Der Kosmopolit. Philosophie des Weltbürgertums

Kwame Anthony Appiah


Rettung durch das höfliche Gespräch.

Vermischung ist der Gegenentwurf zum Kampf der Kulturen. Ein bulgarisch-indisches Autorenduo erkennt im Orient den Ursprung des Okzidents, ein Philosoph aus Princeton ghanaischer Abstammung hält den englischen Gentleman für den Kosmopoliten schlechthin.

Auch Begriffe haben manchmal verschlungene Karrierewege. So hat etwa Huntingtons Kampfansage, sein Wort vom "Kampf der Kulturen", auch seinem schärfsten Gegenbegriff Aufwind verschafft: dem der Vermischung, der Hybridität von Kulturen. Er dient als Instrument zur Analyse dessen, was aufgrund von Massenmobilität und Migration längst Realität ist. Aber die Rede von der Hybridität ist nicht nur Bestandsaufnahme, sie ist ebenso sehr aktive Intervention in ebendiese Realität - ein Eingriff, der die so beschriebene Realität auch verändern soll, wie dies etwa zwei Neuerscheinungen versuchen.

Da ist einmal das Buch des bulgarischen Romanciers Ilija Trojanow und des indischen Kulturkritikers Ranjit Hoskoté. Unter dem Titel "Kampfabsage" treten sie gegen den "Kampf der Kulturen", das "Nonsens-Mantra unserer Zeit", an. Dieses wäre eine tendenziöse Frontziehung, die fiktive, homogene und reine Kulturen voraussetze, um davon das Andere, das Fremde abzugrenzen.

Damit ist "Kampfabsage" natürlich eine Kampfschrift, die einen anderen Kulturbegriff propagiert. Diesen stellen die Autoren anhand der Metapher des Flusses dar, der sich aus vielen unterschiedlichen Wassern speist, der also durch Vermischung und Zusammenfluss entsteht - in seinem Namen aber all dies verleugnet und "seine wahre Herkunft verschweigt". Vermischung wird also angeführt, um einem vereinheitlichenden Gründungsmythos den Kampf anzusagen, genauer gesagt: der Rede vom jüdisch-christlichen Abendland.

Dagegen, gegen diesen Namen, der alles, was in ihn eingegangen ist, verschluckt hat, wollen die Autoren zeigen, dass "der Ursprung der wichtigsten westlichen Werte, Technologien und kulturellen Errungenschaften im Mittelmeerraum des 9. bis 15. Jahrhunderts zu finden ist, vor allem im muslimischen Herrschaftsgebiet". Und so beginnt das Buch bei der Entstehung Europas und hantelt sich von da an vorwärts - immer nach demselben Muster: Alles, was als Wert oder als kulturelle Errungenschaft des Westens gilt, entstammt eigentlich nichteuropäischen, vorwiegend arabischen Quellen. Ob dies "Mathematik und Kartographie, Philosophie und Medizin, Poesie und Logik" sind oder aber Musik, die Gabel, Zahnpasta, Zucker, Kaffeehäuser, Gärten, Teppiche und, und, und - alles nur kulturelle Importe aus dem Morgenland, undeklarierte Importe. Das ganze Label "Abendländische Kultur" somit nur ein Schmuggel. Den Autoren geht es also gar nicht um Vermischung oder um Hybridität, sondern um unterschlagene Herkunftsdeklaration, um unrechtmäßige Aneignung. Vieles mag historisch richtig sein. Aber hier liegt ja keine historische Studie vor, sondern ein Beitrag zu einem aktuellen Konflikt. Dieser erhebt Einspruch gegen das überhebliche Selbstverständnis des Westens, indem er die große arabische Kultur beschwört, und verfällt dabei aber einem ressentimentgeladenen Gestus, gepaart mit einem kitschigen Orientalismus, der eine ebenso mystische Vorstellung des Orients als üppiger, brummender, lebendiger - und was solcher Stereotypen mehr sind (und sie lassen keine aus) - Kultur propagiert. Da gerät der Begriff der Vermischung zum Etikettenschwindel. Wenn morgenländische Kultur als "Wiege und als Quelle aller Zivilisation" das ist, was gegen die monolithische Vorstellung von Kultur ins Feld geführt wird, dann kann man nur sagen: Willkommen im Kampf der Kulturen!

Auch "Der Kosmopolit" widmet sich dem Begriff der Vermischung. Diese "Philosophie des Weltbürgertums", so der Untertitel, hat den Vorteil eines sehr zurückhaltenden Tons und einer konzisen Argumentation. Darüber hinaus ist Kwame Anthony Appiah, Philosophieprofessor in Princeton, ghanaischer Herkunft und kann so immer wieder afrikanische Beispiele bringen, die weder auftrumpfend noch ressentimentgeladen sind, dafür aber völlig unbekannte und unerwartete Einblicke in das moderne afrikanische Leben gewähren.

Auch Appiah bringt gegen den Kampf der Kulturen ebenso wie gegen den Multikulti-Relativismus das Konzept der kulturellen Vermischung in Stellung, welches er jedoch am Ideal des "Kosmopoliten" festmacht. Er versucht aus dieser Figur nicht weniger als ein "Menschenbild für das 21. Jahrhundert" zu entwickeln.

Die Vermischung ist dabei eine sehr spezielle, denn Appiahs Weltbürger ist nicht nur der "gewaltigen Abstraktion Menschheit" verpflichtet, sondern auch der Treue zur seiner Nation, Rasse oder Klasse. Einen partialen und parteilichen Kosmopolitismus nennt Appiah dies, ein Weltbürgertum, das "Universalität plus Unterschied" ist. Das Modell dafür liefert der reisende Engländer des 19. Jahrhunderts, der zwar "Engländer sein will, aber offen für andere Sichtweisen" sei.

Dieser Rückgriff auf eine zutiefst bürgerliche Figur, das freundliche Antlitz des Kolonialismus als Ideal für das 21. Jahrhundert, zeigt bereits die Achillesferse des Konzepts. Diese enthüllt sich restlos, wenn der Weg, in dem der Weltbürger sein Weltbürgertum lebt, das - Bingo! - Gespräch ist. Das Gespräch, notabene das höfliche Gespräch, soll uns retten. Das ist eine sympathische Vorstellung, aber kann man diese auch ernst nehmen?

Immerhin hat Appiahs Konzept gegenüber verwandten hoffnungslosen Appellen einen Vorteil, es bietet eine unerwartete Volte: Das Ziel des Gesprächs soll keine rationale Übereinkunft, kein Konsens sein. "Es genügt, wenn das Gespräch den Menschen hilft, sich aneinander zu gewöhnen." Nicht überzeugen, nicht tolerieren - nur an das Fremde gewöhnen. Die angelsächsische Nüchternheit hat tatsächlich was!

Isolde Charim in FALTER 41/2007



ANZEIGE


FALTER abonnieren
×