Kleine Geschichte Kataloniens

Carlos Collado Seidel


Vom Passeig de Gràcia zum Raval.

Premiere: Heuer ist auf der Buchmesse mit Katalonien zum ersten Mal nur eine Region und kein Land eingeladen. Korrektur: Die "katalanische Kultur" ist zu Gast in Frankfurt. Mit dieser dehnbaren Formulierung wollte man die heikle Frage umgehen, ob sich auch katalanische Autoren, die auf Spanisch schreiben, präsentieren dürfen. Das ging gründlich schief. Seit im Frühjahr 2005 die Einladung ausgesprochen wurde, debattiert man in Barcelona, ob nur Katalanisch schreibende Autoren nach Frankfurt kommen sollten (siehe auch das Interview mit Georg Kremnitz auf Seite 32).
Die Buchmesse sprach bald ein Machtwort: Selbstredend seien alle Autoren willkommen. Das war aber noch nicht der letzte Akt der culebró de Frankfurt, der Frankfurter Seitenoper. Nationalkatalanisch gesonnene Verbände, Parteien und Leserbriefschreiber agitierten weiter. Nun bleiben viele Spanisch schreibende Autoren – unter ihnen mit Juan Marsé und Eduardo Mendoza zwei der prominentesten katalanischen Schriftsteller überhaupt – verärgert zuhause in Barcelona.
Pikanterweise ist die Hauptstadt Kataloniens (schon seit langem) die wohl wichtigste Verlagsstadt der gesamten spanischsprachigen Welt. 1,6 Milliarden setzt die Verlagsbranche dort um, von den 260 Verlagen publiziert aber nur ein Drittel (auch) auf Katalanisch. Ein klein wenig mag man Verständnis haben für die Advokaten der katalanischsprachigen Literatur, die sich ohnehin ständig missachtet und zurückgesetzt fühlen und nun den großen Auftritt auf der Bühne der Literaturöffentlichkeit nicht mit ihren ungleich erfolgreicheren, auf Spanisch schreibenden Kollegen teilen wollen.
Die deutschen Verlage legen aber in diesem Bücherherbst nicht nur einiges an Literatur aus Katalonien auf, sondern versuchen auch das Orientierungsbedürfnis des mehr oder minder unbedarften Lesers zu bedienen. Mehr noch als den Literaturliebhaber haben sie dabei den Barcelona-Wochenendtouristen im Visier, denn die Sagrada Família oder die Ramblas sagen unsereinem vielleicht doch mehr als die Namen der wichtigsten katalanischen Lyriker.
Ulrike Fokken etwa führt uns in "Barcelona. Literarische Streifzüge" durch das noch dörfliche Gràcia der Mercè Rodoreda und in den Rotlichbezirk Raval des Krimiautors Manuel Vázquez Montalbán. Das muntere Autoren- und Quartierhopping liest sich gut, wirkt aber dadurch auch ein wenig aufgesetzt, weil fast für jeden Stadtteil die entsprechenden Romanpassagen und -plots gefunden werden müssen. Ebenfalls nach Stadtrundgang klingt "Crossing Barcelona. Literarische Streifzüge durch die Hauptstadt Kataloniens". In der von Hanna Grzimek herausgegebenen Anthologie mit sieben (mehr oder weniger) jungen Schriftstellern, die überwiegend auf Spanisch schreiben, tritt die Stadt aber in den Hintergrund. Die Texte handeln von den Wunden missbrauchter Kinder (Lolita Bosch) oder dem Versuch, eine verlorene Liebe zumindest in der Erinnerung zu bewahren (Josan Hatero).
Eine Anthologie ohne literarischen, dafür mit dezidiert politischem Anspruch ist der von einem Autorenkollektiv herausgegebene Sammelband "Rebellisches Barcelona". Mit 110 kurzen Texten von fast ebenso vielen Autoren wird eine Tradition der Widerständigkeit von Aufständen, Streiks und Demonstrationen von 1835 bis heute beschworen. Aufrechte Arbeiter und Anarchisten, Intellektuelle wie etwa George Orwell und Hausbesetzer kämpfen für die Sache des einfachen Volkes und gegen Kapitalisten, Faschisten, Stalinisten und Grundstücksspekulanten, die gerade wieder ganze Stadtviertel plattmachen wollen. Das wirkt in Summe etwas altlinks-revoluzzerhaft, kann aber auch als eine vielstimmige Geschichte "von unten" gelesen werden.
Das Kontrastprogramm dazu liefert Carlos Collado Seidel mit seiner "Kleinen Geschichte Kataloniens". Dieser grundsolide, aber auch staubtrockene Überblick reicht vom großen katalanischen Seereich des Mittelalters, das sich bis Athen (!) erstreckte, bis hin zu den Autonomie-Rangeleien der Gegenwart zwischen spanischer Zentralregierung und der Generalitat in Barcelona. Mit moderner Kulturgeschichte hat Collado Seidel nichts am Hut. Antoni Gaudí kommt ein einziges Mal vor, Salvador Dalí gar nicht, was den geschäftstüchtigen Verlag nicht davon abgehalten hat, die beiden wohl bekanntesten Katalanen auf den Buchdeckel zu hieven.
Ungleich süffiger kommen zwei Bände von Piper daher. Bereits letztes Jahr erschien Merten Worthmanns "Gebrauchsanweisung für Barcelona". Diese Sammlung von Feuilletons trifft genau die richtige Mischung aus tiefem Verständnis für die historische und kulturelle Komplexität Barcelonas, Liebeserklärung an die Stadt sowie ironischer Distanz und ist noch dazu blendend geschrieben.
Was hat dem Michael Ebmayer mit seiner "Gebrauchsanweisung für Katalonien" noch hinzuzufügen? Ist nicht schon alles gesagt? Ja, über Barcelona, aber zwischen Ebro-Mündung und Pyrenäen gibt es noch viel Unbekanntes zu entdecken. Ebmayer erzählt von den Castells – bis zu neun Stockwerke hohe menschliche Türme zu bauen, ist in Katalonien Volkssport –, den Havaneres, schwermütigen Seemannsliedern, die an jedem ersten Samstag im Juli Zehntausende zu einem Festival nach Calella de Palafrugell an der Costa Brava locken, und dem Caganer. Diese Figur in Bauerntracht ziert seit dem 18. Jahrhundert die katalanischen Weihnachtskrippen. Der Caganer, etwas abseits von Maria und Josef kauernd, hat die Hosen heruntergelassen und kackt. Unter ihm ein Haufen, auf dem Kopf die traditionelle katalanische Barretina.

Oliver Hochadel in FALTER 41/2007



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