Wovon lebst du eigentlich?. Vom Überleben in prekären Zeiten

Jörg Morisse, Rasmus Engler


Selbstbestimmte Selbstausbeutung.

Arm sein ist kein Honiglecken, auch nicht in den reichen Ländern. Wie sich Armut anfühlt und was sich dagegen machen ließe, fragen drei Neuerscheinungen.

Deutschland im Freudentaumel. Nahtlos ging die Gaudi der Fußball-WM 2006 über in ekstatischen Jubel ob des unerwarteten Wirtschaftsbooms. Doch die Euphorie über explodierende Unternehmensgewinne und sinkende Arbeitslosigkeit hat einen schalen Beigeschmack. Den mitten im Aufschwung sinken die Masseneinkommen, also die Summe aus Nettolöhnen und monetären Sozialleistungen. Das einfache Volk schaut durch die Finger.

Die wachsende Ungleichheit in der deutschen Gesellschaft beschreibt der Journalist Helmut Kuhn in "Arm, reich - und dazwischen nichts?". Auf der Schattenseite: Menschen, die ein paar Cent verdienen, indem sie Mülleimer nach Pfandflaschen durchwühlen, der ehemals erfolgreiche Unternehmer, der binnen Jahresfrist zum Sozialfall wurde, und Kinder, die hungern.

Auf der Sonnenseite tummeln sich fürstlich entlohnte Manager wie Peter Hartz und denken sich Sparmaßnahmen aus, um die Armen "zu fordern und zu fördern". Eine gutsituierte Familie fährt regelmäßig im Privatzug in den Urlaub auf Sylt. Im ersten Waggon reist die Familie, im zweiten die Bediensteten, im dritten können die Hunde Gassi gehen. Helmut Kuhn liefert uns das Bild eines zerfallenden Sozialwesens. Leider verzichtet er auf tiefergehende Analysen und Lösungsansätze.

Einen Ausweg aus der Spaltung der Gesellschaft in Leistungsträger und Überflüssige will Wolfgang Engler in seiner fulminanten Utopie "Unerhörte Freiheit" aufzeigen. Durch ein großzügig bemessenes Grundeinkommen soll jeder selbst wählen können, ob er sich am Erwerbsleben beteiligt oder den Sinn des Lebens abseits eines Berufs sucht. Denn Würde und Freiheit des Menschen ließen sich nur herstellen, wenn der faktische Zwang zur Erwerbsarbeit entfiele.

Nonchalant, voller Witz und Subversivität stellt Engler sich dem Mainstream der Wirtschaftspolitik und dessen Forderung nach deregulierten Arbeitsmärkten und sinkenden Löhnen und Sozialleistungen entgegen. Eine auskömmliche Grundsicherung, so der Autor, sorge für Waffengleichheit zwischen Arbeitnehmern und Arbeitgebern. Denn Letztere müssten für Bedingungen sorgen, zu denen die Menschen freiwillig - und nicht getrieben von Notwendigkeiten - an ihren Arbeitsplätzen erschienen. So funktionieren Märkte mit zwei gleichberechtigten, freien Partnern. Eine zutiefst liberale Position. Englers Utopie wird aber ein Wunschbild bleiben, zu viele vitale Interessen hängen am Status quo.

Wie man als frei(beruflich)er Mensch jenseits sozialer Absicherung durchkommt, wird in "Wovon lebst du eigentlich?" gefragt. In zahlreichen Interviews beleuchten Jörn Morisse und Rasmus Engler die Lebensumstände von freischaffenden deutschen Künstlern, Journalisten und Übersetzern. Sie erkaufen sich das Recht auf ein selbstbestimmtes Leben mit Selbstausbeutung und Verzicht. Ein Preis, den die Befragten, wie es scheint, gerne bereit sind zu zahlen. Bemerkenswert auch, dass die hier untersuchte sogenannte Kreativwirtschaft, auf der so viele Hoffnungen der Wirtschaftspolitik ruhen, sich kaum von ihrem Schaffen zu ernähren vermag. Ein spannendes Buch darüber, wie man in prekären Verhältnissen lebt und trotzdem seine Würde bewahrt.

Gerhard Schwarz in FALTER 41/2007



ANZEIGE


FALTER abonnieren
×