Eins zu Tausend. Die Geschichte der Wahrscheinlichkeitsrechnung

Ellen Kaplan, Michael Kaplan, Carl Freytag


Buddhisten eröffnen ein Spielcasino

Anekdoten und Beispiele galore, aber bloß keine Formeln! Ein kritischer Blick auf die Mathematikpopularisierung.

Wo man mit dem Prinzip von Ursache und Wirkung nicht mehr weiterkommt, beginnt das Reich der Wahrscheinlichkeiten und Prognosen. Diesem wollen Ellen und Michael Kaplan in "Eins zu Tausend" mit einer Fülle von Anekdoten, anschaulichen Beispielen sowie Wortspenden von Goethe bis Dostojewski beikommen. Doch gleich vorweg: Wer vor dem Lesen keine Ahnung von Wahrscheinlichkeitsrechnung hatte, wird sie nachher auch nicht haben. Der Akzent liegt klar auf der Geschichte, die nicht einmal immer mit Mathematik zu tun hat.

Der Vorstellung der Protagonisten von Cardano über Laplace bis Kolmogorow - deren Bild unterschiedlich schmeichelhaft gezeichnet wird ("Cardano hatte etwas Zwanghaftes") - folgen Abrisse wichtiger und möglicher Anwendungsbereiche der Wahrscheinlichkeitsrechnung vom Glücksspiel über medizinische Statistik und Versicherungsmathematik bis zur Wettervorhersage. Das Buch ist voller witziger Kleinode ("nehmen wir an, ein paar Buddhisten eröffnen ein Spielcasino") und hebt die Mathematik nicht ständig - wie sonst unter Popularisierern üblich - in den siebten Himmel. Doch zu viel wird angeschnitten, zu wenig ausgeführt. Die Masse an Information erschlägt, ebenso wie der Hang zu philosophischen bis moralisierenden Stellungnahmen, die US-typisch bei Anwendungen der Mathematik im Krieg verstummen. Hier hätte gespart und mehr Ehrgeiz in den Umgang mit Formeln gelegt werden können, der eine Verständnis fördernde Erklärung allzu oft vermissen lässt.

Dass intensive Beschäftigung mit der Mathematik den Philosophen im Menschen zu wecken scheint, zeigt auch Rudolf Taschner in "Zahl, Zeit, Zufall. Alles Erfindung?". Sein Blick auf den Zufall bleibt mathematisch-realistisch. Zeit nimmt der Mensch deshalb wahr, weil er zählen kann. Bei der Zahl hört sich die Möglichkeit einer objektiven Erfassung jedoch auf. Zahlen existieren, weil sie für uns offenkundig sind. Warum das so ist, erklärt der Wiener Mathematiker mit unserer Wahrnehmung der Welt.

Das klingt nach harter Kost, ist es aber nicht. Taschners Buch ist leicht zu lesen, nicht zuletzt weil er wie die Kaplans die gängigen Werkzeuge der Mathematikpopularisierung einsetzt: Rechenkünstler an der Grenze zum Wahnsinn, mathematische Fallen, in die sogar studierte Mathematiker tappen, oder Ergebnisse aus der Wahrscheinlichkeitsrechnung, die dem Hausverstand zu widersprechen scheinen.

Anekdoten und anschauliche Beispiele erfreuen das Leserherz. Doch dürften sie langsam ausgeschöpft sein: Beim Blick in Bücher zur Mathematikpopularisierung stellen sich zunehmend Déjà-vus ein. Es braucht neue Geschichten - wie Taschners persönliche Begegnung mit dem ungarischen Jahrhundertmathematiker Paul Erdös (von ihm stammt die Aussage: "Ein Mathematiker ist eine Maschine, die Kaffee in Theoreme verwandelt"). Sonst läuft sich die Mathematikpopularisierung tot. Und hier sind wir nicht mehr im Reich der Wahrscheinlichkeiten sondern in der guten alten Welt von Ursache und Wirkung.

Martina Gröschl in FALTER 41/2007



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