langweilig. Es gibt einen großartigen Satz, der unter Drehbuchautoren hier zirkuliert: Du musst dich entscheiden, ob du ein Genie sein oder arbeiten willst.

Deshalb zog es Sie zur Literatur anstatt zum Film?

Ich gebe zu, ich habe früher auch Drehbücher geschrieben. Aber Drehbücher befinden sich in einem seltsamen Zwischenreich, sie sind wie Geister. Meine Bücher sind echt. Ich habe meinen Vater nie ein Projekt beenden sehen. Zum Glück ist man als Autor ganz allein dafür verantwortlich, ob ein Buch fertig wird oder nicht.

Im Mittelpunkt Ihres Buches steht ein Haus, in und mit dem höchst merkwürdige Dinge geschehen. War dieses Haus der Ausgangspunkt?

Nein, das überrascht die Leute oft, doch das Haus ist erst spät dazugekommen. Das Buch hat sehr fragmentarisch begonnen. Ich war gerade erst aus dem College raus, ungefähr 23, 24, und habe mit einer Familiengeschichte begonnen, nach der Manier von Cheever oder Updike. Es war auch ein bisschen etwas vom postmodernen Slacker drinnen, von der Beatgeneration, Pynchon oder auch Bukowski. Alles, was man gut findet in dem Alter.

Das folgte also noch relativ konventionellen Mustern?

Ja, und es war nur Stückwerk. Parallel zu der Familiengeschichte habe ich auch Essays geschrieben, die mir helfen sollten, meine Themen formal so rüberzubringen, dass die Inhalte dadurch unterstrichen werden. Ich habe mir überlegt, wie sich unterschiedliche Schriftarten auswirken. Oder irgendwelche philosophischen Betrachtungen angestellt. Habe Gedichte geschrieben. Man könnte sagen, ich war noch auf der Suche.

Wann kam das Haus ins Spiel?

Nach drei oder vier Jahren und kurz nachdem mein Vater gestorben war. Ich hatte plötzlich die Idee von einem Haus, das im Inneren einen Viertel Inch größer ist als außen. Zuerst dachte ich, das würde eine Fußnote werden. Aber ich brachte die Idee nicht mehr aus meinem Kopf. Das war keine Fußnote, keine Kurzgeschichte und auch kein Drehbuch, sondern mein Konzept, das all die disparaten Teile - die Familiengeschichte, die Essays, die typografischen Elemente - zusammenhalten würde.

Wie lang haben Sie an dem Buch insgesamt gearbeitet?

Zehn Jahre. Ich habe 1990 begonnen, 2000 ist das Buch in den USA erschienen.

Hatten Sie, analog zu Ihren Figuren, auch das Gefühl, sich mitunter in dem Haus zu verlieren?

Eigentlich nicht. In den USA neigen die Leute dazu, mich mit Johnny Truant, dem verlorenen Helden des Buches, zu identifizieren. Ich habe mich bei der Arbeit aber nie am Rande des Wahnsinns gefühlt. Das Schreiben hat mir sogar eine große Klarheit gebracht. Klar, es hat immer wieder Schwierigkeiten gegeben, Selbstzweifel, Depressionen, aber am Schluss hat die Freude am Schreiben überwogen. Inzwischen fressen oft andere Dinge meine Zeit auf. Es ist schön, Lesereisen zu machen, aber es hält mich auch vom Schönsten ab, vom Schreiben, und von den Figuren, die dort leben, wo ich schreibe.

Was mögen Sie am Schreiben, was weniger?

Ich mag fast alles daran. Den ersten Moment, die ersten Worte. Ich mag auch das Umschreiben der ersten Worte. (Lacht.) Ich mag das Unerwartete, das sich einstellt. Das Schwierigste am Schreiben ist die Zeit, in der ich nicht schreibe. Die Zeit nach dem Schreiben. Es gibt beim Schreiben keine körperlichen Anzeichen von Erschöpfung, aber sie ist dennoch real vorhanden. Die Hochstimmung hält leider nicht an, man kann nun mal nicht an einem Tag ein Buch schreiben.

"Das Haus" weist einige Parallelen zu den ungefähr zur selben Zeit entstandenen neuen Horrorfilmen wie "The Blair Witch Project" auf. Stichwort: "Intelligent Horror". Wie stehen Sie zu diesem Etikett?

Ich habe damit kein Problem. Horror ist gut, intelligent ist auch gut. Das Buch verdankt allein dem "Haunted House"-Genre sehr viel. Es hat ein bisschen was von "The Shining" und von Poes "House of Usher". Wie der Horrorfilm dreht sich mein ganzes Schreiben im Prinzip um ein Thema.

Es geht um Angst.

Richtig, ich will dahinterkommen, wie Angst unser Leben bestimmt. Die Angst vor dem anderen, die Angst vor Zwängen, die unser Leben dominieren. Es ist wichtig, sich damit auseinanderzusetzen, denn die Angst ist immer da. Und sie bewirkt so vieles. Der Krieg gegen den Irak zum Beispiel, er ist aus Angst losgetreten worden.

Sie setzen in "Das Haus" auch auseinander, wie Angst und Aggression miteinander zusammenhängen.

Aggression ist immer die Folge von Angst. Punkt. Ein ganz banales, alltägliches Beispiel ist der Autoverkehr. Warum sind Autofahrer so wütend? Weil sie Angst haben. Gibt es einen Grund für diese Angst? Und ob. Man brettert mit 130 Sachen über die Autobahn. Da kann alles Mögliche passieren. Zorn und Aggressionen sind eine Reaktion darauf.

Was Sie in Ihrem Buch nicht bieten, sind rational nachvollziehbare Erklärungen für die Ängste der Figuren und für die merkwürdige Beschaffenheit des Hauses. Warum nicht?

Weil ich will, dass jeder das Buch auf seine Weise liest. Es geht um die Vorstellungswelt der Leser. Wenn mir auf Lesereisen Leute von ihrer Lektüre erzählen, erzählen sie mir mehr über sich selbst und ihre Ängste. Ich glaube, durch das Haus sehen wir ein flüchtiges Bild davon, wer wir sind. Manchmal treffe ich auch Leute, denen das Buch keine Angst einjagt. Diese Gruppe kommt mit ihren inneren Dämonen vermutlich ganz gut zurecht.

Ich rufe aus Wien an, schon von daher ist die Frage nach der Bedeutung von Freud und der Psychoanalyse für Ihr Buch Pflicht.

(Lacht.) Gut, dass Sie den alten Sigmund ansprechen.

Neben all den rätselhaften, düsteren Ereignissen gibt es in "Das Haus" auch einige zentrale Passagen über die Kindheit der Figuren und - ohne zu viel zu verraten - bestimmte einschneidende Ereignisse darin.

Ich habe in einigen Fußnoten auf einer abstrakten Ebene viel über die Dekonstruktivisten und die Poststrukturalisten nachgedacht, über eine Neueinschätzung ihrer Arbeit: Derrida, Deleuze und so weiter. Auf der anderen Seite geschehen in dem Buch, wie Sie sagen, auch Dinge, die psychologisch gesehen klar als massive, traumatische Ereignisse erkennbar sind. Das Verhältnis von Johnny zu seinen Eltern, und wie es ihn geprägt hat, steht für mich im Zentrum des Buches, auch wenn es sich formal mehr am Rand befindet. Da spielt Freud immer wieder mit rein, aber natürlich auch Jung oder Lacan. In "Only Revolutions" wird das übrigens fortgesetzt, allerdings umgekehrt: Dort haben wir zwei Kids, die sechs Monate lang unterwegs sind. Nie tauchen dabei Eltern auf, nicht einmal die Worte "Mutter" oder "Vater" fallen.

Sie gelten in den USA seit der Publikation von "Das Haus" als Kultautor. Wie breit sind die Kreise, die das Buch gezogen hat, denn mittlerweile geworden?

Es gibt Leute, die Textausschnitte auf ihren Körper tätowiert haben. Andere schreiben Dissertationen darüber. Eltern und Kinder lesen das Buch gemeinsam. Das größte Kompliment für mich ist, dass das Buch Kids dazu bringt, mehr zu lesen. Wenn mir ein 14-Jähriger sagt, er habe "Das Haus" in drei Tagen gelesen, dann ist das toll. Und wenn es den Eltern genauso geht - umso besser. Die Menschen sollen sehen, wie aufregend Bücher sein können. Das ist letztlich das, was ich mit meinen Büchern erreichen will: eine Erfahrung kreieren, die man nirgendwo anders bekommen kann. Ich will etwas schreiben, das nur in Buchform existieren kann.

Sebastian Fasthuber in FALTER 44/2007



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