Die Stimmen des Flusses

Jaume Cabré


Gefährliches Doppelspiel

Es ist schon ein Phänomen, wie sich der Spanische Bürgerkrieg (1936–39) und der Franquismus (bis 1975) im vergangenen Jahrzehnt in die spanische Literatur eingenistet haben. Nach langem konzertiertem Schweigen exhumiert Spanien seine Vergangenheit. Wobei die Begriffe "Spanien" und "Spanisch" im vorliegenden Fall fast ein Sakrileg sind. Jaume Cabré ist katalanischer Philologe und schreibt auch auf Katalanisch. Das hat – wie der Katalonien-Schwerpunkt der Frankfurter Buchmesse an sich – gerade in Zeiten, da nicht nur in Catalunya, sondern auch im Baskenland (Euskadi) laut über die Unabhängigkeit nachgedacht wird – auch eine starke politische Komponente.
  Doch tut dieser Aspekt bei Cabrés Roman "Die Stimmen des Flusses" im Grunde wenig zur Sache. Zwar spielt die Handlung in dem fiktiven katalanischen Bergdorf Torena, doch könnte sie überall in Spanien angesiedelt sein. Etwa in Quismondo in der Provinz Toledo, wo Jorge Semprún sein Bürgerkriegs- und Franco-Ära-Epos "Sieben Jahre und ein Tag" angesiedelt hat. Ähnlich wie bei Semprún fällt auch Cabrés pathologischer Befund aus: Hinter einer klerikal-faschistischen Fassade mit scheinbar höchsten moralischen Ansprüchen blühte eine Gesellschaft, in der Gewalt, Promiskuität und Bigotterie fröhliche Urständ' feierten.
  Nach außen fromm und züchtig sind die Menschen in Wahrheit heftig mit Ehebruch, Betrug, Hurerei und Mord befasst. Diese Erkenntnis unterscheidet Cabré nicht von anderen spanischen, katalanischen, baskischen, galicischen Autoren. Der Reiz liegt eher darin, dass er anhand der Macht- und Sozialkonstellationen im Nachkriegsspanien jene Zwänge und Beengungen beschreibt, die durch die Kleinräumigkeit der unmittelbaren Lebenswelt eines Menschen entstehen und jeden betreffen können.
  Zum Beispiel Oriol Fontelles, der 1944 – fünf Jahre nach Ende der Guerra Civil – den Posten des Dorfschullehrers in Torena annimmt. Ehe er sich's versieht, wird er vom Bürgermeister Valentí Targa in die Machenschaften der Falange hineingezogen, jener ultranationalistischen, faschistischen und antikommunistischen Bewegung, die den Kern des Franco-Regimes bildete. Oriol passiert das eher, als dass es eine bewusste Entscheidung wäre. Durch Unbeholfenheit, Naivität und Feigheit wird er zum Mitläufer und -täter. In den Wäldern rund um Torena leisten nämlich republikanische Freischärler Widerstand. Um sie in die Knie zu zwingen, lässt der Bürgermeister sogar den 14-jährigen Sohn eines dieser Waldmenschen umbringen. Oriol selbst hat damit zwar nicht unmittelbar zu tun, dennoch zieht seine schwangere Frau Rosa die Konsequenzen und verlässt ihn.
  Das ist der Wendepunkt: Oriol erwacht aus seiner Lethargie und beginnt ein gefährliches Doppelspiel. Nach außen hin mimt er weiter den Falangisten, in Wahrheit hilft er den Rebellen, indem er als Kontaktperson fungiert oder Flüchtlinge auf dem Dachboden der Schule versteckt. Sein Risiko ist hoch, doch überwiegt der Wunsch, Rosa zu beweisen, dass er anders ist, als sie denkt. Aus diesem Grund führt er auch ein Tagebuch, das er hinter der Schultafel versteckt, wo es aber erst mehr als sechs Jahrzehnte später von der Lehrerin Tina gefunden wird.
  Tinas Ehrgeiz, nun die Wahrheit über Oriol ans Licht zu bringen, ist ebenso hehr wie fatal. Sein Doppelleben fand noch 1944 in einem Showdown unter mysteriösen Umständen ein Ende. War er nun Märtyrer, Verräter oder doch nur charakterloser Handlanger des Regimes? Am Ende weiß das nur noch die ehemals ebenso attraktive wie reiche Senyora Elisenda Vilabrú. Sie hat freilich ein besonderes Interesse daran, dass niemals zutage tritt, was damals geschah. Mehr sei zwecks Erhaltung der Spannung nicht verraten. Nur so viel: Es geht um Liebe, Leidenschaft und Rache.
  Cabré hat eine subtile Collage des katalanischen Alltags während und nach dem Franquismus entworfen. Anhand von Tina entwickelt er auch die verschlungenen Fronten der Generationenkonflikte. Tina und ihr Mann Sergi wurden groß, als die Franco-Diktatur schon an Altersbeschwerden litt, und erzogen ihren Sohn ganz konträr zu den Idealen des Caudillos. Was aber tut der? Er geht ins Kloster

Edgar Schütz in FALTER 41/2007



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