Karlmann

Michael Kleeberg


Ein durchschnittlicher Mann

Gegen Ende von Michael Kleebergs großem Roman "Karlmann" kommt dem Erzähler eine erstaunliche Assoziation. Gibt es einen Zusammenhang zwischen der Fragilität moderner Beziehungen und dem Erfolg der Firma Ikea? Fördern Möbel, die man nicht für ein ganzes Leben kauft, die Bereitschaft, sich auch bei der Wahl des Partners nicht für ein ganzes Leben festzulegen?
  Im Juli 1985, an jenem Tag, da Boris Becker zum ersten Mal das Finale von Wimbledon gewinnt, feiert Karlmann "Charly" Renn in Hamburg Hochzeit. Während sich seine Braut für den Abend schönmacht, verfolgt er mit ein paar Kumpels das Spiel. Und als Beckers Sieg feststeht, erreicht den Protagonisten ein Kraftstrom vom Center-Court: das Gefühl im Leben alles erreichen zu können, wenn man nur will. So heftig packt ihn dieses Gefühl, dass er es auf dem Weg zur Feier um ein Haar noch einmal mit einer Trauzeugin getrieben hätte – ein Menetekel. Als ihm sein Vater dann auch noch bei seiner Tischrede eröffnet, dass er ihn als Geschäftsführer seines neu gekauften Autohauses einsetzen will, hätte sich Charly erste Sorgen um seine gerade ein paar Stunden alte Ehe machen müssen. Er will das Autohaus (Opel!) so wenig, wie er seine Braut will, aber er kann nicht Nein sagen.
  Das zweite Kapitel setzt ein gutes Jahr später ein und erzählt wieder nicht einmal einen ganzen Tag. Fünf solcher Kapitel werden es am Ende sein. Sie zeigen Charly 1986 als chronisch unsicheren und unglücklichen Geschäftsführer, 1987 als chronisch untreuen Ehemann, der sein eher deftiges sexuelles Temperament im Bett einer Studienfreundin viel besser ausleben kann als bei der elfenhaften Ehefrau. 1988 feiert sein Onkel ein Geschäftsjubiläum, aber wenn man in die Gräben blickt, die sich bei dieser Gelegenheit zwischen den Mitgliedern der erweiterten Familie auftun, gibt es eigentlich nichts mehr zu feiern: Denn offenbar weiß nicht einmal mehr das wohlsituierte Hamburger Wirtschaftsbürgertum, welche Rolle es in der Stadtgesellschaft spielen soll – und gerät darüber in erbitterten Streit. 1989 dann der Showdown: Karlmanns Gattin kehrt eines Abends nicht mehr nach Hause zurück. Spätestens seit sie erkannt hat, dass ihr Frauen mehr bedeuten als Männer, gibt es für sie keine Zweifel über die falschen Voraussetzungen, auf der ihre Ehe gründete. Charly stürzt in bodenloses Elend.
  Je tiefer man in diesem Epos der Mittelschicht versinkt, desto häufiger glaubt man, einen Balzac-Roman des späten 20. Jahrhunderts zu lesen. Damit soll die erzählerische Souveränität Kleebergs keineswegs relativiert werden: Über dessen Kunst des fließenden Perspektivwechsels könnte man sich genauso lange verbreiten wie über die essayistischen Exkurse, die das konkrete Schicksal der Figuren verallgemeinern, indem sie es mit jenen Kenntnissen abgleichen, die uns die modernen Wissenschaften über unseren Körper, unsere Psyche und über unser soziales Verhalten bereitstellen.
  Nun gewinnt ein Roman nicht unbedingt dadurch, dass er in eine Geschichte packt, was man besser und genauer aus einem Sachbuch erfährt. Aber nur in einem Roman kann gelingen, was Kleeberg gelingt: über eine lange Lesestrecke das Interesse an einem Typen zu halten, der so durchschnittlich (und im Grunde so uninteressant) ist wie dieser Charly Renn. Mit großer Präzision, die auch noch kleine Gesten und unscheinbare Alltagsgegenstände verzeichnet, wird hier eine Figur entworfen, aus deren Perspektive sich die sozialen Bindungen und kulturellen Codes des späten 20. Jahrhunderts beobachten lassen – die sich ja bis heute nicht wesentlich verändert haben.
  Wer diese Zeit in Westeuropa verbracht hat, dem ging es in der Regel ganz gut. Nur dumm, dass unter solchen Bedingungen das Bedürfnis und die Fähigkeit verloren gehen, sich über sich selbst ein paar grundlegende Gedanken zu machen. Erst als ihn seine Frau verlässt, entdeckt Charly Renn Bezirke seines Ichs, die nicht der Logik der Beliebigkeit und Austauschbarkeit folgen. Irgendwie hat er sie doch geliebt. Und plötzlich tut sich eine entsetzliche Kluft auf: zwischen dem Allmachtsgefühl, das ihm die Fernsehbilder aus Wimbledon am Tag seiner Hochzeit vermittelten, und der ohnmächtigen Einsamkeit nach dem Ende seiner Ehe.
  Selten gehen das Private und das Soziale literarisch so restlos ineinander auf wie in diesem Roman. Es braucht einigen Mut, wenn man sich als Autor mit einer so unspektakulären Figur wie Charly Renn auf eine so lange Strecke einlässt. Für Kleeberg hat sich dieser Mut ausgezahlt: In einem wahrlich starken Bücherherbst kommt an ihm niemand vorbei

Tobias Heyl in FALTER 41/2007



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