Gottes Eifer. Vom Kampf der drei Monotheismen

Peter Sloterdijk


Nützt Religion?

Peter Sloterdijk findet, dass die Monotheismen allesamt ziemlich gefährlich sind. Christoph Schönborn erklärt Barbara Stöckl, dass das Christentum auch seine praktischen Seiten hat.

Die "Renaissance der Religionen" hat eine Reihe von Eigentümlichkeiten, die sich nicht darin erschöpfen, dass neuerdings wieder Menschen andere Menschen köpfen oder in die Luft sprengen, weil sie sie für "Ungläubige" halten. Auch ein paar alte Debatten und Fragen kehren wieder, gut abgelegen in den Archiven der Geistesgeschichte und lange vergessen. So gibt es ein Revival der Religionskritik, wie der Erfolg von Büchern wie "Der Gotteswahn" von Richard Dawkins oder der von Christopher Hitchens kleinem Pamphlet "Der Herr ist kein Hirte" (siehe Besprechung S. 40) zeigt. Eine der Schlüsselfragen, die neuerdings wieder den öffentlichen Diskurs prägten, ist: Machen die Religionen die Menschen gut oder schlecht?

Zeitgenössische, aufgeklärte Gläubige führen ja für ihre Religion schon seit längerer Zeit zwei Dinge ins Treffen, die eigentlich nichts miteinander zu tun haben. Erstens: Sie ist wahr. Zweitens: Sie ist nützlich. Und da der Wahrheitsgehalt nicht wirklich zu beweisen ist und viele Menschen heutzutage spontan an Dingen wie der Jungfrauengeburt, der Aufspaltung Gottes in verschiedene Betriebsmodi - Vater, Sohn, Heiliger Geist - oder dem Gipfeltreffen von Moses und Jahwe am Berg Sinai zweifeln, wird mehr und mehr Gewicht auf das zweite Argument gelegt.

Glaube ist, mag er auch nicht wahr sein, dann doch irgendwie praktisch. Und zwar deshalb, weil er den Menschen Sinn gebe, Bürger, die ansonsten atomisiert nebeneinanderher leben würden, zu einer Gemeinschaft zusammenschmiede, und er aus Berserkern tugendhafte Leute mache.

Unter den Neuerscheinungen, die dieses Thema fortspinnen, stechen zwei hervor, die in Stil und Typus unterschiedlicher nicht sein könnten. Wiens Kardinal Christoph Schönborn erklärt im Gespräch mit TV-Talkerin Barbara Stöckl, warum Religion gut ist, Peter Sloterdijk meldet in seinem neuesten Großessay Zweifel an. Um es gleich vorweg zu sagen: Sloterdijk liefert wieder einmal ein luzides Opus ab, gelehrt und geistreich, auf einem literarischen Niveau, das heute nur wenige Philosophen zu erreichen vermögen. Aber das hatte man ja nicht anders erwartet. Überraschend dagegen ist der Großdialog von Kardinal und Talkmasterin: Auch dies ein kluges Buch mit guten Fragen und präzisen Antworten.

Sloterdijk hält sich bei seiner Beschäftigung mit der Gewalttätigkeit der Religionen nicht bei deren Kriminalgeschichte auf. Sloterdijk fragt, ob es nicht in den großen Monotheismen ein Aggressionspotenzial gebe, ein inhärentes Eiferertum, eine Unterwerfungslust, und ob das Sündengerede wirklich moralische Menschen produziere - oder nicht doch eher Neurotiker.

Sloterdijk denkt fort, was Jan Assmann in seiner vieldiskutierten Studie "Die Moseische Unterscheidung" provokant proklamiert hat, nämlich dass erst der Monotheismus das Kriterium "wahr"/"falsch" in die Religionsgeschichte eingeführt habe. Juden, Christen, Muslime sind der festen Überzeugung, ihr Gott sei der "Einzige", der Wahre, während die anderen falschen Göttern anhingen.

So steckt in jeder der drei großen monotheistischen Religionen ein Kern an Eiferertum, den sie, bei aller Mäßigung und Aufklärung, gar nicht loskriegen können. Verharren im Unglauben sieht der monotheistische Eifer seit je als Verbrechen - da sieht es beim Christentum, das sich als "Religion der Liebe" vorstellt, nicht viel anders aus als bei Islam und Judentum. "Daher umgibt sich die Heilsbotschaft seit ihren ersten Tagen mit einer Eskorte aus Drohungen, die den Überzeugten das Schlimmste in Aussicht stellen. Zwar spricht das Evangelium davon, nach allen Seiten Segen bringen zu wollen, doch auf die Nichtbekehrten wünscht der christliche Militantismus von der ersten Stunde an den Fluch des Himmels herab."

Den Ungläubigen gilt die Verdammnis als sicher, und selbst über den Gläubigen hängt stets das Schwert ewigen Verderbens. Die Menschenliebe des imaginierten Ewigen hat die Bedrohlichkeit einer Liebe, der man nicht entgehen kann: "Wen der Herr liebt, den züchtigt er." Gesund ist diese Fixierung auf die Sündhaftigkeit gewiss nicht, und ihre Kehrseite ist die "Unduldsamkeit und der Hass". Kirchenvater Augustinus, der die Erbsünde in aller theologischen Perfidie ausformulierte, hat, so Sloterdijk, das "abgründigste System des Schreckens, das die Geschichte der Religionen kennt", erfunden. Schon Babys kommen als Verdammte zur Welt, und wenn sie ungetauft sterben, kommen sie in die Hölle. "Sakraler Terrorismus" sei das, meint Sloterdijk, und kaum etwas hat so viel zur "Neurotisierung einer Zivilisation" beigetragen wie die Prädestinationsmetaphysik.

Ob eine solche Religiosität der Moralität wirklich nützt, ist sehr fraglich. Gewiss sind die heiligen Schriften der großen Monotheismen auch so etwas wie das Inhaltsverzeichnis der moralischen Imperative der Menschheit, aber es ist doch sehr diskussionswürdig, ob die Moral den Glauben braucht. In diesem Sinne schreibt der Soziologe Gerhard Schulze in dem kleinen Sammelband "Was ist eine gute Religion?", herausgegeben vom NZZ-Redakteur Uwe Justus Wenzel: "So ist Nächstenliebe kein Monopol der Religionen, die oft genug als Nächstenhasser aufgetreten sind, sondern eine anthropologisch gegebene Disposition."

Nun, um das weniger apodiktisch zu formulieren: Es gibt genügend Gläubige, die gute Menschen sind, und es gibt genügend Atheisten, die auch gute Menschen sind. Umgekehrt ist es leider ebenso. Nur gibt es genug gute Menschen, die schlechte Dinge tun, weil sie glauben, dass ihr Gott exakt das von ihnen erwartet.

Das ist so ziemlich der einzige Zusammenhang von Religion und Moral, der nicht zu bestreiten ist. Es versteht sich von selbst, dass Kardinal Christoph Schönborn all das ziemlich anders sieht. Schönborn liefert im flotten Plauderton, bei dem es aber nie allzu seicht wird, ein Exempel dafür, wie die Aufgeklärteren unter Gottes Bodenpersonal die Dinge sehen. Klar, hin und wieder macht er sich so lächerlich, wie das der Kirchenferne von Kardinälen erwartet, etwa wenn er die Beichte "eine wöchentliche oder regelmäßige Powerstation" nennt.

Schönborn ist gegen eine politisierende Religion, aber Religionen sind nie unpolitisch, weil sie auf die gesellschaftliche Moral abzielen. "Die Grundfrage ist, ob auf die Dauer eine Moral ohne eine transzendente Begründung, ohne eine Begründung in der Religion, im Glauben an Gott, ohne eine Verbindlichkeit Gott gegenüber zu halten ist" - dies sei, so Schönborn, sehr "fraglich". Die Moral gehe "baden", wenn man Gott nicht über sich wisse. Schönborn: "Die Drohung mit dem Gericht Gottes, die tut uns ganz gut."

Nun ist das gewiss eine fragwürdige Anthropologie. Glaubt Schönborn wirklich, wenn er nicht vor Gott Angst hätte, er würde stehlen, morden, vergewaltigen? Glaubt er zumindest, dass dies viele Menschen täten? Und wie passt das mit dem Satz zusammen: "Ich denke, die meisten Menschen wissen im Innersten sehr genau, was richtig ist und was nicht." Da zu "den meisten Menschen" ja offenbar auch Nichtgläubige zählen, geht die Moral ohne Gott offenbar doch nicht vollends baden.

Im Ganzen liest sich Schönborns Rede wie ein Exempel zu einer ironischen Wendung Sloterdijks über den geläuterten monotheistischen Eifer, der sich, in Hinblick auf die heiligen Schriften und den theologischen Kanon in "wählerischem Umgang mit dem Gesamttext" zeigt. Die Religionen sind zivilisiert, wenn ihren Anhängern "viele Stellen aus den eigenen sakralen Büchern, aus denen der heilige Furor redet, wie peinliche Archaismen vorkommen". Auf die christliche Sündenobsession und namentlich auf die Erbsünde angesprochen, erklärt Schönborn, die Menschen seien gut, hätten aber auch "einen Hang zum Bösen", im Übrigen erinnere man sich an das Jesu-Wort: "Wer von euch ohne Sünde ist, der werfe den ersten Stein."

Man solle sich freilich nicht mit falschen Schuldgefühlen quälen, die "entstehen nicht natürlich, sondern werden einem Menschen aufgezwungen, anerzogen, eingeimpft und sind auch gefährlich." Die Kirche habe mit dieser Schuldbesessenheit aber nicht mehr zu tun als jede andere Institution. Wie war das noch mal mit der Gier nach der Bestrafung der Sünder, mit der Drohung ewiger Verdammnis?

Nun, da hätte Frau Stöckl noch etwas heftiger nachfragen können. Aber wir wollen nicht beckmessern. Alles in allem ein gutes Buch, auch da, wo es die Schwäche einer Religiosität zeigt, die aus dem "apokalyptischen Tunnel" (Sloterdijk) herausgefahren ist und händeringend zu beweisen versucht, warum sie trotzdem noch für etwas gut ist. "Religion ist sehr nützlich", weiß der Kardinal, schon das Evangelium sei voll "von ganz utilitaristischen Überlegungen".

Nutzt's nichts, dann schad's nichts, wie der Wiener sagt. Ein Glaube, wie der, den Christoph Schönborn vertritt, der richtet wenig Schaden an und tut niemandem weh. Und das ist, wie Peter Sloterdijk zeigt, ohnehin das Beste, was man über eine Religion sagen kann.

Robert Misik in FALTER 41/2007



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