Kranke Geschäfte. Wie die Pharmaindustrie uns manipuliert

Markus Grill


Das Heil im Profit suchen.

Warum heilen, wenn es eine Dauerbehandlung gibt? Michael Grill und Jacky Law zeigen, wie die Pharmaindustrie trotz weniger Innovationen gute Geschäfte macht.

Vieles im Medizinbetrieb wird von Pharmafirmen am Leben erhalten. Dank ihrer Anzeigen werden Ärzte mit Fachzeitschriften zugeschüttet. Nur wenige Redaktionen können es sich leisten, Aufsätze zu veröffentlichen, die ihren Anzeigenkunden wehtun könnten. Die Weiterbildung der Ärzte ist überwiegend in der Hand der Pillenhersteller. Dass medikamentöse Behandlungen dadurch in den Vordergrund rücken, kann man sich denken. Die Industrie finanziert zunehmend Wartezimmerzeitschriften und Selbsthilfegruppen: Warum mühsam bei Ärzten werben, wenn man im Kreis der Patienten Meinung machen und Meinungsführer aufbauen kann?

Seit den Achtzigerjahren ist die Pharmaindustrie die profitabelste legale Wirtschaftsbranche. Im Jahr 2002 erzielten die zehn größten Pharmafirmen der USA mehr Gewinn als alle übrigen 490 "Fortune 500"-Unternehmen zusammen. Obwohl Manager und Wirtschaftspresse seit Jahren die Krise beschwören, liegen die Umsatzrenditen immer noch bei 25 Prozent.

Es ist aber nicht der wirtschaftliche Erfolg an sich, der die Kritiker auf den Plan ruft. Die Pharmaindustrie erzielt ihre Traumgewinne, obwohl sie ihr Versprechen, bessere Medikamente gegen die Geißeln der Menschheit zu entwickeln, kaum einlöst. Drei Viertel der Neuzulassungen werden von Experten als Me-too-Präparate eingestuft. Das sind Medikamente, die nichts besser können als bereits auf dem Markt vorhandene. Nur kommen die Scheininnovationen oft mit heftigen Preisaufschlägen daher.

An und für sich haben die Pharmafirmen nur wenige Jahre, um mit ihren Entwicklungen Geld zu verdienen. Ein Wirkstoff muss patentiert sein, bevor die klinischen Tests beginnen können. Bis zur Zulassung vergeht aber oft ein Jahrzehnt. So bleiben nur zehn Jahre, bis der Patentschutz ausläuft und das Medikament nachgebaut werden darf. Viel von ihrer kreativen Energie stecken die Firmen in Tricks, um den Patentschutz ihrer erfolgreichen Wirkstoffe auszuweiten: Moleküle werden leicht geändert, Präparate kombiniert oder der Wirkstoff auf andere Weise abgegeben.

Wirkliche Innovationen sind rar. Es gibt einige in der Krebsbehandlung. Weil keine andere Krankheit so viel Angst auslöst, verlangen die Hersteller astronomische Preise, obwohl gerade hier reichlich öffentlich finanzierte Forschung unternommen wird. Die Pharmafirmen zeigen aber auch in anderen Bereichen keine Scham mehr bei ihrer Preisgestaltung. Es gibt nur deshalb keinen Aufschrei der Empörung, weil nicht die einzelnen Patienten dafür aufkommen, sondern die Kassen oder Steuerzahler.

Mindestens doppelt so viel wie in Forschung stecken Pharmafirmen ins Marketing. Selbst ein substanzieller Teil der Forschungsausgaben dient nichts anderem als der Absatzförderung. Damit die teuren Neuerungen verschrieben werden, winken die Hersteller mit sogenannten Anwendungsbeobachtungen. Sie zahlen Ärzten pro Patient, der auf das Präparat ein-oder umgestellt wird, eine Kopfprämie. Die damit verbundenen Fragebogen lassen sich oft in weniger als einer Minute ausfüllen. Nur ein geringer Teil der Anwendungsbeobachtungen dient tatsächlich Forschungszwecken. Im Wesentlichen handelt es sich um eine bisher noch legale Form der Korruption zu Lasten der Kassen.

Markus Grill hat diese Missstände aufgearbeitet. In "Kranke Geschäfte" listet der Stern-Redakteur Anwendungsbeobachtungen, die zuletzt in Deutschland liefen, zitiert Strategiepapiere von Pharmafirmen und bringt ans Licht, wie Generikahersteller Ärzte für Verschreibungen honorieren. Vieles davon ist auch in Österreich gang und gäbe, nur scheint das Unrechtsbewusstsein hier noch weniger ausgeprägt zu sein.

Während Grill sich auf die Pillenindustrie und ihre dubiosen Vertriebsmethoden in Deutschland konzentriert, analysiert die erfahrene englische Journalistin Jacky Law das internationale Vorgehen der großen Pharmafirmen. Sie argumentiert weniger voreingenommen als Grill, aber deshalb noch lange nicht milde. Auch an originellen Gedanken ist das hier und da holprig übersetzte "Big Pharma" reicher.

So widmet sich Law ausführlich dem Placeboeffekt. Diesen zu übertreffen fällt neuen Wirkstoffen zunehmend schwerer. Weil die allgemeinen Erwartungen an Medikamente gestiegen sind, lösen nämlich auch Zuckerpillen immer stärker die erhoffte Wirkung aus. Die mangelnde Innovationskraft der Branche erklärt Law mit der Schwerfälligkeit der Großunternehmen. An innovative Ideen kommen diese noch am ehesten, indem sie jüngere und flexiblere Firmen schlucken: Im ersten Halbjahr 2007 wurden bereits mehr als hundert Milliarden Euro für Zukäufe ausgegeben.

Pharmafirmen behaupten gerne, dass sie nach Heilmitteln suchen. In Wahrheit sind chronisch Erkrankte das weitaus bessere Geschäft. Gäbe es ein Mittel gegen Multiple Sklerose, wären die Umsätze von 20.000 Euro aufwärts für fortgeschrittene Patienten dahin. Warum tat sich die Medizin so schwer, den bakteriellen Verursachern von Magengeschwüren mit Antibiotika zu Leibe zu rücken? Die weniger zweckmäßige, aber dauerhafte Behandlung mit Medikamenten, die die Magensäure regulieren, ist eben lukrativer, und zwar sowohl für die Ärzte wie für Big Pharma.

Stefan Löffler in FALTER 41/2007



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