Die Deutschen und der Holocaust. Was niemand wissen wollte, aber jeder wissen konnte

Bernward Dörner


Offenes Geheimnis.

Hat die Bevölkerung nichts vom Holocaust gewusst? Und wie beschreibt man ihn? Zwei Fragen, zwei Neuerscheinungen.

Sie haben es gewusst. In akribischer Kleinarbeit hat Bernward Dörner den Wissensstand der deutschen - und implizit auch der österreichischen - Bevölkerung in den Dreißiger- und Vierzigerjahren über die Ermordung der europäischen Juden ermittelt. Entstanden ist ein fast 900-seitiger Wälzer, der belegt, "dass der Judenmord in Deutschland kein Geheimnis war", so Dörners Fazit.

Zwar räumt er ein, dass es den "Protagonisten des Genozids" zunächst gelungen sei, diesen eine Zeit lang geheim zu halten. Aber spätestens im Dezember 1942 hätten sich die Hinweise auf den Judenmord verdichtet, sodass sein Ausmaß ab diesem Zeitpunkt nach und nach bewusst und gewiss geworden sei. Briefe von Wehrmachts- und Polizeiangehörigen, von NS-Größen ausgesprochene Todesdrohungen gegen die Juden, Informationen aus verbotenen und inoffiziellen Quellen wie britischen oder sowjetischen Radiosendern, alliierten Flugblättern oder Schweizer Zeitungen enthielten Hinweise auf den Genozid, die durch Weitersagen des Gehörten und Gelesenen beträchtliche Verbreitung fanden.

Die stereotype Haltung in Deutschland und Österreich nach 1945, man habe nichts mitgekriegt, wurde durch ungewöhnlich viele Freisprüche belasteter Personen durch die deutsche Nachkriegsjustiz sanktioniert und meißelte sich so ins kollektive Gedächtnis ein. Arbeiten wie diejenige Dörners dürften diese Unwissenheitsbeteuerungen endlich ins Reich der Selbstreinwaschung verweisen.

Während sich Dörner auf die Wiedergabe seines weitgestreuten Quellenmaterials beschränkt, laboriert Saul Friedländer an einer theoretischen Einordnung solcher Zeugnisse. Dabei kommt er einer verheerenden Dichotomie in der Antisemitismusforschung auf die Spur: Alle Studien zu den verschiedenen Formen des Antisemitismus gingen von der grundsätzlichen Unterscheidung der Juden als Angehörige einer fundamental anderen Wesenskategorie aus, so der in Los Angeles lehrende Historiker. Als Ausweg aus dieser Sackgasse schwebt ihm eine "integrierte Geschichte" vor: Zwei Geschichten, also die der Deutschen und der deutschen Juden, sollten zu einem Gesamtbild zusammengefügt, die jüdische Dimension in eine Erzählung der deutschen Geschichte einbezogen werden.

Friedländer, selbst Überlebender des Holocaust, pocht auch in diesem vornehmlich methodischen und forschungsparadigmatischen Problemen gewidmeten Bändchen folgerichtig auf eine Historiografie, die auch die Erfahrungen der Opfer in ihren Horizont rückt.

Fritz Trümpi in FALTER 41/2007



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