Intuition. Die Weisheit der Gefühle

Gerald Traufetter


Wer denken will, muss fühlen.

Kopf oder Bauch? Wer soll entscheiden? Die Hirn- und Verhaltensforschung ist sich einig: der Bauch.

Die Geschichte des Abendlandes ist eine Geschichte des Verstandes. Wir sind alle sokratische, skeptische Menschen geworden, und Gott ist lange tot. Alles andere ist Esoterik. Bloß nicht von Gefühlen leiten lassen!

Jetzt sind Forscher darauf gekommen, dass es ganz anders sein könnte. Sie propagieren die "emotionale Wende": Wenn wir Teile unseres Verstandes ausschalten, wecken wir in uns das Genie. Gefühle sind keine Denkfehler, sondern eine andere, bessere Art zu reflektieren. Sie verändern den "Spielmodus" des Gehirns und kitzeln unsere Kreativität. Wenn es um Leben und Tod geht, retten uns unsere Instinkte.

Zu viel Nachdenken trübt unser Urteil. Steht eine Entscheidung an, kann unser Verstand nicht mehr als fünf Argumente abwägen. Meist kommt er nach langem Überlegen zu jenem Ergebnis, das unser "Bauch" von Anfang kannte. Besser werden unsere Entscheidungen, wenn wir dem Unterbewussten länger Zeit zum Denken lassen. Denn es ist viel leistungsfähiger als unsere magere Ratio: Das Unterbewusste ist ein intelligenter, denkender Schwamm. Hier wird eine Unzahl von Argumenten gegeneinander ausgespielt, werden unaufhörlich Informationen gesammelt und zu Intuitionen komprimiert. Wir kriegen davon nichts mit. Nur das Ergebnis. Also erhält der Rat, erst mal drüber schlafen, auch den Segen der Wissenschaft.

Das heißt aber nicht, dass wir das Denken einstellen sollen. Der Verstand dient dazu, sich zum Experten zu machen, Argumente zu sammeln. Die Entscheidung selbst sollte man jedoch langsam aus dem Bauch aufsteigen lassen.

Das Unterbewusste steuert uns, ohne dass wir es merken. Wir glauben nur zu sein, was wir sind. Wir denken nur, dass wir denken. Man legte Versuchspersonen Nylonstrümpfe vor und forderte sie auf, die besten auszuwählen. In solchen Situationen greifen wir gerne nach rechts. Warum? Vielleicht weil wir gewohnt sind, unsere Umwelt von links nach rechts zu scannen. Und weil wir uns nicht für das erstbeste Produkt entscheiden wollen, wählen wir eines weiter rechts. Das kam auch diesmal heraus. Die Wissenschaftler fragten die Testpersonen, warum sie sich so entschieden hatten. Diese führten gute Argumente an: Die Strümpfe hätten sich besser angefühlt, seien elastischer und so weiter. In Wirklichkeit waren alle gleich.

Man kann sich dem Thema Intuition und wie unser Gehirn funktioniert auf unterschiedliche Weise nähern: wissenschaftlich-nüchtern wie der Leiter des Bremer Instituts für Hirnforschung, Gerhard Roth. Praxisorientiert wie der Wissenschaftsredakteur des Spiegel, Gerald Traufetter. Oder philosophisch-kulturgeschichtlich und eloquent wie der Tagesspiegel-Redakteur Bas Kast.

Thomas Askan Vierich in FALTER 41/2007



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