Roppongi. Requiem für einen Vater

Josef Winkler


Gestorben wird immer

Weltliteratur schreiben bedeutet auch Landnahme; bedeutet, einen Flecken Erde abzustecken und für sich zu reklamieren. Schon möglich, dass Josef Winkler dort nicht einmal begraben sein möchte (andererseits: Was weiß man?), aber das Bauerndorf Kamering, an dem er sich seit seinen frühen, Ende der Siebziger-, Anfang der Achtzigerjahre erschienenen Romanen über "Das wilde Kärnten" – "Menschenkind", "Der Ackermann aus Kärnten", "Muttersprache" – abgearbeitet hat, ist jetzt seins. Und so, als ob er befürchten würde, dies könnte in Vergessenheit geraten, strapaziert er in "Roppongi" immer wieder das altbekannte und eindringliche Bild vom "kreuzförmig gebauten Dorf Kamering".
  Josef Winkler oder jedenfalls der Erzähler gleichen Namens, der sich ganz dicht an dem entlangschreibt, was wir von der Biografie des Autors zu wissen glauben, wird es nicht los, dieses Kärntner Kaff, die Scholle klebt ihm sozusagen an den Schuhen, selbst wenn er nach Indien reist, wie zuvor schon in "Domra" (1996).
  Gestorben wird da wie dort, am Ganges (oder an der Ganga, wie Winkler auch schreibt, weil der Fluss, dem die Hindus ihre Toten überantworten, mythologisch zwingend weiblich sei) und an der Drau. "Ich bin immer der erste Tote", schreibt Winkler an einer Stelle etwas rätselhaft, an der er davon erzählt, wie er einmal dem Stromtod entgangen ist, der ihn sicher ereilt hätte, wenn er zuhause gewesen wäre und nach den brüllenden Kühen gesehen hätte und sein Vater nicht ohnedies, bevor all das passiert wäre, erkannt hätte, dass der ganze Stall unter Strom stand.
  Winkler scheint jedenfalls der Erste zu sein, der vor Ort ist, wenn andere sterben, und so beginnt das Buch folgerichtig mit den Geiern. Aber sogar die sterben, ja sterben fast schon aus: "Innerhalb von zehn Jahren sind in Indien, Pakistan und Nepal Millionen von Indischen Geiern, Bengalengeiern und Schmalschnabelgeiern gestorben" – und zwar an Nierenversagen infolge einer Verseuchung mit dem Medikamente Diclofenac, das über Rinderkadaver in die Körper der Geier gelangt, die nun – stark dezimiert – ihrer Aufgabe der Aasentsorgung nicht mehr nachgehen können, die nun von den Hunden übernommen wurde, weswegen die Tollwutgefahr in Indien stark gestiegen ist.
  Solche Zusammenhänge werden von Winkler in nachgerade positivistischer Akribie ausgebreitet. Auf alle Auslegung oder metaphorische Aufladung wird verzichtet. Das wäre zuviel, aber auch so schimmert das Thema des Buches durch die Beschreibung durch: Es kommt darauf an, wie man seine Toten entsorgt. Macht man es falsch, bestehtSeuchengefahr.
  Die Parallelführung der beiden Todeskontinente Indien und Kärnten wird dann ohnedies mit einigem Aufwand betrieben, und Winkler inszeniert an den Ufern der Drau Szenen von derart finster funkelnder, caspardavidfriedrichkalter Pracht, dass es einem fast den Atem verschlägt: Als ein Sarg aus der Leichenhalle gestohlen und in die Drau geworfen wird (in Kärnten kommen solche Dinge vor), bleibt dieser stecken und vereist, sodass er am Heiligen Abend geborgen und in einer Fabrikshalle mit einem Heißluftgebläse aufgetaut, der ebenfalls tiefgefrorene Leichnam neu eingekleidet werden muss, während das vom Sarg gebrochene Kruzifix, ebenfalls eingeeist, "senkrecht im Eis stehend" geborgen wird: "Der Gekreuzigte hatte sich aufgebäumt gegen seinen Erstickungstod, stock und steif und stolz ragte er mit hocherhobenem, dornengekröntem Haupt zwischen den hellbraunen, dürr gewordenen Schilfstangen mit den dunkelbraunen Kolben aus dem vereisten, mit weißen Luftblasen gescheckten Wasserspiegel."
  Aber nicht die ganz große, beschreibungswütige Todesoper, nicht die Reisereportagen mit ihren ethnologischen Exkursen und nicht einmal die in ihrer Drastik und bernhardschen Übertreibungslust zum Teil hochkomische Abrechnung mit der eigenen Verwandtschaft (mit Josef Winkler möchte man echt nicht verschwägert sein) machen den Höhepunkt dieses großen kleinen Buches aus, sondern das im Untertitel ausgewiesene "Requiem für einen Vater".
  Fast hundertjährig macht sich der alte Patriarch, gegen den der Winkler-Sepp ein Leben lang angeschrieben und aufbegehrt hat, vom Acker, und der Sohn, dem der Vater sogar die Anwesenheit am Grab untersagt hat ("Wenn ich einmal nicht mehr bin, dann möchte ich nicht, dass du zu meinem Begräbnis kommst!") und der dann, als es soweit ist, tatsächlich im fernen Japan, im Tokioter Stadtteil Roppongi, im Hotel sitzt und nicht heimreist, findet dafür ganz leise, zärtliche, ja nachgerade versöhnliche Töne, ohne je ins Sentimentale abzugleiten. Auf einmal wird dieser sture Hund und sein Leben lang schwer arbeitende Bauer in der Erinnerung seines Sohnes zu einer selbst unter dem Joch des Patriarchats ächzenden Kreatur, die es nicht besser wissen konnte und dem Sohn wohl nicht nur Böses gewollt hat: "Mach's gut Vater ... o.k. ... ich wünsche dir eine gute Reise ... o.k.!

Klaus Nüchtern in FALTER 41/2007



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