Gomorrha. Reise in das Reich der Camorra

Roberto Saviano, Friederike Hausmann


Die Paten als Unternehmer

Mord und Immobilien, Drogen und Tourismus. Die neapolitanische Camorra verschmilzt organisierte Kriminalität mit legalem Wirtschaften. Roberto Savianos "Gomorrha" ist ein Augenöffner.

In der Nacht zum 16. August 2007 wurden vor einer Pizzeria in Duisburg sechs Italiener erschossen. Die Polizei vermutete hinter dem Verbrechen die kalabrische Mafiaorganisation 'Ndrangheta. Als kurz darauf Roberto Savianos "Gomorrha" in deutscher Übersetzung erschien, wurde der 28-jährige Neapolitaner mit Interviewwünschen überhäuft. Ihm zufolge gelten die 'Ndrangheta und vor allem die neapolitanische Camorra zu Unrecht als harmlose Varianten der sizilianischen Cosa Nostra.

In seinem vor Fakten strotzenden Buch widerlegt Saviano dieses Vorurteil als Teil einer Strategie. Statt eine Art Gegenstaat mit militärischen Mitteln zu errichten, wie es die sizilianische Mafia in den Achtzigerjahren durch die Ermordung prominenter Politiker oder Attentate auf Kulturdenkmäler versuchte, setzen die Camorra-Familien auf eine kapillare Durchdringung der Gesellschaft.

Über die Korrumpierung von Gemeindepolitikern sichert man sich öffentliche Aufträge und lukrative Umwidmungen von Müllhalden in Bauland. Einkommensquellen wie der Waffen- und Drogenhandel, Prostitution und Schutzgelderpressung verschmelzen mit legalen Investitionen in der Immobilienbranche oder im Tourismus zu einer Unternehmensform, die sich je nach Bedarf von der einen oder der anderen Seite zeigen kann: als saubere Investmentfirma oder als Verbrechenskartell, das jährlich allein in Neapel und der Region Kampanien durchschnittlich hundert Morde begeht.

Die Morde von Duisburg brachten die dunkle Seite der in osteuropäische Länder, Schottland, Spanien oder Südamerika expandierenden Geschäftswelt süditalienischer Prägung zum Vorschein. Allein im Krieg zwischen der di-Lauro-Familie und abtrünnigen Clanmitgliedern starben 2004/2005 Dutzende Menschen. Manche wurden gefoltert oder bei lebendigem Leib verbrannt.

Saviano lebt, nachdem er Drohschreiben erhalten hat, unter Polizeischutz. Dabei hat er lediglich die neuere, in lokalen Tageszeitungen und Prozessakten nachlesbare Geschichte der Camorra aufgezeichnet. Durch die Aussagen von sogenannten Pentiti, also Clanmitgliedern, die mit der Polizei zusammenarbeiten, sind viele Details über einzelne Verbrechen, vor allem aber über ökonomische Veränderungen bekannt geworden. Am stärksten ist "Gomorrha" dort, wo es die neoliberalen Züge des neuen Camorra-Business herausarbeitet.

Der hierarchisch organisierte Heroinhandel wurde etwa durch den dezentralen Kokainhandel abgelöst. Auf die Figur des Dealers, der kaputte Junkies beliefert, folgt der gesellschaftlich integrierte Nebenerwerbspusher, der sich ein Zubrot verdient, indem er sein Umfeld mit dem weißen Pulver versorgt. Die Camorristen erkannten früh das Potenzial von Kokain als Muntermacher für die Nachtschichten und Überstunden deregulierten Arbeitsmarktes.

Saviano schildert die Faszination des kriminellen Gewerbes für die nachwachsende Generation, die einen Raubtierkapitalismus ohne gesellschaftliche Verpflichtung erlebt. Der machtlose Staat überlässt den Einzelnen nicht seinem Schicksal, sondern gibt ihm die Möglichkeit, seiner unternehmerischen Fähigkeiten zu nutzen, den maximalen Profit herauszuschlagen und die mörderische Konkurrenz auszuschalten. Der Tod wird von den Einpersonenunternehmen als logische Konsequenz in Kauf genommen.

Die oft ermüdende Aufzählung von Morden, Verrat und Clanstrukturen unterbricht Saviano mit autobiografischen Einschüben über seine Arbeit im Hafen von Neapel oder seine Bekanntschaft mit Arbeitern, die sich in den Sweatshops und auf den Baustellen zu Tode schuften. Er entwickelt eine Phänomenologie des "Systems", wie sich die Camorra selbst nennt, indem er den Geruch der Dämpfe beschreibt, die aus illegalen Giftmülldeponien aufsteigen.

Er erkennt Gattinnen führender Camorramitglieder, die nach deren Verhaftung die Geschäfte übernehmen, an ihren Parfums. In der Performance von Camorristen spielt Hollywood eine zentrale Rolle. Ein Boss ließ sich die Villa aus dem Film "Scarface" nachbauen, die Leibwächterinnen weiblicher Bosse sehen alle aus wie Uma Thurman in "Kill Bill". Sie tragen blonde Pagenköpfe und gelbe Overalls. Zwei Teenagergangster rezitierten Passagen aus Quentin Tarantinos Film "Pulp Fiction". Nach zu vielen filmreifen Prügeleien reichte es dem Clan von Casale; die beiden wurden im Frühjahr 2004 durch Kopfschüsse ermordet.

Matthias Dusini in FALTER 41/2007



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