Doktor Pasavento

Enrique Vila-Matas


Die Kunst des Verschwindens

Enrique Vila-Matas ergründet in seinem anspielungsreichen Roman "Doktor Pasavento" die Möglichkeiten zu verschwinden und begegnet dabei sehr vielen Kollegen - von Robert Walser bis Elfriede Jelinek.

In diesem Roman der opulentesten Häufung, der variierenden Wiederholung und des exzessiven Zitats, der schillernden Anspielungen und austauschbaren Identitäten triumphiert ein Erzählen, das nichts so hanebüchen findet wie eine "handlungsstarke" Geschichte oder Intrige. All das, was der postmoderne Professorenroman gepachtet zu haben scheint, ist hier mit langem Atem und im Bewusstsein einer weit zurückreichenden Tradition dieser anderen Art zu erzählen aberwitzig, allerdings keineswegs unprofessoral kombiniert.

"Nicht von ungefähr" (wie Rezensenten zu sagen pflegen) beginnt der Roman mit einem Besuch des Schlosses von Montaigne und mit der Geburt der Gattung des Essays, die mit der des modernen Romans ("Don Quijote") zusammenfällt. Dieser Verknüpfung ist "Doktor Pasavento" verpflichtet und entsprechende Tribute an die essayistisch kommentierte und unterbrochene Erzählung, an die Techniken des Abschweifens und des Selbstkommentars glitzern in den Passagen dieses Romans, in denen von Sternes "Tristram Shandy" bis Cortázars "Rayuela" kein Meilenstein einer sich derart skeptisch prüfenden Geschichte des modernen Subjekts ausgelassen wird.

Die wie selbstverständlich über nicht nur akademisch gefalzte Lippen perlende Rede vom "Verschwinden des Subjekts" (so lautet auch der Titel des ersten Kapitels dieses Romans) wird von Enrique Vila-Matas (1948 in Barcelona geboren) beim Wort genommen und seziert: Sein Roman handelt also davon, was es heißt zu verschwinden. Es stellt sich heraus, dass das Verschwinden gar nicht so einfach und auf paradoxe Weise mit dem Wunsch nach Selbstbehauptung verknüpft ist. Nichts peinigt den vom Verschwinden Begeisterten so sehr wie der Befund, dass sich niemand für seinen Verbleib interessiert. Dass man weiß, dass man fehlt, gehört zum Selbstgenuss dessen, der sich auf und davon machen will. Im Zweifelsfall muss der Protagonist dann im Internet nach sich selber suchen.

In seinem schmalen, romanhaft-essayistischen Vorgängerwerk "Bartleby & Co" (auf Deutsch ebenfalls bei Nagel & Kimche erschienen) war Vila-Matas einem verwandten Paradox auf der Spur, das vielfach auch in "Doktor Pasavento" hereinspielt. Es handelte von Autoren, die es vorzogen, "lieber nicht" (mehr) zu schreiben, um es mit Melvilles berühmtem Schreiber Bartleby zu sagen. Von Beckett bis Walser, von Rimbaud bis Kafka und anderen Autoren, von denen man einige vielleicht erst bei Vila-Matas kennen lernt, reicht die Galerie der Schriftsteller, die sich im Extremfall nach dem ersten Buch vor der Welt zu verstecken suchten.

Um die schwierige Kunst des Verschwindens zu bezeugen, tauchen einige davon auch in "Doktor Pasavento" prominent wieder auf: zuallererst Robert Walser, dem ein langes Kapitel gewidmet ist und der in Zitaten und Anspielungen den ganzen Roman entscheidend prägt. Nicht alle Walser-Zitate oder-Titel erscheinen im Originalwortlaut; ganz offenkundig wurden sie von der Übersetzerin Petra Striehn aus spanischen Walser-Übersetzungen ins Deutsche rückübersetzt. Das erzeugt gegenüber der spanischen Ausgabe des "Doktor Pasavento" eine zusätzliche, vom Autor unbeabsichtigte Facette des Leitthemas vom Verschwinden.

Die Darstellung der Reise des Doktor Pasavento nach Herisau, wo Robert Walser, wie nun wirklich schon jeder Nichtleser wissen dürfte, die letzten 23 Jahre seines Lebens in der Irrenanstalt verbracht hat, macht ein weiteres Mal ausgiebig Gebrauch von den (auto-)biografischen Aufzeichnungen Carl Seeligs, Walsers Förderer und Vormund in den Herisauer Jahren. Als Zeichen für die Präsenz Robert Walsers im heutigen Spanien ist das sehr erfreulich. Dass die Wallfahrt zu diesem "Kloster der Moderne" - um es mit dem auch von Vila-Matas bemühten Elias Canetti zu sagen - die Lust zu verschwinden mit einer Romantisierung des Wahnsinns verquickt, ist eine der Schwächen dieses Buches. Daran ändert auch der nachträgliche Wunsch des Protagonisten nach einem "Wahnsinn in Freiheit" nichts. Aus dem Meer der Zitate und Namen taucht auch Elfriede Jelinek auf: wegen des ihr zugesprochenen Nobelpreises für Literatur und, wie es auf Deutsch etwas enigmatisch heißt, wegen ihrer "absoluten Liebe zum Leben und zu Robert Walser" - und als "brillante Übersetzerin" von Thomas Pynchon.

Damit ist ein weiteres prominentes Alias des Protagonisten gelüftet: Doktor Pasavento gibt sich nämlich, wenn er nicht gerade Doktor Ingravallo ist, auch gerne als Doktor Pynchon/Pinchon aus: fürwahr ein prominenter Kronzeuge für die Kunst des Verschwindens, zudem ein Spezialist hohen Grades in Sachen Verschwörungstheorie und Paranoia. Am Beispiel der Rue Vaneau in Paris, wo wieder einmal alles mit allem zusammenhängt, ist dieses Spezialistentum sehr gefragt.

Auf der Suche nach der Wahrheit dieser Straße gerät das Ich mit seinen drei wechselnden Identitäten in verwickelte (kultur-)geschichtliche Zusammenhänge und Überlagerungen. Zu den zeitweiligen Bewohnern dieser Straße gehörten immerhin die Schriftsteller André Gide, Julien Green, Antoine de Saint-Exupéry und Karl Marx; in ihr steht auch das Hotel Suède, wo das Ich des realen Autors von seinem französischen Verlag untergebracht wird. Stets neue Entdeckungen erhöhen die Wonnen der Abschweifungen; gegen Ende kommen dann auch noch Emmanuel Bove und damit auch sein Übersetzer ins Deutsche, Peter Handke, zur Ehre des Zitiertwerdens.

Das Paradox, schreibend zu verschwinden, lässt sich indes nicht auflösen - auch nicht bei gesteigertem existenziellem Einsatz, in Form von Miniessays oder Mikrogrammen über den "Selbstmordversuch". Dem ist die behaglichere Einrichtung im Paradox unbedingt vorzuziehen, nämlich sich der "Möglichkeiten" zu bedienen, "die ein fiktionaler Text bietet, um, und sei es nur auf dem Papier, zu der Person zu werden, die ich mich im wirklichen Leben nicht zu sein traute". Ganz ohne Windbeuteleien, wie schon der Name des Doktors Pasavento anzudeuten scheint, geht das freilich nicht ab.

Karl Wagner in FALTER 41/2007



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