Die Eroberung der Natur. Eine Geschichte der deutschen Landschaft

David Blackbourn, Udo Rennert


Die Unschuld vom Lande

David Blackbourn zeigt, dass "Die Eroberung der Natur" nicht nur Schaden, sondern auch Segen brachte.

Gravierende Eingriffe in Geologie und Ökologie kennt die Geschichte seit den Pharaonen, die den Nil mit dem Roten Meer verbanden. Vor rund 250 Jahren versetzten technische Neuerungen, etwa im Wasserbau, die Monarchen Europas erstmals in die Lage, in die Gestalt der Landschaft einzugreifen und dem Kontinent ein neues Gesicht zu verpassen.

"Die Eroberung der Natur" ist aber keineswegs nur ein Auswuchs menschlicher Hybris, die heute mit Jahrhunderthochwassern und Klimawandel bestraft wird, wie David Blackbourn am Beispiel Deutschlands zeigt. Der britische Historiker findet bei einer Reihe von Großprojekten neben Schaden auch jede Menge Segen. Seine differenzierte Betrachtung der Trockenlegung des Oderbruchs oder des Baus von Talsperren stellt dem Klischee von der Unschuld ursprünglicher Landschaften die Tatsache gegenüber, dass die Bevölkerung bereits im 19. Jahrhundert ohne die Ackerlandgewinnung in einstigen Sumpfgegenden nicht hätte ernährt werden können und Wasserkraft heute ganz selbstverständlich zu den sauberen Energien gezählt wird.

Negativ fällt die Bilanz der um 1800 begonnenen, bis weit über die Mitte des 20. Jahrhunderts fortdauernden Anpassung des Oberrheins an wirtschaftliche Interessen aus, anhand derer Blackbourn auf ein politisch brisantes Thema einstimmt. Die Begradigung verwandelte die kilometerbreiten Mäander des Rheins in eine schmale, kartografisch eindeutigen Grenze zwischen Frankreich und Deutschland.

Gebändigte Natur wurde zu einem Symbol nationaler Identität. Von Wilhelm Heinrich Riehl und seinem Ideal einer deutschen Landschaft zieht Blackbourn Verbindungen sowohl zum Naturverständnis der Nationalsozialisten als auch zur modernen Umweltbewegung. Der tabufreie Blick auf die Zeit nach Hitlers Einmarsch in Polen ist das größte Verdienst dieses Buchs. In den besetzten Gebieten waren der Holocaust neben der Agrarlandgewinnung sozusagen Teil einer megalomanischen "Landschaftsplanung". Bewusst provokant zieht Blackbourn verstörende Parallelen zwischen Blut- und-Boden-Ideologie und Biobauern-Romantik. Die historische Tiefenschärfe seiner Untersuchung erlaubt es ihm, hinter dem Wandel der Natur einen Wandel politischer Wertvorstellungen zu erkennen.

Martin Droschke in FALTER 41/2007



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