Das erstaunliche Ende. Eine Reihe betrüblicher Ereignisse Band 13

Lemony Snicket


Lasset alle Hoffnung fahren

Die bizarre Buchreihe "Lemony Snicket", die nun mit dem 13. Band zu Ende geht, konfrontiert ihre jungen Leser mit abgrundtief bösen Erwachsenen, Sarkasmus und oberlehrerhaften Abschweifungen. Die Kids finden es "endgeil".

Wenn du gern Geschichten mit einem Happy End liest, solltest du lieber zu einem anderen Buch greifen." Die Warnung des Autors steht schon auf der Rückseite des Buches, wird im ersten Kapitel mehrfach wiederholt, und was sonst kann man erwarten von einem Buch, das "Der schreckliche Anfang" heißt?

Gleich auf den ersten Seiten brennt das Haus der Geschwister Violet, Klaus und Sunny Baudelaire ab, ihre Eltern kommen darin um, und die Kinder bleiben allein zurück. Bis sie über das große Vermögen der Eltern verfügen dürfen, müssen sie erst einmal volljährig werden - und offenbar will die ganze Welt genau das verhindern.

Es beginnt damit, dass das Sorgerecht einem zwielichtigen Verwandten namens Graf Olaf übertragen wird. Zuerst versucht der Graf "nur", die 14-jährige Violet zu heiraten, um an das Geld zu kommen. Um ihr Jawort zu erzwingen, sperrt er Baby Sunny in einen Vogelkäfig. Und während Graf Olaf und seine Verbündeten den Kindern ungeniert nach dem Leben trachten, erweisen sich alle Erwachsenen, die sie eventuell beschützen könnten, entweder als absurd unzuverlässig oder extrem böse, oder sie sterben der Reihe nach die bizarrsten Tode.

Das ist der Plot einer Buchreihe, die sich mit Understatement "Eine Reihe betrüblicher Ereignisse" nennt, nun mit dem 13. Band abgeschlossen wurde, bisher über fünfzig Millionen Exemplare abgesetzt hat, mit Jim Carrey und Meryl Streep verfilmt wurde - und mit dem Etikett "ab 10" beworben wird.

Was die Baudelaire-Waisen erleben, ist eine ziemlich vollständige Sammlung kindlicher Albträume. Sie werden in ein strenges Internat gesteckt, müssen in einer Sägemühle schuften, die kleine Sunny wird entführt, und im "Schaurigen Spital" soll an Violet die weltweit erste "Kraniektomie" ausgeführt werden - eine Amputation des Schädeldachs. Schließlich landen die Baudelaires auf einer Inselkommune, wo ein wohlmeinender Guru die Bevölkerung mit Drogen ruhighält und jeden Fortschritt verhindert. Bezeichnenderweise ist die Flucht von dort am schwierigsten, und so endet Band 13 auch genau dort, freilich mit einem - so viel sei verraten - hübschen Neuanfang.

Geschrieben hat diese 13 modernen Märchenbücher die Kunstfigur Lemony Snicket alias Daniel Handler, geboren 1970 in San Francisco: "Ich fand die Idee interessant, dass drei hilflosen Kindern wieder und wieder schreckliche Dinge zustoßen." Da lag der Familienname Baudelaire beinahe auf der Hand: "Ich verehre Charles Baudelaire und seinen Gedichtzyklus, Die Blumen des Bösen', der in hässlichen Umständen Schönheit findet."

Die "Snicket"-Bücher spielen in einer Retro-Umgebung, in der noch telegrafiert wird, auf fast jeder Seite werden Fremdwörter oberlehrerhaft erklärt. Ironiefähige Kinder finden das alles ziemlich witzig, die anderen fasziniert der Zusammenhalt der drei Baudelaire-Kinder und die steigende Spannung. Doch immer wieder sind Cliffhanger eingebaut, räsoniert der Erzähler seitenlang über Querverweise, bevor die Handlung endlich weitergeht. Wer jedoch darauf wartet, dass in Band 13 alle großzügig ausgelegten Handlungsstränge, ungelösten Rätsel und versteckten Andeutungen geklärt werden, hat "Lemony Snicket" nicht verstanden: Die Welt ist und bleibt ein unlösbares Rätsel.

Parallelen zu einem anderen Waisenkind namens Harry Potter lassen sich höchstens aus dem seriellen Charakter und dem Erfolg vor allem der englischen Ausgaben ziehen. Die deutsche Ausgabe erreichte erst mit Rufus Beck als Sprecher der Hörbücher jenen Kultstatus, den Vertreter der Zielgruppe gern als "ultrakrass" oder "endgeil" definieren. Und das bis zum letzten Band gegen den augenzwinkernd erklärten Willen des Autors: "Ich gebe dir den dringenden Rat, dieses Buch sofort zur Seite zu legen, bevor, Das erstaunliche Ende' dich erledigt."

Erledigt ist noch nichts. Mit "Lemony Snicket", das hat Daniel Handler schon verraten, ist er trotz dem Ende dieser Serie noch nicht fertig. Aber: "Wer auf Antworten hofft, wartet umsonst!"

Thomas Aistleitner in FALTER 41/2007



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